Frauenpower in der Innovation? Zahlen aus Europa decken große Unterschiede auf
Frauen und Patente in Europa: Wie entwickelt sich die Erfinderinnenquote – und warum bleibt Deutschland zurück? Eine aktuelle Studie des Europäisches Patentamt liefert neue Zahlen zu Patentanmeldungen, Tech-Startups und Patentberufen.
Frauen gestalten Europas Innovation: Von Patenten über Tech-Startups bis zu Patentberufen – wo Fortschritt gelingt und wo Deutschland aufholt.
Foto: Smarterpix/AndreyPopov
Wie sieht es bei Patentanmeldungen von Frauen aus? Eine neue Studie der Europäisches Patentamt (EPA) zeigt: Der Fortschritt ist da – aber er geht nur langsam voran. Untersucht wurde die Rolle von Frauen in MINT-Berufen und im Innovationsumfeld in ganz Europa.
Die Analyse macht deutlich, dass Frauen weiterhin unterrepräsentiert sind – etwa bei Patentanmeldungen, in Deep-Tech-Start-ups, in Patentberufen und auf den Karrierewegen promovierter Wissenschaftlerinnen. Zwar gibt es Verbesserungen, doch die Lücken bestehen nach wie vor.
Der Bericht wurde kurz vor dem Internationalen Frauentag veröffentlicht und liefert belastbare Zahlen für Europa. Er soll politische Initiativen wie die EU-Strategie zur Gleichstellung und die Innovationsziele auf europäischer Ebene mit konkreten Daten unterstützen.
„Europa kann nur davon profitieren, die Beteiligung von Frauen an Innovationen zu stärken“, kommentiert EPA-Präsident António Campinos. „Diversität ist kein Luxus, sondern der Treibstoff für bahnbrechende Innovationen. Diese Studie deckt weiterhin bestehende Hindernisse auf unserem Weg zum Fortschritt auf, damit Europa sein volles Innovationspotenzial in Forschung, Patentierung und Unternehmertum ausschöpfen kann.”
Frauen bei Patentanmeldungen: Kaum Fortschritte in Europa und Deutschland
Der Anteil von Erfinderinnen in Europa ist in den vergangenen Jahren nur leicht gestiegen – von 13 % im Jahr 2019 auf 13,8 % im Jahr 2022. Frauen arbeiten zwar häufig in Erfinderteams mit, werden aber deutlich seltener als alleinige Erfinderinnen genannt. Das spricht dafür, dass es weiterhin strukturelle Hürden gibt.
Besonders niedrig ist der Anteil in Deutschland. Die sogenannte Erfinderinnenquote (Women Inventor Rate, WIR) – also der Anteil von Frauen an europäischen Patentanmeldungen – stieg hier nur minimal: von 9,7 % (2013–2017) auf 10,3 % (2018–2022). Insgesamt bleibt die Beteiligung von Frauen an Patenten damit auf einem dauerhaft niedrigen Niveau.
Ein Grund für den Abstand zum EU-Durchschnitt liegt in der Struktur der Patentanmeldungen in Deutschland: Es gibt viele Anmeldungen durch Unternehmen, aber vergleichsweise wenige durch Hochschulen oder öffentliche Forschungseinrichtungen. Zudem konzentrieren sich deutsche Patente stark auf Technologiefelder, in denen traditionell besonders wenige Frauen als Erfinderinnen vertreten sind.
Innovationscluster: Wo Frauen bei Patenten stärker vertreten sind
Ein Blick auf die führenden Innovationsregionen Europas zeigt: Auch innerhalb Deutschlands gibt es deutliche Unterschiede bei der Beteiligung von Frauen an Patentanmeldungen.
Unter den 30 stärksten Innovationsclustern Europas liegt Düsseldorf vorn. Die Erfinderinnenquote (Women Inventor Rate, WIR) betrug dort im Zeitraum 2018–2022 19,1 % – und damit über dem deutschen Durchschnitt. In der vorherigen Periode (2013–2017) lag sie sogar bei 20,3 %. Im europäischen Vergleich erreicht Düsseldorf damit Platz 6. Eine wichtige Rolle spielt die starke Spezialisierung der Region auf den Chemiesektor, in dem vergleichsweise mehr Frauen an Patenten beteiligt sind.
Besonders dynamisch entwickelte sich der Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg. Hier stieg die Erfinderinnenquote von 9,1 % auf 11,2 %. Damit gehört die Region zu den deutschen Clustern mit dem stärksten Zuwachs.
Ein weiteres Beispiel ist Rostock: Die Stadt konnte ihre Quote sogar verdoppeln – von 11 % (2013–2017) auf 22 % (2018–2022). Das liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Im europäischen Vergleich belegt Rostock Platz 9 bei der Wachstumsrate von Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt.
Frauen im Tech-Unternehmertum: Weiterhin deutlich unterrepräsentiert
Auch bei technologieorientierten Startups mit Patentanmeldungen sind Frauen klar in der Minderheit. Nur 13,5 % dieser Unternehmen haben mindestens eine Gründerin.
Im europäischen Vergleich zeigen sich große Unterschiede: Länder wie Spanien, Portugal und Irland schneiden deutlich besser ab, während die Niederlande, Österreich und Deutschland zu den Schlusslichtern gehören.
Ein positiver Trend ist bei jüngeren Startups zu erkennen: Hier liegt der Anteil von Gründerinnen bei 14 %. Bei Unternehmen, die älter als 20 Jahre sind, sind es nur rund 5,9 %. Das spricht für mehr Diversität bei Neugründungen.
Allerdings zeigt sich ein Problem in der Wachstumsphase: Sobald es um größere Finanzierungsrunden geht, sinkt der Anteil von Frauen wieder spürbar. Von Frauen mitgegründete Unternehmen stoßen hier offenbar weiterhin auf größere Hürden.
Deutschland: Wenige Gründerinnen in patentaktiven Startups
Deutschland gehört zu den europäischen Ländern mit dem niedrigsten Anteil an Gründerinnen in Startups, die europäische Patente anmelden. Frauen machen hier nur 7,6 % aller Gründerinnen und Gründer aus.
Etwas positiver sieht es bei einer anderen Kennzahl aus: 12,4 % der Startup-Teams haben mindestens eine Gründerin. Das liegt vor allem daran, dass es vergleichsweise viele gemischtgeschlechtliche Gründerteams gibt – ihr Anteil beträgt 7,1 %.
Frauenanteil nach Technologiefeld: Große Unterschiede in Europa
Wie stark Frauen an Patenten beteiligt sind, hängt in Europa stark vom jeweiligen Technologiebereich ab. In einigen Feldern sind sie gut vertreten – in anderen kaum.
Hoher Anteil von Erfinderinnen (Life Sciences):
- Pharmazeutika: 34,9 %
- Biotechnologie: 34,2 %
- Lebensmittelchemie: 32,3 %
Sehr niedriger Anteil (klassische Ingenieursbereiche):
- Werkzeugmaschinen: 5,7 %
- Grundlegende Kommunikationsprozesse: 5,5 %
- Mechanische Bauteile: 4,9 %
Deutliche Unterschiede zeigen sich auch bei den Anmeldern:
Den höchsten Anteil an Erfinderinnen (24,4 %) verzeichnen Universitäten und öffentliche Forschungseinrichtungen. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Einzelantragsteller kommen dagegen auf die niedrigsten Beteiligungsquoten.
Die Lücke in den Patentberufen bleibt – trotz Fortschritten
Die Studie schaut nicht nur auf Erfinderinnen, sondern auch auf die Berufe rund um Patente und Innovation. Hier gibt es leichte Fortschritte: Frauen stellen inzwischen 29,2 % der europäischen Patentanwälte – mit steigender Tendenz. Das zeigt, dass mehr Frauen in Bereichen arbeiten, die das Innovationssystem tragen und gestalten.
In Deutschland ist die Entwicklung zwar ebenfalls positiv, aber das Niveau bleibt niedrig. Zwischen 2015 und 2025 stieg der Anteil weiblicher europäischer Patentanwälte um 4,6 Prozentpunkte. Trotzdem liegt der Frauenanteil 2025 bei nur 20,7 %. Damit hat Deutschland – trotz der höchsten Zahl registrierter europäischer Patentanwält:innen – den zweitniedrigsten Frauenanteil in Europa und bleibt deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 29,2 %.
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