Deutschlands Solar-Paradox: Rekord-Ausbau ohne eigene Module
Solarboom ohne Industrie: Wie politische Fehler, China-Druck und Insolvenzen das Solar Valley entkernten – und wo noch Chancen liegen.
Ausverkauf bei Meyer-Burger in Sachsen. Welche Zukunft hat die Solarindustrie in Deutschland noch?
Foto: picture alliance/dpa | Simon Kremer
Das Ende des Solar Valley lagert in einem dunklen, über hundert Meter langen Korridor. Auf Paletten stapeln sich Solarmodule bis unter die Decke, verpackt in durchsichtige Folie. Früher empfingen Firmenvertreter in diesen Hallen Spitzenpolitiker der Bundesregierung. Man posierte lächelnd vor schwarz glänzenden Oberflächen für die Presse.
Heute kleben kleine Inventarnummern an den Produktionsanlagen, den Schreibtischen und sogar an den Topfpflanzen in den Büros. Der Maschinenpark von Meyer Burger, dem einst letzten großen Hoffnungsträger der deutschen Modulproduktion, wird versteigert.
Inhaltsverzeichnis
- "Solarindustrie in einem bemitleidenswerten Zustand"
- Das Paradoxon zwischen Ausbau und Produktion
- Politische Fehlentscheidungen und der Einbruch der Nachfrage
- Der Preisdruck aus China
- Forschung und Handwerk als Rettungsanker
- Downstream-Markt boomt
- Braucht die Industrie staatliche Hilfe?
- Noch gibt es Optimismus
- Einordnung der aktuellen Lage
„Solarindustrie in einem bemitleidenswerten Zustand“
Gunter Erfurt hat diese Entwicklung hautnah miterlebt. Bis zum Herbst 2024 leitete er die Geschäfte des Schweizer Unternehmens Meyer Burger. In Bitterfeld-Wolfen und im sächsischen Freiberg wollte er die Produktion zurück nach Europa holen. Erfurt gilt als einer der leidenschaftlichsten Köpfe der Branche. Doch 2025 folgte die Insolvenz.
„Der Aufstieg war Aufbruch pur – man hat gespürt, was Menschen leisten, wenn sie von einer Mission begeistert sind“, erinnert sich Erfurt heute. Sein Urteil über die aktuelle Lage fällt nüchtern aus: „Die Solarindustrie in Deutschland ist in einem bemitleidenswerten Zustand.“
Das Paradoxon zwischen Ausbau und Produktion
Mit dem Scheitern von Meyer Burger im Jahr 2025 ist die Hoffnung auf eine industrielle Massenfertigung von Photovoltaik-Zellen in Deutschland vorerst beendet. Die Situation wirkt widersprüchlich. Auf der einen Seite meldet die Bundesregierung regelmäßig neue Höchststände beim Ausbau von Solaranlagen auf deutschen Dächern und Freiflächen. Auf der anderen Seite verschwinden die Firmen, die diese Technik herstellen. Deutschland baut so viel Solarstromkapazität auf wie nie zuvor, produziert die Hardware dafür aber kaum noch selbst.
Das Solar Valley in Sachsen-Anhalt zeigt diesen Umbruch deutlich. In dem Industriegebiet bei Bitterfeld-Wolfen wird die Krise greifbar. Wo Firmen einst eine grüne Zukunft versprachen, räumen Dienstleister nun die Hallen leer. Das alte Empfangsgebäude an der «Sonnenallee» wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Politische Fehlentscheidungen und der Einbruch der Nachfrage
Carsten Körnig beobachtet diese Entwicklung seit drei Jahrzehnten. Er ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft. Laut Körnig existiert das Solar Valley in seiner ursprünglichen Form schon seit zehn Jahren nicht mehr. Deutschland hielt früher die weltweite Marktführerschaft. Kurz nach der Jahrtausendwende arbeiteten allein in Thalheim bis zu 3500 Menschen in der Solarbranche.
Der erste große Absturz begann vor etwa 15 Jahren. Körnig macht dafür auch die damalige Bundespolitik verantwortlich. Die schwarz-gelbe Koalition kürzte um das Jahr 2012 die Förderung massiv und kurzfristig. Das Ergebnis war ein Schock für den Markt. Die Nachfrage im Inland brach um 80 % ein. Viele Firmen verloren innerhalb kürzester Zeit zwischen 80 % und 90 % ihres Umsatzes. In dieser Phase verschwanden nach Angaben des Branchenverbands rund 100.000 von insgesamt 130.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Solarwirtschaft.
Der Preisdruck aus China
Während die deutsche Industrie mit internen Problemen kämpfte, baute China seine Kapazitäten massiv aus. Die Volksrepublik flutete den Weltmarkt mit günstigen Modulen. Heimische Hersteller konnten bei diesen Preisen nicht mehr mithalten. Die Zahlen der Internationalen Energie Agentur (IEA) verdeutlichen die Dominanz: Bereits 2022 stammten 75 % der weltweiten Modulproduktion aus China.
Diese Übermacht verhinderte auch den Erfolg der Wiederbelebungsversuche ab 2021. Meyer Burger scheiterte letztlich an den Rahmenbedingungen. Gunter Erfurt äußert sich dazu kritisch: „Wir haben zugelassen, dass eine Technologie, die aus Deutschland kommt und hier entwickelt wurde, aus der Hand gegeben wird.“ Er beobachtet eine Resignation in der Branche. Ankündigungen über neue Fabriken oder Großprojekte nehme derzeit kaum noch jemand ernst.
Forschung und Handwerk als Rettungsanker
Es gibt jedoch auch Stimmen, die vor zu viel Pessimismus warnen. Ralph Gottschalg leitet das Fraunhofer-Center für Silizium-Photovoltaik in Halle (Saale) und lehrt an der Hochschule Anhalt. Er sieht die Branche nicht am Ende. “Ich würde nicht sagen, dass die Solarindustrie tot ist“, betont Gottschalg. Er räumt zwar ein, dass Deutschland bei Standardprodukten nicht mehr konkurrenzfähig ist. Alles, was in großen Mengen in Containern verschifft wird, produziert China billiger.
Gottschalg sieht die Stärken Deutschlands an anderer Stelle. In Nischenmärkten, etwa bei speziellen Solarmodulen für Gebäudefassaden, gibt es weiterhin großes Potenzial. Diese Produkte lassen sich nicht so einfach standardisieren und transportieren. Zudem ist Deutschland in der Forschung weiterhin in der Spitzenklasse vertreten.
Downstream-Markt boomt
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der sogenannte Downstream-Markt. Damit sind alle Tätigkeiten gemeint, die nach der Produktion der Module folgen: der Handel, die Planung, die Installation und die Wartung der Anlagen. Dieser Bereich boomt.
Laut dem Bundesverband Solarwirtschaft arbeiten heute wieder rund 150.000 Menschen in der Solarbranche. Davon sind die meisten bei den über 20.000 Betrieben beschäftigt, die Anlagen montieren oder Dienstleistungen anbieten. Gottschalg betont, dass dieser Wirtschaftszweig einen erheblichen volkswirtschaftlichen Nutzen bringt.
Braucht die Industrie staatliche Hilfe?
Die Frage bleibt, ob eine reine Dienstleistungs- und Forschungslandschaft langfristig stabil ist. Gunter Erfurt bezweifelt das. Er ist überzeugt, dass die Forschung ohne eine direkte Anbindung an eine industrielle Produktion irgendwann den Anschluss verliert. Ohne Fabriken fehlt der praktische Anwendungsbereich für neue Ideen.
In der Branche wird heftig über Lösungen diskutiert. Vorschläge für Resilienz-Boni machen die Runde. Dabei würden Betreibende eine höhere Vergütung erhalten, wenn sie Module aus europäischer Fertigung nutzen. Über Zölle auf chinesische Importe oder direkte Subventionen streiten sich die Fachleute jedoch. Einigkeit herrscht nur darüber, dass die Zeit drängt.
Noch gibt es Optimismus
Carsten Körnig sieht durchaus noch eine Chance für eine Rückkehr der Produktion nach Europa. Innovative Unternehmen aus dem Umfeld des Solar Valley seien weltweit immer noch als Partner für Technik gefragt. Sie benötigen jedoch verlässliche politische Rahmenbedingungen.
Gunter Erfurt bleibt trotz der Insolvenz seines ehemaligen Unternehmens bei seiner Haltung. Er warnt davor, die technologische Basis endgültig aufzugeben. „Ich bin als Optimist hoffentlich bekannt: Zu spät ist es erst dann, wenn wir die technologische Basis verlieren, etwas zu tun“, sagt Erfurt.
Einordnung der aktuellen Lage
Die deutsche Solarindustrie befindet sich in einer Phase der Spaltung. Während das Handwerk und die Planungsbüros von der Energiewende profitieren, ist die industrielle Produktion von Standardmodulen faktisch am Ende. Deutschland hat den Preiskampf gegen China verloren.
Die Zukunft der heimischen Fertigung liegt vermutlich nicht mehr in der Masse, sondern in hochspezialisierten Anwendungen und der Systemintegration. Die Politik steht vor der Entscheidung, ob sie die Produktion mit hohen Kosten künstlich am Leben erhalten will oder ob sie sich auf die Stärken in der Forschung und im Ausbau konzentriert. (mit Material der dpa)
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