Windkraft verändert die Küste: Folgen für Wattenmeer und Schifffahrt
Windparks verändern die Nordsee: Eine Hereon-Studie zeigt, wie Offshore-Anlagen Sedimente umverteilen – mit Folgen für Ökosysteme, Küsten und Infrastruktur.
Das Wattenmeer in Schleswig-Holstein aus der Luft: Das sensible Ökosystem ist auf stetigen Sedimentnachschub angewiesen. Veränderte Strömungen durch Offshore-Windparks könnten dieses Gleichgewicht langfristig beeinflussen.
Foto: Smarterpix / 3quarks
Windkraft auf See gilt als Rückgrat der Energiewende. Doch unter der Oberfläche der Nordsee verschiebt sich mehr als nur Energie. Neue Daten zeigen: Offshore-Windparks greifen in die Strömungen ein, verändern den Transport von Sedimenten – und damit Prozesse, die Küsten stabil halten und Kohlenstoff speichern. Was wie ein lokaler Effekt wirkt, entwickelt sich mit jedem neuen Windpark zu einem Eingriff ins Gesamtsystem Meer. Mit Folgen für das Wattenmeer und die Schifffahrt.
Inhaltsverzeichnis
Wenn der Windschatten die Strömung verändert
Windräder auf See entziehen der Atmosphäre Energie. Hinter den Anlagen entstehen Windschleppen, in denen die Geschwindigkeit deutlich sinkt – teilweise über viele Kilometer hinweg.
Weniger Wind bedeutet weniger Energieeintrag ins Wasser. Die Durchmischung der Wassersäule nimmt ab, Schichtungen bleiben stabiler. Gleichzeitig sorgen Fundamente und Strukturen unter Wasser für zusätzliche Turbulenzen.
Beides greift ineinander. Großräumig fehlt Energie, lokal wird sie stärker eingetragen. Das verschiebt das Gleichgewicht im System. Transportwege ändern sich, Ablagerungszonen wandern. Die Studie bringt es auf den Punkt: „Offshore-Windparks können die lokalen Netto-Sedimenttransportflüsse um bis zu 30% verändern.“
Deutsche Bucht im Fokus
Besonders deutlich zeigen sich diese Effekte in der Deutschen Bucht. Rund 52% der gesamten Sedimentumverteilung in der Nordsee konzentrieren sich auf dieses Gebiet. Jährlich werden dort bis zu 1,5 Millionen Tonnen Schlamm bewegt.
Dabei geht es nicht nur um Material, sondern auch um Kohlenstoff. Sedimente enthalten organische Reste von Pflanzen und Tieren. Lagern sie sich am Meeresboden ab, wird dieser Kohlenstoff langfristig gebunden.
Verändert sich die Ablagerung, verändert sich auch diese Speicherfunktion. Die Studie beziffert die jährliche Umverteilung von partikulärem organischem Kohlenstoff (POC) auf rund 0,07 Millionen Tonnen.
Im Mittel ergibt sich folgendes Bild:
- rund 1,1 Mio. Tonnen Schlamm werden jährlich umverteilt
- etwa 0,045 Mio. Tonnen Kohlenstoff bewegen sich mit
- in Spitzenwerten sind es bis zu 1,5 Mio. Tonnen Sediment pro Jahr
Entscheidend ist dabei weniger die Menge als die Verteilung. Die Gesamtbilanz bleibt nahezu konstant – verschoben werden vor allem Transportwege und Ablagerungsorte.
Konsequenzen für Häfen und das Wattenmeer
Für Küstenschutz und Schifffahrt sind diese Veränderungen alarmierend. Wenn sich Sedimente anders verteilen, können sich Fahrrinnen schneller verändern oder Untiefen verlagern. Der Aufwand für Unterhaltungsbaggerungen dürfte steigen.
Auch das Wattenmeer gerät in den Fokus. Das System ist darauf angewiesen, dass ständig Sediment nachgeliefert wird. Nur so kann es mit dem steigenden Meeresspiegel Schritt halten. Genau dieser Nachschub verändert sich. Windparks halten etwa 1,5% der Sedimente zurück, die über Flüsse in die Nordsee gelangen. Gleichzeitig verschieben sich die Transportpfade.
Jiayue Chen, Erstautorin der Studie, sagt: „Unsere Simulationen legen nahe, dass sich der Effekt durch den Ausbau der Offshore-Windparks über die kommenden Jahrzehnte hinweg deutlich verstärken wird.“ Die jährlichen Änderungen sind klein. Über Jahrzehnte können sie sich jedoch summieren.
Kohlenstoffspeicher unter Druck
Sedimente sind mehr als nur Materialtransport. Sie sind Teil des globalen Kohlenstoffkreislaufs. Wird weniger Material an bestimmten Stellen abgelagert oder häufiger wieder aufgewirbelt, verändert sich die Speicherung.
Die Studie zeigt Verschiebungen der Kohlenstoffflüsse und lokal veränderte Ablagerungsraten. Für sich genommen sind diese Effekte gering. In der Summe können sie die Rolle der Nordsee als Kohlenstoffsenke jedoch messbar beeinflussen.
Warum der Effekt lange unterschätzt wurde
Ein einzelner Windpark verändert vor allem seine unmittelbare Umgebung. Erst die Kombination vieler Anlagen erzeugt großräumige Effekte. Die Windschleppen überlagern sich, sodass großflächig weniger Energie ins Wasser eingetragen wird. Gleichzeitig greifen die Turbulenzen der Fundamente ineinander und verändern die Strömung auch unterhalb der Oberfläche.
So verschieben sich Transportwege, Ablagerungszonen wandern und das Gleichgewicht zwischen Aufwirbelung und Sedimentation gerät aus dem Lot. Diese Veränderungen wirken nicht lokal, sondern über ganze Regionen hinweg.
Und sie wachsen nicht linear. Mit jeder zusätzlichen Anlage verstärken sich die Wechselwirkungen. Der Einfluss auf das Gesamtsystem nimmt überproportional zu.
Ein Modell für bessere Planung
Um diese Prozesse zu verstehen, haben die Forschenden ein Modell eingesetzt, das Atmosphäre, Wellen, Strömungen und Sedimenttransport gemeinsam berechnet. Genau diese Verknüpfung fehlte bislang häufig.
So lässt sich erstmals abschätzen, wie stark Offshore-Windparks das Gesamtsystem verändern – und nicht nur ihre unmittelbare Umgebung. Jiayue Chen erklärt: „Mit einem verbesserten Verständnis der Sedimentverteilung […] können wir langfristige Risiken für die Küstenstabilität, Navigationssicherheit […] und die Funktionsweise von Ökosystemen abschätzen.“
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