Unsichtbarer Schutzschild 28.04.2026, 13:00 Uhr

Erstmals: Neue Folie blockiert Strahlung und Funkwellen zugleich

Eine neu entwickelte Hightech-Folie schirmt erstmals gleichzeitig elektromagnetische Wellen und Neutronenstrahlung ab – dünn, flexibel und vielversprechend für Raumfahrt und Medizintechnik.

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Raumfahrzeuge im Erdorbit sind permanent elektromagnetischer Strahlung und Teilchenbeschuss ausgesetzt – neue Materialien sollen den Schutz künftig effizienter und leichter machen.

Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Astronaut Provided/Nasa

In vielen technischen Anwendungen wirken elektromagnetische Felder und ionisierende Strahlung gleichzeitig. In der Praxis ist das ein Problem. Denn beide lassen sich nicht mit denselben Materialien abschirmen. In der Raumfahrt, in kerntechnischen Anlagen oder in der Medizintechnik führt das zu komplexen, oft schweren Schutzsystemen.

Ein Forschungsteam des Korea Institute of Science and Technology (KIST) hat nun ein Material vorgestellt, das genau diesen Zielkonflikt adressiert. Es kombiniert beide Schutzfunktionen in einer einzigen, sehr dünnen Schicht. Noch ist das ein Laborergebnis – aber eines mit klarer Stoßrichtung.

Zwei physikalische Probleme, eine Materialidee

Elektromagnetische Wellen wechselwirken über elektrische Leitfähigkeit mit Materie. Neutronen dagegen reagieren vor allem mit Atomkernen. Das zwingt bislang zu getrennten Lösungen: leitfähige Schichten gegen EM-Störungen, borhaltige oder wasserstoffreiche Materialien gegen Neutronen.

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Das neue Verbundmaterial führt beide Ansätze zusammen. Die Folie ist dünner als ein menschliches Haar. Laut Messungen schirmt sie bis zu 99,999 % elektromagnetischer Wellen ab – wobei dieser Wert vom Frequenzbereich und Versuchsaufbau abhängt. Zusätzlich reduziert sie die Neutronenstrahlung um etwa 72 %. Für sich genommen sind beide Effekte nicht neu. Neu ist die Kombination in einer einzigen, mechanisch flexiblen Struktur.

Materialarchitektur statt Materialmix

Technisch basiert der Ansatz auf zwei Nanostrukturen:

  • Kohlenstoffnanoröhren (CNTs)
    → elektrisch leitfähig, absorbieren und reflektieren EM-Wellen
  • Bor-Nitrid-Nanoröhren (BNNTs)
    → enthalten Bor, das Neutronen bindet

Der Unterschied zu klassischen Verbundwerkstoffen liegt in der Mikrostruktur. Die Nanoröhren bilden keine lose Mischung, sondern eine verschachtelte Geometrie. Dadurch entsteht ein durchgängiger Funktionsverbund statt einer einfachen Schichtung.

In der Raumfahrt, der Kerntechnik und der Medizin treten elektromagnetische Wellen und Neutronenstrahlung gemeinsam auf, doch bisherige Materialien waren aufgrund ihres hohen Gewichts und ihrer Steifigkeit in ihrer Anwendung eingeschränkt. Das Forschungsteam kombinierte Kohlenstoffnanoröhren (CNTs), die elektromagnetische Wellen abschirmen, mit Bornitrid-Nanoröhren (BNNTs), die Neutronen absorbieren, um einen Verbundwerkstoff zu entwickeln, der beide Arten von Strahlung gleichzeitig in einer einzigen dünnen Schicht abschirmen kann. Durch die Kombination mit einem Polymer (PDMS) gelang es dem Team zudem, eine leichte und flexible Form zu erzielen, was das Potenzial dieses Materials für die Entwicklung zu einem Abschirmmaterial der nächsten Generation für verschiedene Strukturen und Geräte demonstriert. Foto: Korea Institute of Science and Technology

Dr. Joo Yong-ho formuliert das so: „Dieses Material stellt ein völlig neues Konzept in der Abschirmtechnologie dar – es ist dünn wie Klebeband und flexibel wie Gummi, blockiert jedoch gleichzeitig sowohl elektromagnetische Wellen als auch Strahlung.“

Die Aussage ist technisch nachvollziehbar, aber auch ambitioniert. Entscheidend ist, ob sich diese Struktur außerhalb des Labors stabil reproduzieren lässt.

Mechanik als Konstruktionshebel

Auffällig sind die mechanischen Eigenschaften. Das Material lässt sich auf mehr als das Doppelte seiner Länge dehnen, ohne die Abschirmwirkung zu verlieren. Gleichzeitig kann es per 3D-Druck in komplexe Geometrien gebracht werden.

Das ist kein Nebenaspekt, sondern zentral. Abschirmung hängt nicht nur vom Material ab, sondern auch von der Geometrie. Das zeigen die Versuche:

  • Wabenstrukturen steigern die Abschirmleistung um bis zu 15 %
  • Ursache sind längere Streupfade und zusätzliche Reflexionen

Damit verschiebt sich ein Teil der Optimierung vom Material zur Konstruktion.

Einsatzbereiche – theoretisch breit, praktisch offen

Die Forschenden nennen Anwendungen von Satelliten bis Medizintechnik. Das ist plausibel, aber aktuell vor allem ein Potenzialversprechen.

Das Material bleibt laut Angaben stabil zwischen -196 °C und 250 °C. Damit wäre es grundsätzlich für extreme Umgebungen geeignet. Ob es unter realen Betriebsbedingungen – etwa unter Strahlungsalterung oder mechanischer Belastung – stabil bleibt, ist damit noch nicht geklärt.

Auch die Integration ist offen. In der Halbleiterfertigung etwa zählen nicht nur Abschirmwerte, sondern auch Reinheit, Prozesskompatibilität und Langzeitverhalten.

Der kritische Punkt: Skalierung

Der eigentliche Engpass liegt nicht in der Physik, sondern in der Umsetzung. Drei Punkte entscheiden darüber, ob aus dem Material mehr wird als ein Demonstrator:

  • Fertigung: Lässt sich die Nanostruktur großflächig und reproduzierbar herstellen?
  • Kosten: CNTs und BNNTs sind aufwendig in der Produktion
  • Alterung: Verhalten unter Dauerbelastung, Temperaturzyklen und Strahlung

Dr. Joo Yong-ho erläutert: „Diese Technologie ist von großer Bedeutung für die Sicherung fortschrittlicher Materialien und den Aufbau der heimischen Produktionsinfrastruktur, die für die Verwirklichung des Weltraumzeitalters erforderlich sind. Wir planen, die Leistungsfähigkeit durch Optimierung des strukturellen Designs weiter zu verbessern und die Anwendung in der industriellen Praxis aktiv voranzutreiben.“

Fazit

Die neue Folie kombiniert erstmals elektromagnetische Abschirmung und Neutronenschutz in einer einzigen, ultradünnen Schicht. Möglich wird das durch die gezielte Kopplung von Kohlenstoff- und Bor-Nitrid-Nanoröhren. Technisch überzeugt vor allem die Kombination aus Schutzwirkung, Flexibilität und Formbarkeit. Ob daraus eine industrielle Lösung entsteht, hängt weniger von der Physik als von der Skalierung und den Kosten ab.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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