Fregatten F126: Neustart für ein festgefahrenes Milliardenprojekt
Fregattenprojekt F126 vor Neustart: NVL übernimmt die operative Führung. Warum das Milliardenprojekt stockte – und was sich jetzt ändert.
Kiellegung der Fregatte F126 "Niedersachsen" im Jahr 2024: Verteidigungsminister Boris Pistorius auf der Peene-Werft in Wolgast. Nach Verzögerungen übernimmt NVL nun die operative Steuerung des F126-Projekts.
Foto: picture alliance/dpa | Stefan Sauer
Die Deutsche Marine braucht neue Schiffe – und zwar nicht irgendwann. Sechs Fregatten des Typs F126 sollen die in die Jahre gekommene Bremen-Klasse (F122) ablösen. Doch ausgerechnet dieses Schlüsselprojekt geriet zuletzt massiv ins Schlingern. Termine rutschten, Abläufe stockten, Zweifel wuchsen. Jetzt gibt es erstmals seit Langem ein Signal der Hoffnung: Naval Vessels Lürssen (NVL) übernimmt die operative Führung und will das Projekt wieder auf Kurs bringen.
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Das eigentliche Problem lag nicht im Stahl
Nach außen wirkte es lange so, als sei der Bau der F126 schlicht zu komplex. Tatsächlich lag der Kern des Problems tiefer – und war unsichtbar. Die Fregatte wird arbeitsteilig an mehreren Standorten gebaut. Damit das funktioniert, müssen alle Werften mit exakt denselben Konstruktions- und Fertigungsdaten arbeiten. Genau das klappte nicht.
Die digitalen Schnittstellen zwischen dem ursprünglichen Hauptauftragnehmer Damen Naval und den deutschen Bauwerften waren fehleranfällig. Stücklisten passten nicht, Konfigurationsstände liefen auseinander, Änderungen kamen zu spät oder gar nicht an. Für ein Serienprojekt dieser Größe ist das Gift. Die Folge: Stillstand.
NVL bringt Ordnung in die Datenflut
NVL sieht diesen Knoten nun gelöst. Nach Unternehmensangaben ist es gelungen, die Konstruktionsdaten von Damen sauber in die eigenen Systeme zu überführen und konsistent nutzbar zu machen. Das klingt technisch – ist aber der entscheidende Schritt. Ohne eine verlässliche Datenbasis lässt sich kein Mehrwerftenprojekt steuern.
Rechtlich bleibt Damen Naval zwar Teil des Konsortiums, operativ aber zieht nun NVL die Fäden. Mit Zustimmung des Auftraggebers übernimmt das Unternehmen die industrielle Koordination – und damit die Verantwortung, aus Plänen endlich wieder Schiffe zu machen.
Auf den Werften tut sich wieder etwas
Dass der Neustart mehr ist als eine Ankündigung, zeigt der Blick in die Hallen. Bei German Naval Yards in Kiel läuft seit Januar die Sektionsmontage eines ersten Großblocks. Blohm+Voss fertigt bereits Rohrleitungen.
Das Baukonzept bleibt ambitioniert: Vorschiffsektionen entstehen in Kiel, Hinterschiffe auf der Peene-Werft in Wolgast. Später werden beide Teile zusammengeführt, die Endausrüstung erfolgt in Hamburg. Genau dieses Baukastensystem war von Anfang an geplant – und scheiterte bislang an der mangelhaften Datenlage. Nun soll es endlich greifen. Ab dem Frühjahr werden in Wolgast sichtbare Fortschritte erwartet.
Was die F126 können soll – und was nicht
Die F126 ist kein klassischer Hochleistungs-U-Boot-Jäger. Ihr Schwerpunkt liegt auf langen Einsätzen, maritimer Sicherheit und Eskorten – mit hoher Verfügbarkeit und vergleichsweise kleiner Besatzung. Automatisierung und modulare Einsatzkonzepte spielen eine zentrale Rolle.
Zur U-Boot-Abwehr sind Fähigkeiten vorgesehen, etwa über Bordhubschrauber und unbemannte Systeme. Die eigentliche Hochwert-ASW bleibt jedoch Aufgabe der modernisierten Brandenburg-Klasse und später der geplanten F127.
Der Zeitplan bleibt eng
Ursprünglich sollte die erste F126 ab 2028 in Dienst gehen. Dieses Ziel ist passé. Realistisch ist ein Einstieg ab 2031. Angesichts der sicherheitspolitischen Lage, vor allem im Nordatlantik, ist das spät. Die alten F122-Fregatten lassen sich nur mit erheblichem Aufwand weiterbetreiben.
Industriepolitisch in Bewegung
Parallel zum technischen Neustart steht ein Eigentümerwechsel im Raum. NVL soll von der Lürssen-Gruppe an Rheinmetall verkauft werden. Der Schritt gilt als wahrscheinlich, ist aber regulatorisch noch nicht abgeschlossen. Rheinmetall will damit seine Marineaktivitäten ausbauen.
Wichtiger Partner bleibt thyssenkrupp Marine Systems (TKMS). Beide Unternehmen arbeiten bereits mit Blick auf die nächste Fregattengeneration F127 zusammen.
Übergangslösungen nur als Notoption
Zeitweise stand sogar ein Abbruch der F126 im Raum. Um eine Fähigkeitslücke zu vermeiden, prüfte die Bundesregierung Übergangslösungen auf Basis der MEKO-200-Familie. Das sind bislang jedoch Gedankenspiele, keine Beschlüsse. Weder Stückzahlen noch Kosten sind festgelegt. Klar ist nur: Eine Übergangslösung könnte Zeit kaufen, die F126 aber nicht ersetzen.
Ein vorsichtiger Neuanfang
Mit der operativen Übernahme durch NVL bekommt das F126-Projekt eine zweite Chance. Zum ersten Mal seit Jahren wirkt die industrielle Steuerung beherrschbar. Ob daraus am Ende ein stabiler Serienbau wird, muss sich zeigen. Doch eines ist klar: Ohne diesen Neustart wäre das Projekt faktisch verloren gewesen. Jetzt ist es wieder auf Kurs – zumindest vorerst.
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