Fortpflanzung im All: Das Risiko, über das kaum jemand spricht
Der Weltraum wird Lebensraum. Warum Fortpflanzung dort zum medizinischen und ethischen Risiko wird, zeigt eine neue Studie.
Die Pläne für Stationen auf dem Mars und dem Mond werden konkreten. Mit längeren Aufenthalten im Weltall wird eine Frage akut: Wie sieht es mit der Fortpflanzung aus? Eine aktuelle Studie sucht Antworten.
Foto: Smarterpix / Merlinus74
Der Weltraum verliert seinen Mythos. Er wird Arbeitsort, Testfeld und bald auch Reiseziel. Private Raumkapseln fliegen zahlende Gäste, Raumstationen sollen kommerziell genutzt werden, und selbst Hotels auf dem Mond werden öffentlich beworben. Mit dieser neuen Normalität taucht eine Frage auf, die lange verdrängt wurde: Was passiert mit der menschlichen Fortpflanzung außerhalb der Erde?
Eine internationale Expertengruppe warnt nun davor, dieses Thema weiter zu ignorieren. In einer Studie in Reproductive Biomedicine Online machen Fachleute aus Reproduktionsmedizin, Raumfahrtmedizin und Bioethik klar: Fortpflanzung im All ist kein Science-Fiction-Szenario mehr. Sie ist ein reales Risiko – medizinisch, organisatorisch und ethisch.
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Zwei Entwicklungen treffen aufeinander
„Vor mehr als 50 Jahren haben zwei wissenschaftliche Durchbrüche das, was biologisch und physikalisch für möglich gehalten wurde, neu definiert – die erste Mondlandung und der erste Nachweis der künstlichen Befruchtung beim Menschen“, sagt der klinische Embryologe Giles Palmer von der International IVF Initiative Inc. Heute, so Palmer, prallen diese Entwicklungen erstmals konkret aufeinander.
Der Weltraum wird zugänglicher. Gleichzeitig sind assistierte Reproduktionstechnologien ausgereift, mobil und weitgehend automatisiert. Diese Kombination zwingt dazu, Fragen zu stellen, die bisher niemand stellen wollte. Nicht, weil Kinder im All geplant wären. Sondern weil Risiken längst existieren, ohne geregelt zu sein.
Der Weltraum ist kein neutraler Ort
Für den menschlichen Körper ist das All eine extreme Umgebung. Schwerelosigkeit verändert Muskeln, Knochen und den Hormonhaushalt. Der natürliche Tag-Nacht-Rhythmus gerät durcheinander. Hinzu kommt kosmische Strahlung, die deutlich energiereicher ist als alles, was Menschen auf der Erde erleben.
Tierstudien zeigen, dass selbst kurze Strahlenexposition den Menstruationszyklus stören und das Krebsrisiko erhöhen kann. Beim Menschen ist die Datenlage dünn. Zwar deuten Untersuchungen ehemaliger Astronautinnen darauf hin, dass spätere Schwangerschaften auf der Erde normal verlaufen. Doch diese Daten stammen aus vergleichsweise kurzen Missionen.
Was bei längeren Aufenthalten passiert, ist weitgehend unbekannt. Besonders kritisch ist die männliche Fruchtbarkeit. Die Auswirkungen langfristiger, kumulativer Strahlenbelastung gelten laut Studie als eine der größten offenen Fragen.
Schwangerschaft als Tabu und als blinder Fleck
Derzeit ist eine Schwangerschaft ein Ausschlusskriterium für Raumflüge. Menstruation wird bei Astronautinnen meist hormonell unterdrückt. Doch diese Regeln greifen nur, solange alles planmäßig verläuft. Was passiert bei einer unbemerkten Frühschwangerschaft? Wer entscheidet dann? Und unter welchen Bedingungen?
Darauf gibt es keine klaren Antworten. Es fehlen verbindliche Standards. Nicht nur für staatliche Raumfahrtprogramme, sondern auch für private Anbieter. Mit dem Einstieg kommerzieller Akteure wächst die Zahl der Menschen im All und damit auch die Verantwortung.
Technik kann, Regeln fehlen
Reproduktionstechnologien könnten theoretisch helfen. Verfahren wie Kryokonservierung, Embryokultur oder genetisches Screening sind heute kompakt, automatisiert und robust. „IVF-Technologien im Weltraum sind nicht mehr rein spekulativ“, sagt Palmer. „Es handelt sich um eine vorhersehbare Erweiterung bereits existierender Technologien.“
Genau das macht die Situation heikel. Technik entwickelt sich oft schneller als Regeln. Was möglich ist, wird irgendwann auch ausprobiert – schrittweise, still und oft ohne breite Debatte. Die Studie warnt davor, diesen Punkt zu verpassen.
Dabei geht es nicht nur um Menschen. Auch Forschung an Tieren, etwa zur Reproduktionsbiologie im All, wirft ethische Fragen auf. Wo liegen die Grenzen? Wer legt sie fest? Und nach welchen Maßstäben?
Vom Raumflug zum Aufenthalt
Lange galt der Weltraum als Ort kurzer Missionen. Das ändert sich. Aufenthalte werden länger, Pläne ambitionierter. Private Projekte sprechen offen von Wochen oder Monaten jenseits der Erde. Selbst wenn viele dieser Visionen noch unsicher sind, zeigen sie eine klare Richtung.
Der Weltraum wird Teil menschlicher Lebensrealität. Und damit rücken Themen in den Fokus, die auf der Erde selbstverständlich sind. Fortpflanzung gehört dazu – auch wenn niemand sie aktiv plant.
Verantwortung vor der Realität
Der leitende Autor der Studie, Dr. Fathi Karouia von der NASA, bringt die Dringlichkeit auf den Punkt: „Mit der zunehmenden Präsenz des Menschen im Weltraum kann die reproduktive Gesundheit nicht länger ein blinder Fleck in der Politik bleiben.“ Er fordert internationale Zusammenarbeit, um Daten zu sammeln, Risiken zu bewerten und ethische Leitlinien zu entwickeln.
Die Autorinnen und Autoren betonen: Es geht nicht darum, Fortpflanzung im All zu ermöglichen. Es geht darum, vorbereitet zu sein. Denn fehlende Regulierung ist keine neutrale Haltung. Sie verlagert Entscheidungen in den Moment, in dem es keine guten Optionen mehr gibt.
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