Die neue Weltordnung kennt keine neutralen Märkte mehr
„Märkte sind nicht mehr neutral“: Prof. Marcel Fratzscher und Dr. Stefan Mair erklären, warum Deutschland sein Wirtschaftsmodell neu denken muss.
Dr. Stefan Mair, Jana Daunke und Prof. Marcel Fratzscher diskutieren die geoökonomische Verschiebung: Märkte sind zunehmend Teil strategischer Machtpolitik und verlieren ihre Neutralität.
Foto: Alexandra Ilina
Während draußen der dritte Streik in Folge den Berliner Verkehr beeinträchtigte, stand beim wirtschaftspolitischen Frühstück der Transform 2026 eine nüchterne Analyse im Mittelpunkt. Knapp ein Jahr nach Amtsantritt der Bundesregierung haben sich die Rahmenbedingungen verschoben: Sicherheits-, Handels- und Industriepolitik greifen ineinander. Jana Daunke diskutierte mit Prof. Marcel Fratzscher (DIW) und Dr. Stefan Mair (SWP) über die Konsequenzen für Deutschland.
Verknüpfung von wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Zielen
Zu Beginn wurde deutlich, dass wirtschaftliche und außenpolitische Instrumente nicht mehr getrennt betrachtet werden können. Stefan Mair verwies auf eine Erosion der regelbasierten Ordnung. Gemeint ist: internationale Regeln wie territoriale Integrität oder multilaterale Konfliktlösung verlieren an Bindungskraft.
In diesem Kontext gewinnt Geoökonomie an Bedeutung. Darunter ist der gezielte Einsatz wirtschaftlicher Instrumente zur Durchsetzung politischer Interessen zu verstehen. Dazu zählen Sanktionen, Exportkontrollen, Investitionsprüfungen sowie Eingriffe in Technologie- und Datenflü„Märkte sind nicht mehr neutral“: Prof. Marcel Fratzscher und Dr. Stefan Mair erklären, warum Deutschland sein Wirtschaftsmodell neu denken muss.sse. Märkte sind damit nicht mehr neutral, sondern Teil strategischer Auseinandersetzungen.
„Wirtschaft ist jetzt ein zentrales Spielfeld der Machtpolitik“, so das Fazit von Mair.
Fratzscher bestätigte diese Einordnung, widersprach aber einer häufig gezogenen Schlussfolgerung. Das Problem sei nicht die internationale Verflechtung selbst, sondern asymmetrische Abhängigkeit. Diese liegt vor, wenn ein Land bei kritischen Ressourcen, Technologien oder Absatzmärkten stärker auf Partner angewiesen ist als umgekehrt. Daraus entsteht politische Verwundbarkeit.
Er plädierte für Diversifikation statt Rückzug. Der in der EU verwendete Begriff De-Risking bezeichnet genau das: die gezielte Reduktion einseitiger Abhängigkeiten bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung wirtschaftlicher Offenheit. Er ist nicht mit Abschottung gleichzusetzen.
Erkenntnis 1: Geoökonomische Risiken sind strukturell
Handelsbeziehungen allein stabilisieren keine politischen Beziehungen mehr. Lieferketten, Rohstoffe und Marktzugänge können gezielt als Druckmittel eingesetzt werden.
Für Unternehmen bedeutet das: geopolitische Risiken sind keine externen Störgrößen mehr, sondern Teil der Geschäftsgrundlage. Abhängigkeiten müssen systematisch analysiert und abgesichert werden. Einseitige Konzentration auf einzelne Märkte oder Lieferanten erhöht das Ausfall- und Erpressungsrisiko.
Erkenntnis 2: Regulatorische Fragmentierung begrenzt Skalierung
Ein zentrales Thema war die interne Struktur des europäischen Marktes. Fratzscher identifizierte drei strukturelle Schwächen:
- Fragmentierte Regulierung: Trotz Binnenmarkt bestehen nationale Unterschiede bei Aufsicht, Steuern und Genehmigungen. Diese erzeugen zusätzliche Transaktionskosten und bremsen Skalierung.
- Unvollständige Kapitalmarktunion: In der Wachstumsphase fehlt es europäischen Unternehmen an Risikokapital. Kapital wird verstärkt in die USA verlagert, wo größere und integrierte Finanzmärkte bestehen.
- Geringe Umsetzungsgeschwindigkeit: Komplexe Verfahren und mehrstufige Förderstrukturen verlängern Innovationszyklen. Das steht im Konflikt mit der Geschwindigkeit digitaler Märkte.
Diese Faktoren wirken kumulativ. Sie reduzieren die Fähigkeit europäischer Unternehmen, schnell zu wachsen und globale Marktpositionen zu erreichen.
Erkenntnis 3: Europa als notwendige Skalierungsebene
Die abschließende Bewertung war eindeutig: Nationale Strategien reichen nicht aus, um im Wettbewerb mit großen Wirtschaftsblöcken zu bestehen.
Europa stellt die notwendige Skalierungsebene dar – sowohl für Industriepolitik als auch für Technologieentwicklung und Regulierung. Gemeint ist die Fähigkeit, einen ausreichend großen integrierten Markt zu schaffen, um Investitionen, Innovation und Standardsetzung zu bündeln.
Dafür sind institutionelle Anpassungen erforderlich. Diskutiert wurden unter anderem:
- stärkere Nutzung qualifizierter Mehrheitsentscheidungen,
- koordinierte Industriepolitik,
- gemeinsame Beschaffung und Infrastrukturprojekte.
Ohne diese Schritte bleibt die europäische Handlungsfähigkeit begrenzt.
Ergebnis
Die zentrale Verschiebung lässt sich klar benennen: Märkte sind nicht mehr neutral. Sie sind Teil geopolitischer Strategien. Für Deutschland als stark exportorientierte Volkswirtschaft entsteht daraus ein strukturelles Risiko – und gleichzeitig der Druck, Abhängigkeiten aktiv zu steuern.
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