1879: Als Edisons Glühbirne mehr tat, als Licht zu erzeugen
Hat Thomas Edison Graphen hergestellt, ohne es zu wissen? Forschende rekonstruieren historische Glühbirnenexperimente von 1879.
Thomas Edison bei Experimenten mit frühen Glühbirnen: Die stark erhitzten Kohlenstofffilamente erzeugten Licht – und könnten dabei unbeabsichtigt kurzzeitig Graphen gebildet haben.
Foto: Smarterpix / Georgios
| Das Wichtigste in Kürze |
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Was verbindet Thomas Edison mit den Nobelpreisträgern Konstantin Novoselov und Andre Geim? Die Antwort klingt zunächst schräg: Graphen. Ein Material, das offiziell erst im 21. Jahrhundert isoliert wurde, könnte in Edisons Labor schon Jahrzehnte früher entstanden sein. Nicht geplant. Nicht erkannt. Aber physikalisch möglich.
Genau diese These verfolgt eine aktuelle Arbeit aus dem Umfeld der Rice University. Sie wirft keinen Mythos auf Edison zurück. Sie zeigt vielmehr, wie nah historische Technik manchmal an moderner Materialforschung lag.
Inhaltsverzeichnis
Ein Material ohne Namen
Graphen besteht aus einer einzigen Lage Kohlenstoffatome. Dünner geht es nicht. Gleichzeitig ist das Material elektrisch leitfähig, mechanisch stabil und chemisch robust. Heute spielt es eine Rolle in der Halbleiterforschung, bei Sensoren oder Verbundwerkstoffen. Als isoliertes Material wurde es erst vor gut 20 Jahren bekannt. Dafür gab es 2010 den Nobelpreis.
Theoretische Überlegungen dazu existierten früher. Aber zu Edisons Zeit fehlte nicht nur der Begriff, sondern auch jedes Werkzeug, um so etwas sichtbar zu machen. Trotzdem könnte Graphen damals kurzzeitig entstanden sein.
Hitze, Strom und Bambus
Der entscheidende Faktor ist Temperatur. Bestimmte Graphenformen lassen sich erzeugen, wenn kohlenstoffhaltiges Material sehr schnell auf über 2.000 °C erhitzt wird. Heute geschieht das gezielt per sogenannter Flash-Joule-Erwärmung: Strom rein, extrem kurze Zeit, extrem hohe Hitze.
Edison hatte kein solches Verfahren. Aber er hatte Glühbirnen mit Kohlenstofffilamenten. In frühen Versionen nutzte er Bambusfasern. Legte man Spannung an, erhitzten sich diese Filamente stark und sehr schnell. Das Ziel war Licht. Der Nebeneffekt könnte ein anderer gewesen sein.
Ein moderner Blick auf alte Technik
Lucas Eddy, Erstautor der Studie, suchte nach möglichst einfachen realen Systemen für Flash-Joule-Erwärmung. Irgendwann fiel der Blick auf historische Glühbirnen. „Ich versuchte, das kleinste und einfachste Gerät zu finden, das man für die Flash-Joule-Erwärmung verwenden konnte, und erinnerte mich daran, dass frühe Glühbirnen oft Kohlenstoff-Glühfäden verwendeten.“
Eddy besorgte handgefertigte Edison-Repliken mit echten Bambusfilamenten. Der Unterschied zu den Originalen war minimal. Auch die elektrische Versorgung entsprach dem historischen Vorbild: 110 Volt Gleichstrom. Der Strom floss nur etwa 20 Sekunden. Länger hätte das Material in gewöhnlichen Graphit überführt.
Schon unter dem optischen Mikroskop zeigte sich eine Veränderung. Das dunkle Filament wirkte plötzlich heller, fast silbrig. Ob das mehr war als ein Oberflächeneffekt, ließ sich nur mit moderner Analytik klären.
Der Beweis im Lasersignal
Zur Charakterisierung nutzte Eddy die Raman-Spektroskopie. Die Methode stammt aus den 1930er-Jahren, ist heute aber extrem präzise. Laserlicht regt das Material an. Das zurückgestreute Signal verrät, wie Atome angeordnet sind – eine Art struktureller Fingerabdruck.
Das Ergebnis war eindeutig: Teile der Filamente bestanden aus turbostratischem Graphen. Also aus Graphenlagen, die nicht perfekt übereinanderliegen, sondern leicht verdreht sind. Genau diese Struktur erwartet man bei sehr schneller, kurzzeitiger Erhitzung.
Hat Edison Graphen hergestellt?
Die ehrliche Antwort lautet: vielleicht – aber ohne jede Konsequenz. Edison suchte eine zuverlässige Glühbirne. Seine Experimente liefen oft viele Stunden. Unter solchen Bedingungen wandelt sich Graphen rasch zu Graphit. Selbst wenn also kurzzeitig Graphen entstand, verschwand es wieder. Messbar war es damals ohnehin nicht.
James Tour ordnet das entsprechend ein: „Es ist sehr spannend, mit den Werkzeugen und Kenntnissen, über die wir heute verfügen, zu reproduzieren, was Thomas Edison damals getan hat.“ Mehr nicht. Keine rückwirkende Erfindung, kein Prioritätsanspruch.
Warum das trotzdem interessant ist
Die Arbeit zeigt, wie stark wissenschaftlicher Fortschritt vom richtigen Blickwinkel abhängt. Materialien können existieren, lange bevor sie verstanden werden. Manchmal fehlen nur die Messgeräte. Manchmal die richtigen Fragen.
Edison hätte mit dem Begriff Graphen nichts anfangen können. Aber seine Technik war näher an moderner Materialforschung, als man lange dachte.
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