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85 m unter der Erde: Wie die Erbauer von Derinkuyu den Fels bezwangen

31. Oktober 2026

In den Tuffstein gehauener unterirdischer Raum mit mehreren runden und rechteckigen Öffnungen sowie einem Verbindungsgang in Derinkuyu.
Zahlreiche Durchgänge und Öffnungen verbinden die Räume der unterirdischen Stadt. Ihre Anordnung machte Derinkuyu zu einem verzweigten System, in dem sich einzelne Bereiche voneinander abtrennen ließen. Foto: Smarterpix / rherrmannde
Bis zu 85 m tief, ein Labyrinth aus Tunneln und schweren Steintüren: Wie entstand Derinkuyu? Neue Forschung zeigt, wie die unterirdische Stadt funktionierte.
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Unter Kappadokien in der Türkei liegt eine Stadt, die tief in den Fels gehauen wurde. Gänge, Brunnen, Lagerräume und schwere Steintüren bildeten ein weitverzweigtes System. Bis zu 20.000 Menschen sollen dort Platz gefunden haben. Doch wie entstand Derinkuyu, und wie funktionierte das Leben unter der Erde? Neue Forschung liefert weitere Einblicke.

Wer heute durch Derinkuyu läuft, muss sich an manchen Stellen tief bücken. Schmale Gänge führen zu größeren Räumen, Treppen verschwinden in der Tiefe. Immer wieder zweigen weitere Tunnel ab. Ohne Orientierung wäre es leicht, in diesem Labyrinth den Überblick zu verlieren.

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Und das alles wurde in den Fels gehauen. Ohne moderne Bohrmaschinen, ohne Beton und ohne Stahlstützen. Die Erbauer nutzten ein Gestein, das sich vergleichsweise leicht bearbeiten ließ, und schufen damit eine der bekanntesten unterirdischen Städte der Welt.

Derinkuyu liegt in Kappadokien in der Zentraltürkei. Die Anlage reicht nach verbreiteten Angaben bis zu 85 m unter die Erdoberfläche. Häufig ist von mindestens 18 Ebenen die Rede. Öffentlich zugänglich und amtlich dokumentiert ist dagegen ein Bereich mit acht Ebenen. Die genaue Abgrenzung der Stockwerke ist ohnehin schwierig: Die Räume wurden nicht wie bei einem modernen Gebäude regelmäßig übereinandergesetzt, sondern folgen einem verzweigten System aus Gängen und Hohlräumen.

Inhaltsverzeichnis

Warum die Menschen ausgerechnet hier unterirdisch bauten

Die Landschaft Kappadokiens ist für ihre bizarren Felsformationen bekannt. Wind und Wasser haben hier über lange Zeit Türme, Kegel und steile Felswände geschaffen. Ihren Ursprung verdankt die Landschaft vor allem vulkanischen Ablagerungen. Aus vulkanischer Asche und anderem Auswurfmaterial entstanden mächtige Schichten aus Tuffstein. Dieses Gestein spielte eine entscheidende Rolle beim Bau von Derinkuyu.

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Tuff lässt sich mit einfachen Werkzeugen wesentlich leichter bearbeiten als viele andere Gesteinsarten. Die Menschen konnten deshalb Räume, Schächte und Gänge direkt aus dem Fels herausarbeiten. Das ausgehobene Material musste anschließend an die Oberfläche geschafft werden.

Einfach war das trotzdem nicht. Die Erbauer mussten darauf achten, dass zwischen den Hohlräumen genügend Fels stehen blieb. Auch größere Räume durften die Stabilität der darüberliegenden Bereiche nicht gefährden.

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Wie erstaunlich dauerhaft solche Bauwerke sein können, zeigt auch der Venustempel in der Nähe von Neapel. Dort nutzten antike Baumeister ebenfalls die besonderen Eigenschaften vulkanischer Materialien – allerdings mit ganz anderen Bauverfahren.

Warum stürzt Derinkuyu nicht ein?

Dass die unterirdischen Räume über Jahrhunderte erhalten geblieben sind, beschäftigt auch die Ingenieurwissenschaften. Bereits 2013 untersuchten Ömer Aydan und Reşat Ulusay die geomechanischen Eigenschaften von Derinkuyu. Ihre Arbeit erschien in der Fachzeitschrift Rock Mechanics and Rock Engineering.

Die Wissenschaftler beschäftigten sich unter anderem mit der Festigkeit des Gesteins, den Spannungen im Fels und möglichen langfristigen Veränderungen. Auch Feuchtigkeit und Frost-Tau-Wechsel spielten bei ihren Untersuchungen eine Rolle.

Dazu wurden nicht nur theoretische Berechnungen angestellt. Die Forschenden überwachten auch die Bedingungen im Inneren der Anlage. Auf der fünften und siebten Ebene kamen unter anderem Messsysteme zum Einsatz, die Veränderungen im Gestein erfassen sollten.

Denn ein Hohlraum im Fels bleibt nicht allein deshalb stabil, weil er schon sehr alt ist. Entscheidend sind seine Form, die darüberliegenden Gesteinsmassen und die Eigenschaften des umgebenden Materials. Risse, Feuchtigkeit oder Veränderungen der Belastung können die Standsicherheit beeinflussen.

Wer hat Derinkuyu gebaut?

Diese Frage ist bis heute nicht abschließend geklärt. Verschiedene Veröffentlichungen bringen die Anfänge der Anlage mit den Hethitern oder den Phrygern in Verbindung. Manche Datierungsansätze reichen bis in die vorchristliche Zeit zurück. Allerdings lässt sich nicht eindeutig nachweisen, wer die ersten Räume anlegte und wie groß die ursprüngliche Anlage war.

Klarer ist die spätere Geschichte. Während der römischen und insbesondere der byzantinischen Epoche wurden unterirdische Siedlungen in Kappadokien als Zufluchtsorte genutzt. Die Region erlebte wiederholt militärische Konflikte und Angriffe. In solchen Situationen boten versteckte Zugänge und tief im Fels gelegene Räume Schutz.

Derinkuyu entstand vermutlich nicht als ein einziges großes Bauprojekt. Die Anlage wurde über längere Zeit genutzt, verändert und erweitert. Das erklärt auch, weshalb ihre Räume so unterschiedlich angeordnet sind.

Bekannt wurde Derinkuyu außerhalb der Region durch die Wiederentdeckung größerer Bereiche im Jahr 1963. Nach einer weitverbreiteten Darstellung stieß ein Bewohner bei Arbeiten in seinem Haus auf bislang unbekannte unterirdische Räume. Die oft erzählte Geschichte von verschwundenen Hühnern lässt sich dagegen nicht zuverlässig belegen.

Aus dem weichen Tuffstein schlugen die Erbauer von Derinkuyu ein weitverzweigtes System aus Räumen und Gängen. Die unterirdische Stadt in Kappadokien diente über Jahrhunderte unterschiedlichen Zwecken. Foto: Smarterpix / wjarek

Eine Festung mit Türen aus Stein

Besonders auffällig sind die großen runden Steine, mit denen sich einzelne Durchgänge verschließen ließen. Sie erinnern an überdimensionale Mühlsteine und gehören zu den markantesten Bauelementen von Derinkuyu. Diese Rollsteintüren wurden seitlich vor die Öffnungen bewegt. So konnten die Menschen bestimmte Bereiche des Tunnelsystems abriegeln.

Für mögliche Angreifer war das ein erhebliches Hindernis. Viele Durchgänge waren so schmal, dass nur einzelne Personen hindurchpassten. Wer einen solchen Gang betreten wollte, konnte weder größere Gruppen noch sperrige Ausrüstung problemlos mitnehmen.

Hinzu kamen Treppen, Richtungswechsel und unterschiedliche Höhen zwischen den Räumen. Die Verteidigung beruhte also nicht allein auf schweren Türen, sondern auf der gesamten Anordnung der Wege. Wie wichtig diese Bauweise war, zeigt eine neue Untersuchung aus dem Juli 2026.

Neue Studie zeigt, wie durchdacht Derinkuyu angelegt war

Die Wissenschaftlerinnen Sezin Nas und Saadet Aytıs haben untersucht, wie die Räume von Derinkuyu miteinander verbunden sind. Ihre Studie erschien im International Journal of Social and Humanities Sciences. Die Forscherinnen betrachteten die unterirdische Stadt nicht einfach als Gebäude mit übereinanderliegenden Stockwerken. Stattdessen untersuchten sie, wie Menschen die verschiedenen Bereiche erreichen konnten und welche Verbindungen zwischen den Räumen bestanden.

Dabei zeigte sich, dass schmale Durchgänge, plötzliche Höhenwechsel und die schweren Rollsteintüren eine besondere Bedeutung hatten. Sie verbanden nicht nur unterschiedliche Bereiche. Durch sie ließ sich auch steuern, wer wohin gelangen konnte und welche Teile der Anlage voneinander getrennt waren.

Die Forscherinnen beschreiben die Organisation der Stadt als „network-based, relational and flexible system“ – also als netzwerkartiges, auf Beziehungen zwischen Räumen beruhendes und flexibel nutzbares System. Das Zitat stammt aus der im Juli 2026 veröffentlichten Originalstudie. Die Untersuchung macht deutlich, weshalb die übliche Einteilung in Stockwerke das Bauwerk nur unvollständig beschreibt.

Die Wissenschaftlerinnen unterschieden sechs grundlegende Raumtypen. Für ausgewählte Bereiche erstellten sie außerdem KI-gestützte digitale Rekonstruktionen. Dazu gehörten eine Kirche, eine Küche und ein Wohn- beziehungsweise Ruhebereich. Die Modelle zeigen mögliche historische Nutzungen. Sie sind jedoch keine gesicherten Abbilder des damaligen Alltags.

Wie konnten die Menschen unter der Erde leben?

Derinkuyu war weit mehr als ein Labyrinth aus engen Gängen und Verstecken. Unter der Erde gab es Vorratsräume, Brunnen und Orte, an denen Menschen zusammenkommen konnten. Sogar Wein wurde hier hergestellt. Die türkische Museumsverwaltung nennt außerdem religiöse Einrichtungen, darunter eine Schule für religiöse Unterweisung und ein Taufbecken. Die Anlage war also nicht nur als kurzfristiger Zufluchtsort gedacht.

Damit sich Menschen längere Zeit unter der Erde aufhalten konnten, brauchten sie vor allem Wasser und frische Luft. Brunnen sicherten die Wasserversorgung, während Schächte verschiedene Ebenen mit der Oberfläche verbanden. Wie gut die Belüftung tatsächlich funktionierte, lässt sich heute allerdings nicht genau sagen. Das hing unter anderem davon ab, wie die Räume miteinander verbunden waren und wie viel Luft durch die Schächte strömen konnte.

Hinzu kam das Problem der Beleuchtung. Tief im Fels drang kein Tageslicht mehr in die Räume. Die Menschen waren deshalb auf künstliche Lichtquellen angewiesen. Öllampen oder andere offene Flammen verbrauchten jedoch Sauerstoff und erzeugten Rauch.

Enge, in den Fels gehauene Gänge verbinden die verschiedenen Bereiche von Derinkuyu. Die schmalen Durchgänge erschwerten möglichen Angreifern das Vordringen in die unterirdische Stadt. Foto: Smarterpix / igor_stramyk

Hatten wirklich 20.000 Menschen Platz?

Bis zu 20.000 Menschen sollen in Derinkuyu Platz gefunden haben. Diese Zahl findet sich in vielen Berichten über die unterirdische Stadt und wird auch von der örtlichen Gemeinde genannt. Ob sich tatsächlich jemals so viele Menschen gleichzeitig unter der Erde aufhielten, weiß allerdings niemand.

Dabei ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: Wie viele Menschen eine Anlage im Notfall aufnehmen konnte, sagt noch nichts darüber aus, wie viele dort tatsächlich lebten. Derinkuyu diente über Jahrhunderte hinweg unterschiedlichen Zwecken. Räume wurden erweitert, umgebaut oder anders genutzt. Wahrscheinlich waren auch nicht immer alle Bereiche gleichzeitig in Gebrauch. Die oft genannten 20.000 Menschen sind daher eher eine Schätzung der möglichen Aufnahmekapazität als eine gesicherte Einwohnerzahl.

Wie klang das Leben unter der Erde?

Mit einer weiteren ungewöhnlichen Frage beschäftigt sich ein Forschungsteam um Sezin Nas. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten 2025, wie sich die akustischen Eigenschaften der unterirdischen Räume virtuell erfahrbar machen lassen.

Dafür entwickelten sie digitale Modelle verschiedener Bereiche von Derinkuyu. Mit einer Akustiksoftware berechneten sie, wie sich Geräusche in den Räumen ausbreiten und wie sie von den Felswänden zurückgeworfen werden können. Diese Simulationen wurden mit virtueller Realität kombiniert. So lassen sich unterschiedliche Klangumgebungen innerhalb des Tunnelsystems untersuchen.

Die Forschenden sprechen von einem virtuellen Klangspaziergang. Dabei geht es nicht darum, die tatsächlichen Geräusche vergangener Jahrhunderte zweifelsfrei wiederzugeben. Vielmehr soll untersucht werden, welche akustischen Bedingungen die Architektur vorgibt und wie sich mögliche historische Geräuschkulissen darstellen lassen.

Der Ansatz ergänzt die Erforschung von Derinkuyu um einen Aspekt, der bei der Betrachtung alter Bauwerke häufig in den Hintergrund rückt: Menschen orientieren sich nicht nur mit den Augen, sondern auch über Geräusche.

Warum wurde die unterirdische Stadt aufgegeben?

Derinkuyu wurde nicht von heute auf morgen aufgegeben. Über die Jahrhunderte änderte sich die Nutzung der unterirdischen Stadt. Manche Räume wurden nicht mehr gebraucht, andere weiterhin genutzt. Wann die letzten Menschen die Anlage dauerhaft verließen, lässt sich heute nicht genau sagen.

Eine wichtige Zäsur in der Geschichte Kappadokiens war der Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei im Jahr 1923. Damals mussten viele griechisch-orthodoxe Bewohner die Region verlassen. Das bedeutet allerdings nicht, dass Derinkuyu bis zu diesem Zeitpunkt durchgehend als unterirdische Wohnstadt genutzt wurde.

Heute können Besucher einen Teil der Anlage erkunden. Sie steigen über Treppen in die Tiefe, zwängen sich durch schmale Gänge und gelangen in Räume, die vor Jahrhunderten in den Fels gehauen wurden. Große Teile des unterirdischen Systems bleiben für Touristen allerdings verschlossen.

Welche Geheimnisse warten noch?

Derinkuyu ist zudem kein Einzelfall. In Kappadokien gibt es zahlreiche weitere unterirdische Anlagen. Eine der bekanntesten ist Kaymaklı, ebenfalls ein weitverzweigtes System aus Gängen und Räumen. Über viele Jahrhunderte nutzten die Menschen der Region den vulkanischen Tuffstein, um sich unter der Erde Schutz- und Lebensräume zu schaffen.

Derinkuyu wirft dabei bis heute Fragen auf. Wie gelang es den Erbauern, ein derart großes Tunnelsystem ohne moderne Maschinen aus dem Fels zu schlagen? Wie organisierten sie die Versorgung und sicherten die Zugänge? Und wie entwickelte sich die Anlage über die Jahrhunderte? Die Forschung liefert darauf immer neue Antworten. Doch längst nicht alle Geheimnisse der unterirdischen Stadt sind gelöst.

Auch andere antike Bauwerke zeigen, wie weit das technische Wissen früherer Gesellschaften reichte. Beim Kolosseum in Rom waren beispielsweise ausgefeilte Aufzugs- und Gewölbekonstruktionen im Einsatz. Einen Überblick über weitere historische Siedlungen bietet unser Beitrag über zehn verlorene Städte.

Quellen



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