Rechenleistung der Superlative 04.01.2026, 12:32 Uhr

Big Data im All: 40 „Flüchtlinge“ in der Milchstraße entdeckt

Präzision am Limit: Mit Gaia-Daten und Spektroskopie identifizieren Forschende 40 Ausreißer-Sterne im galaktischen Bulge. Ein Sieg für Big Data im All.

Blick auf die Milchstraße

Die Milchstraße bildet ein Meer aus Milliarden Datenpunkten: Was hier als leuchtendes Band erscheint, vermisst die ESA-Mission Gaia mit bisher unerreichter Präzision.

Foto: Smarterpix / thomaswong

Tatort Milchstraße: In der dichten Sternenansammlung des galaktischen Zentrums verlieren Kugelsternhaufen durch Gezeitenkräfte beständig an Masse. Forschende haben nun 40 Sterne identifiziert, die aus ihrem Verbund gerissen wurden und als „Flüchtlinge“ durch diese Region wandern.

Dieser Prozess lässt sich durch komplexe statistische Verfahren und präzise Geschwindigkeitsmessungen nachweisen. Die Erkenntnisse dienen als Modell für die Analyse dynamischer Systeme unter extremer Belastung.

Ein System unter permanenter Last

Betrachten Sie einen Sternhaufen als ein gravitativ gebundenes System. Dieses System steht unter einer konstanten äußeren Last: dem Gezeitenfeld der Milchstraße. NGC 6569 agiert in diesem Szenario wie eine mechanische Struktur, deren Integrität durch äußere Scherkräfte gefährdet ist. Die Untersuchung zeigt, dass die Zentrifugalkräfte und die galaktische Anziehung in bestimmten Zonen die Eigenanziehung des Haufens übersteigen.

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Die physikalische Grenze, an der dies geschieht, bezeichnen Fachleute als Gezeitenradius (Tidal Radius). Sterne jenseits dieser Grenze sind theoretisch nicht mehr an den Haufen gebunden. Doch sie dort zu finden, gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das galaktische Zentrum ist optisch extrem dicht besiedelt. Um die 40 Ausreißer zweifelsfrei zu identifizieren, kombinierten die Forschenden zwei komplexe Messverfahren: die Astrometrie und die Spektroskopie.

Präzision am Limit des Machbaren

Die technische Grundlage für diese Entdeckung bilden die Daten der Gaia-Mission der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Der Satellit misst die Positionen und Bewegungen von Sternen mit einer Genauigkeit im Bereich von Mikrobogensekunden. Um die Dimension dieser Präzision zu verdeutlichen: Das entspricht dem Versuch, eine Euromünze auf der Mondoberfläche von der Erde aus zu vermessen.

Diese hohe Auflösung der Eigenbewegung (Proper Motion) erlaubt es, die Flugbahnen der Sterne über lange Zeiträume zurückzurechnen. Nur so lässt sich bestimmen, ob ein Stern ursprünglich aus dem Kern von NGC 6569 stammt oder lediglich ein zufälliger Passant im Vordergrund ist. In der Studie heißt es dazu: „Wir identifizieren 40 Sterne als Kandidaten für außergezeitenliche Objekte, basierend auf ihrer räumlichen Lage, ihren Eigenbewegungen, Radialgeschwindigkeiten und Metallizitäten“ (Quelle: Text 1).

Der chemische Fingerabdruck als Verifizierung

Bewegungsdaten allein genügen jedoch nicht für eine eindeutige Identifizierung im galaktischen Chaos. Hier kommt die Spektroskopie als zweites Standbein der Analyse zum Tragen. Die Forschenden nutzten das Anglo-Australian Telescope (AAT) und das 2dF-Instrument (Two Degree Field), um die Lichtspektren von 303 Zielsternen zu untersuchen.

Für Ingenieurinnen und Ingenieure ist besonders das Verfahren der Radialgeschwindigkeitsmessung interessant. Mithilfe des Doppler-Effekts lässt sich die Geschwindigkeit eines Objekts entlang der Sichtlinie bestimmen. Verschieben sich die Spektrallinien zum roten oder blauen Ende des Spektrums, liefert dies präzise Informationen über die Dynamik des Sterns.

Zusätzlich dient die Metallizität ([Fe/H]) als chemischer Fingerabdruck. Da alle Sterne eines Haufens etwa zur gleichen Zeit aus derselben Gaswolke entstanden sind, weisen sie eine nahezu identische chemische Zusammensetzung auf. Nur wenn die chemische Signatur eines Ausreißers exakt mit der des Kerns von NGC 6569 übereinstimmt, gilt er als verifizierter „Extra-Tidal Star“. Die Forschenden stellten fest, dass der Haufen eine Metallizität von etwa -0,85 dex aufweist – ein Wert, den auch die identifizierten 40 Flüchtlinge teilen.

Die Bilanz des galaktischen Schwunds

Die Analyse der Systemdynamik liefert greifbare Daten zum Zustand von NGC 6569. Der Sternhaufen schrumpft kontinuierlich. Um diesen Prozess zu beziffern, nutzten die Forschenden zwei verschiedene Ansätze. Sie untersuchten einerseits die Bewegungen direkt im dichten Zentrum des Haufens. Andererseits analysierten sie die sogenannten Gezeitenschweife. Dabei handelt es sich um Ströme aus Sternen, die dem Verbund bereits entkommen sind. Sie ziehen wie eine Spur hinter oder vor dem Haufen her.

Beide Rechenwege führen zu einem deckungsgleichen Ergebnis und belegen den schleichenden Zerfall. Pro Million Jahre verliert der Haufen eine Masse, die etwa dem 1,0- bis 1,6-Fachen unserer Sonne entspricht. Was auf astronomischen Zeitskalen zunächst nach wenig klingt, summiert sich zu einer erheblichen Instabilität der Struktur.

Das System „leckt“ dauerhaft

Rechnet man diesen Wert hoch, ergibt sich ein deutliches Bild: In einer Milliarde Jahre büßt NGC 6569 rund 5,6 % seiner gesamten aktuellen Substanz ein. Für die Dynamik der Milchstraße bedeutet dies, dass der Kugelsternhaufen kein in sich geschlossenes, isoliertes System ist. Er fungiert stattdessen als ein Reservoir, das über lange Zeiträume beständig Materie in das galaktische Zentrum abgibt.

Das System „leckt“ gewissermaßen dauerhaft. Die Schwerkraft der Milchstraße zieht die Sterne wie aus einem porösen Behälter heraus. Text 2 beschreibt diesen Vorgang bildhaft: „Es ist, als würde ein poröser Behälter langsam auslaufen. Die Schwerkraft der Milchstraße zieht die Sterne wie Sandkörner aus dem Haufen heraus“ (Quelle: Text 2).

Big Data und statistische Filterung

Hinter diesen astronomischen Erkenntnissen steht eine enorme IT-Leistung. Die Filterung der 40 relevanten Objekte aus der riesigen Datenmenge des Gaia-Katalogs erfordert komplexe Algorithmen. Die Forschenden setzen dabei auf Bayesianische Statistik. Dieses mathematische Verfahren berechnet Wahrscheinlichkeiten für die Zugehörigkeit eines Sterns zum Haufen. Es gewichtet dabei verschiedene Parameter wie Ort, Geschwindigkeit und chemische Daten.

Für die IT- und Messtechnik zeigt dieses Projekt, wie moderne Astronomie zu einer Disziplin der Hochleistungsinformatik geworden ist. Es geht nicht mehr nur um das bloße Beobachten. Im Vordergrund stehen die Fehlerkorrektur und Datenfusion in einem extrem verrauschten Umfeld. Die statistischen Unsicherheiten müssen dabei stets im Blick bleiben, um Fehlinterpretationen zu vermeiden.

Ein Modell für komplexe Systeme

Warum ist diese Forschung für Ingenieurinnen und Ingenieure außerhalb der Astrophysik relevant? Weil NGC 6569 als Beispiel für die Analyse dynamischer Systeme unter Dauerlast dient. Die Prinzipien der Systemanalyse, die in der mechanischen Strukturanalyse oder in der Strömungsdynamik Anwendung finden, gelten auch auf galaktischer Ebene.

Der Unterschied liegt lediglich in der Skalierung. Während wir in der Industrie mit Mikrosekunden oder Jahren rechnen, operiert die Astronomie in Zeiträumen von Jahrmilliarden. Die mathematischen Modelle zur Beschreibung von Kräften, Drehmomenten und Materialflüssen bleiben jedoch vergleichbar. In diesem Fall handelt es sich eben um Sternenflüsse statt um Flüssigkeiten oder Gase.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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