Rohstoffe 13.05.2026, 15:30 Uhr

Seltene Erden: China dreht den Hahn zu – und Deutschland wartet ab

China drosselt den Export Seltener Erden. Frankreich und Japan sichern sich Zugang zu neuen Quellen – doch deutsche Unternehmen schließen kaum Verträge. Zwei Rohstoffexperten erklären, warum das gefährlich ist.

Tagebau mit Baggern und Loren

Seltene-Erden-Mine bei Baotou in der Inneren Mongolei: China kontrolliert rund 93 % der weltweiten Vorprodukte.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS/CHINATOPIX

Seit April 2025 belegt China schwere Seltene Erden mit strengen Ausfuhrrestriktionen. Die Zentralregierung zielt damit auf die Rüstungsindustrie der USA. Doch auch Europa ist von den Bestimmungen betroffen. Lediglich die Exportbeschränkungen für leichte Seltene Erden vom Oktober 2025 wurden von der chinesischen Regierung im November noch einmal für ein Jahr ausgesetzt.

„Deutsche Unternehmen können sich auf eine erwartbare Verknappung einstellen“, sagt Rohstoffexperte Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. „Ich sehe nur nicht, dass ausreichend Vorkehrungen getroffen werden.“ Einige Betriebe legten zwar Vorräte an Seltenen Erden in ihren Lagern an. Doch die bedeutsamen Abnehmer würden seines Wissens nach keine langfristigen Verträge mit Lieferanten oder Produzenten von Seltenen Erden außerhalb Chinas abschließen. Und das, obwohl es nun Gelegenheiten dazu gäbe.

China dominiert den Markt

Spätestens seit dem Lieferstopp für Seltene Erden aus China im Jahr 2011 ist die Abhängigkeit von den 17 Elementen der Seltenen Erden, die in Windrädern, in Verbrennern wie in E-Autos, Elektronik und sogar in jedem E-Herd stecken, klar. Doch besonders bei der Weiterverarbeitung Seltener Erden ist die Abhängigkeit seitdem eher größer geworden. 93 % der Vorprodukte aus Seltenen Erden liefert China in die Welt.

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Andere Länder wie Australien bemühen sich um Diversifikation. Das Unternehmen Iluka arbeitet etwa mit üppiger staatlicher Förderung daran, erstmals leichte und schwere Seltene Erden im eigenen Land zu fördern und aufzubereiten. Gerade die schweren Seltenen Erden kommen bisher größtenteils aus China. Ab 2027 will Iluka mit der Produktion beginnen. „Damit wird das chinesische Monopol gebrochen“, sagt Elsner. „Aber wir vermissen wieder die Aktivitäten der deutschen Unternehmen.“ Beteiligungen, Abnahmeverträge – viele Formen der Teilhabe wären zugunsten der Versorgungssicherheit möglich.

Zu wenige Gegenmaßnahmen

„Die Unternehmen sagen uns immer, das sei ihnen zu teuer.“ Der Anteil an Seltenen Erden in einem Fahrzeug – im Elektromotor von E-Autos oder in Katalysatoren von Verbrennern etwa – sei jedoch so gering, dass die Kosten für die Seltenen Erden im verschwindend geringen Eurobereich bezogen auf den Neupreis eines Fahrzeugs liegen, moniert Elsner. Eine Einschätzung, die auch Raimund Bleischwitz, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung in Bremen, teilt. Auch ihn treibt die ungesicherte Versorgung mit Seltenen Erden im Fall eines anhaltenden chinesischen Lieferstopps um.

„Das Thema Rohstoffsicherheit ist nach wie vor unter der Flughöhe von Vorständen und Chefetagen der Aktiengesellschaften hierzulande“, so seine Einschätzung. Und auch politisch geschehe zu wenig: Im Mai 2024 brachte die EU das Gesetz über kritische Rohstoffe auf den Weg. Demnach soll schon 2030 ein Zehntel der kritischen Rohstoffe in der EU gefördert werden – auch die Seltenen Erden zählen dazu.

Die Erfüllung dieses Ziels bis 2030 hält Bleischwitz allerdings für utopisch. Zwar soll ein Vorkommen in Schweden nahe der Stadt Kiruna erschlossen werden. Aber der Abbau soll erst in zehn Jahren beginnen.

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Frankreich hat die Initiative ergriffen

Neben Australien beginnen unterdessen einzelne andere Länder, sich gegen das chinesische Monopol zu stemmen. Dazu gehört Frankreich. Dort arbeitet der weltgrößte Verarbeiter Seltener Erden außerhalb Chinas, das Unternehmen Solvay. Im April 2025 baute es seine Produktion von Seltenerd-Vorprodukten für Permanentmagneten aus. Der Konzern warb anschließend damit, er könne gar 30 % des Bedarfs an Seltenen Erden für Magnete in der EU bereitstellen.

„Solvay braucht aber auch Abnehmer“, quittiert Bleischwitz. Ein südkoreanisches und ein amerikanisches Unternehmen habe seiner Kenntnis nach Interesse bekundet. „Aber wo sind die deutschen Automobilbauer? Müssten die nicht auch zuverlässig und hochwertig produzieren wollen?“

Noch bedeutsamer als Solvays Ankündigung findet Elsner die Initiative des französischen Start-ups Carester. Einige Rentner, die einst in der Selten-Erd-Fabrik in La Rochelle arbeiteten, haben es gemeinsam gegründet. In La Rochelle wurden früher auch schwere Seltene Erden aus Erzen separiert. Dies geschieht in einem umweltintensiven Prozess, bei dem hochradioaktiver Abfall mit strahlendem Uran und Thorium anfällt, der früher einfach ins Meer gekippt wurde.

Auch deshalb haben sich westliche Industrienationen vor Jahrzehnten aus diesem Geschäft zurückgezogen: Man überließ den Abbau samt der Umweltschäden China und seinem Nachbarland Myanmar. „Die Senioren aus La Rochelle sind die einzigen, die außerhalb Chinas noch wissen, wie eine großtechnische Produktion von schweren Seltenen Erden funktioniert“, glaubt Elsner. Carester berät tatsächlich auch Iluka beim Aufbau der Produktion für schwere Seltene Erden in Australien.

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Deutschland wartet ab

Die Senioren haben sich mittlerweile mit einem jungen Team umgeben und wollen bei Lyon nun ebenfalls eine neue Fabrik für schwere Seltene Erden errichten. Auch hier gibt es bis dato keine Beteiligung aus Deutschland. Vielmehr ist es die japanische staatliche Rohstoffagentur „Japan Organization for Metals and Energy Security“ (Jogmec), die mit 110 Mio. € eingestiegen ist. Japan weiß aus Erfahrung, wie verheerend ein Lieferstopp aus dem benachbarten China die Wirtschaft in die Knie zwingen kann.

Die staatliche Rohstoffagentur des Landes kümmert sich deshalb um die Versorgungssicherheit: So sicherte sie sich sämtliche schweren Seltenen Erden aus der namibischen Lagerstätte Lofdal, sobald diese Rohstoffe liefert. Auch die französische Regierung fördert Carester mit 106 Mio. €.

Carester möchte vor allem Seltene Erden aus Abfällen recyceln. Doch ausreichende Mengen kämen aus Fahrzeugen nicht zurück, ist Elsner überzeugt. Und die seltenerdhaltigen Dauermagnete der Windenergieanlagen würden schon heute ausgebaut, eingeschmolzen und wieder magnetisiert. Carester hat vor diesem Hintergrund angekündigt, neben 2000 t Seltenen Erden aus Recyclingware auch 5000 t Erze zu Seltenerdoxiden zu verarbeiten. Der Produktionsstart für das ambitionierte Vorhaben ist für Ende 2026 angekündigt.

Seltene-Erden-Newcomer Brasilien

Künftig werde noch ein neues Produktionsland für Seltene Erden in Erscheinung treten, sagt Elsner voraus: Brasilien. Unter den tropischen Regenwäldern des Landes liegen riesige Vorkommen an Seltenen Erden, mehr noch als in China, berichtet er. Und vor allem sind die Seltenen Erden im Boden nicht in festem Gestein gebunden, sodass der Abbau ähnlich preiswert vonstatten gehen kann.

Das Unternehmen Terra Verde habe in diesem Jahr mit dem Abbau begonnen und liefere das Erz zur Verarbeitung nach China. Weitere Betriebe sollen folgen. Die Regierung wolle auch die Weiterverarbeitung des Gesteins im Land unterstützen, berichtet der Rohstoffexperte.

Doch die Aktivitäten sind langfristiger Natur und reichen nicht, um Knappheiten in den nächsten Monaten zu vermeiden. „Wenn China für längere Zeit dicht macht, wird es Produktionsstillstände geben“, prophezeit Elsner. Schon heute gäbe es diese infolge der verringerten Ausfuhr. Welche Güter betroffen sind, möchte er nicht verraten. Noch seien es jedenfalls keine essenziellen Produkte.

Ein Beitrag von:

  • Susanne Donner

    Susanne Donner ist studierte Chemikerin und schreibt als Wirtschaftsjournalistin über Technik- und Medizinthemen u. a. für die Wirtschaftswoche, GEO, FAZ und ingenieur.de.

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