Mondbeben 17.02.2026, 16:55 Uhr

Tektonische Überraschung: Der Mond ist kein sicherer Baugrund

2634 tektonische Rücken entdeckt: Der Mond ist aktiver als gedacht. Das verändert die Planung künftiger Mondbasen.

Nahaufnahme des Mondes

Der Mond ist tektonisch aktiv. Neue Daten zeigen junge Bruchstrukturen in den Maria – relevant für Mondbeben und Bauplanung.

Foto: picture alliance / Photoshot | Geoffrey Swaine / Avalon

Der Mond galt lange als geologisch weitgehend tot. Keine Plattentektonik. Keine aktiven Vulkane. Kaum innere Dynamik. Doch dieser Eindruck täuscht. Unter der staubigen Oberfläche arbeitet der Erdtrabant weiter – langsam, aber spürbar. Und genau das könnte für künftige Mondmissionen zum Problem werden.

Forschende des Center for Earth and Planetary Studies am National Air and Space Museum haben erstmals eine vollständige Karte sogenannter Small Mare Ridges (SMRs) erstellt. Das Ergebnis: Diese Rücken sind jung, weit verbreitet und potenziell relevant für künftige Mondbasen.

Der Mond schrumpft und das hinterlässt Spuren

Der Mond hat keine Plattentektonik wie die Erde. Keine wandernden Kontinente, keine Subduktionszonen. Trotzdem steht seine Kruste unter Spannung. Der Grund ist simpel: Der Mond kühlt seit Milliarden Jahren aus. Dabei verliert er Volumen. Er schrumpft.

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Wenn ein Himmelskörper kleiner wird, muss das Material irgendwo hin. Auf dem Mond äußert sich das in sogenannten lobate scarps, bogenförmigen Steilhängen im Hochland. Sie entstehen, wenn Gestein entlang einer Bruchzone nach oben gedrückt wird.

Schon 2010 zeigte Tom Watters, dass diese Strukturen geologisch jung sind. Im Schnitt rund 105 Millionen Jahre alt. Das klingt alt, ist für Mondmaßstäbe jedoch frisch. Nun zeigt sich: Ähnliche Prozesse laufen auch in den dunklen Ebenen ab, den Maria.

2634 Rücken und viele davon jung

Das Forschungsteam identifizierte 1114 neue SMR-Segmente auf der Mondvorderseite. Insgesamt sind nun 2634 solcher Strukturen bekannt. Ihr durchschnittliches Alter liegt bei rund 124 Millionen Jahren.

Cole Nypaver, Erstautor der Studie, sagt: „Seit der Apollo-Ära wissen wir um die Verbreitung von Lobate Scarps im gesamten Hochland des Mondes, aber dies ist das erste Mal, dass Wissenschaftler die weit verbreitete Präsenz ähnlicher Merkmale in den Mondmeeren dokumentiert haben.“

kleiner Mare-Kamm im Nordosten des Mare Imbrium
Ein kleiner Mare-Kamm im Nordosten des Mare Imbrium, aufgenommen von der Kamera des Lunar Reconnaissance Orbiter. Foto: NASA/GSFC/Arizona State University

Und weiter: „Diese Arbeit hilft uns, eine global vollständige Perspektive auf die jüngste tektonische Aktivität auf dem Mond zu gewinnen, was zu einem besseren Verständnis seines Inneren und seiner thermischen und seismischen Geschichte sowie des Potenzials für zukünftige Mondbeben führen wird.“

Die Daten zeigen außerdem: Lobate scarps im Hochland gehen teilweise in SMRs in den Maria über. Beides sind Ausdruck derselben globalen Kontraktion. Der Mond schrumpft als Ganzes – nicht nur regional.

Tom Watters fasst es so zusammen: „Unsere Entdeckung junger, kleiner Grate in den Maria und die Erforschung ihrer Entstehungsursache vervollständigen das Gesamtbild eines dynamischen, sich zusammenziehenden Mondes.“

Was bedeutet das für künftige Mondmissionen?

Wenn der Mond bebt, kann uns das auf der Erde relativ egal sein, allerdings: Für künftige Missionen ist das durchaus relevant. Schon während der Apollo-Missionen registrierten Seismometer sogenannte flache Mondbeben. Einige erreichten Magnituden um 5. Und sie dauerten lange. Der trockene, stark zertrümmerte Untergrund dämpft seismische Wellen kaum. Das bedeutet: Erschütterungen können minutenlang nachschwingen.

Watters hatte zuvor gezeigt, dass lobate scarps mit solchen Beben zusammenhängen. Wenn SMRs durch denselben Mechanismus entstehen, erweitert sich die Liste möglicher Epizentren deutlich – auch in den Maria. Und genau dort möchte man künftig landen und bauen.

Programme wie Artemis planen eine dauerhafte Rückkehr zum Mond. Landeflächen, Energieversorgung, Habitate. Infrastruktur, die Jahrzehnte halten soll. Nypaver sagt dazu: „Kommende Monderkundungsprogramme wie Artemis werden eine Fülle neuer Informationen über unseren Mond liefern. Ein besseres Verständnis der Mondtektonik und der seismischen Aktivität wird sich direkt auf die Sicherheit und den wissenschaftlichen Erfolg dieser und zukünftiger Missionen auswirken.“

Baugrund mit Fragezeichen

Die Studie zeigt deutlich: Der Mond ist kein statischer Felsklotz im All. Er verändert sich. Langsam, aber kontinuierlich. Die Mondmeere galten bisher als bevorzugte Standorte. Flach. Gut zugänglich. Kommunikationsfreundlich. Doch wenn sich dort junge Überschiebungen konzentrieren, steigt das seismische Risiko.

Hinzu kommt die geringe Gravitation. Bauwerke reagieren dort anders auf Schwingungen als auf der Erde. Längere Ausschwingzeiten können Resonanzeffekte verstärken. Klassische Erdbebenmodelle greifen nur bedingt. Wer also über Mondbasen nachdenkt, muss künftig genauer hinsehen. Geologie wird zur Sicherheitsfrage.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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