Wie ein KI-Halsband Sprache nach dem Schlaganfall zurückholt
Forschende entwickeln ein tragbares KI-Halsband, das Sprache nach dem Schlaganfall aus Halsmuskel-Signalen rekonstruiert.
Nach einem Schlaganfall arbeiten die Halsmuskeln oft nicht mehr richtig, die Stimme versagt. Mit Hilfe eines KI-Halsbands wird die Sprache zurückgeholt.
Foto: Smarterpix / magicmine
Nach einem Schlaganfall verlieren viele Betroffene nicht ihre Gedanken, sondern den Weg nach außen. Worte bleiben im Kopf klar, kommen aber nur bruchstückhaft oder gar nicht an. Genau hier setzt ein neues tragbares System an, das Forschende um Professor Luigi Occhipinti an der University of Cambridge entwickelt haben. Das weiche KI-Halsband mit dem Namen Revoice soll Menschen mit Dysarthrie helfen, wieder natürlich zu kommunizieren – ohne Operation, ohne Hirnimplantat.
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Wenn die Muskeln nicht mehr mitspielen
Dysarthrie ist eine häufige Folge eines Schlaganfalls. Die Muskeln in Hals, Mund und Kehlkopf sind geschwächt oder schlecht koordiniert. Betroffene wissen, was sie sagen möchten, können es aber nicht flüssig aussprechen. Oft entstehen nur einzelne Wortfetzen oder undeutliche Laute. Etwa jede zweite Person entwickelt nach einem Schlaganfall Dysarthrie, teils kombiniert mit Aphasie.
„Wenn Menschen nach einem Schlaganfall an Dysarthrie leiden, kann das für sie äußerst frustrierend sein, weil sie genau wissen, was sie sagen wollen, aber physisch Schwierigkeiten haben, es auszusprechen“, sagt Professor Luigi Occhipinti vom Department of Engineering in Cambridge. „Diese Frustration kann tiefgreifend sein, nicht nur für die Patienten, sondern auch für ihre Pflegekräfte und Familien.“
Ein Halsband statt eines Implantats
Bisherige technische Hilfen sind oft sperrig oder langsam. Viele Systeme setzen auf Buchstabeneingabe per Blicksteuerung. Andere greifen direkt ins Gehirn ein, etwa über implantierte Elektroden. Das neue Halsband verfolgt einen anderen Ansatz. Es nutzt Signale, die ohnehin vorhanden sind: feine Vibrationen der Halsmuskulatur und den Puls an der Halsschlagader.
Das Gerät liegt weich am Hals an, ist flexibel und waschbar. Textile Dehnungssensoren messen kleinste Bewegungen im Rachenraum, selbst wenn Betroffene nur lautlos Wörter formen. Gleichzeitig erfasst ein weiterer Sensor Veränderungen der Herzfrequenz. Diese liefern Hinweise auf den emotionalen Zustand, etwa ob jemand angespannt oder erleichtert ist.
Zwei KI-Agenten arbeiten im Hintergrund
Die gesammelten Daten landen nicht einfach in einer Textausgabe. Im Inneren von Revoice arbeiten zwei spezialisierte KI-Modelle. Der erste Agent rekonstruiert Wörter aus den fragmentierten Bewegungen der stillen Sprache. Der zweite ergänzt Kontext. Er berücksichtigt emotionale Signale, Tageszeit oder Umgebungsinformationen und erweitert kurze Wortfolgen zu vollständigen Sätzen.
So wird aus einem gemurmelten „Wir … Krankenhaus“ ein sinnvoller Satz. In der Studie der Forschenden lautete ein Beispiel: „Obwohl es schon etwas spät ist, fühle ich mich immer noch unwohl. Können wir jetzt ins Krankenhaus gehen?“
Die KI nutzt dabei kein großes Rechenzentrum. Ein kompaktes Sprachmodell läuft direkt auf dem Gerät oder einem verbundenen System. Der Stromverbrauch bleibt gering, die Verzögerung liegt bei etwa einer Sekunde.
Erfolgreiche Tests
Getestet wurde Revoice in einer ersten Studie mit fünf Schlaganfallpatientinnen und -patienten mit Dysarthrie sowie zehn gesunden Kontrollpersonen. Die Ergebnisse sind technisch bemerkenswert: Die Wortfehlerrate lag bei 4,2 %, die Satzfehlerrate bei 2,9 %. Gleichzeitig stieg die Zufriedenheit der Teilnehmenden um 55 %.
Zum Vergleich: Viele bestehende Hilfsmittel benötigen deutlich mehr Zeit pro Satz. Sie zwingen Nutzende, Buchstabe für Buchstabe zu arbeiten. Revoice erlaubt dagegen eine flüssige, nahezu dialogartige Kommunikation.
Kein Ersatz für Logopädie
Revoice soll Logopädie nicht ersetzen. Klassische Sprachtherapie bleibt zentral für die Genesung. Viele Patientinnen und Patienten gewinnen ihre Sprachfähigkeit über Monate teilweise oder ganz zurück. Das Halsband soll diese Zeit überbrücken und den Alltag erleichtern.
„Die Patienten können die repetitiven Übungen in der Regel nach einiger Übung durchführen, haben jedoch oft Schwierigkeiten mit offenen Fragen und alltäglichen Gesprächen“, erklärt Occhipinti. „Da viele Patienten schließlich ihre Sprachfähigkeit größtenteils oder vollständig wiedererlangen, besteht kein Bedarf an invasiven Hirnimplantaten, sondern vielmehr an intuitiveren und tragbaren Sprachlösungen.“
Weitere Einsatzgebiete denkbar
Langfristig sehen die Forschenden weitere Einsatzfelder. Auch Menschen mit Parkinson oder Motoneuronerkrankungen könnten profitieren. Geplant sind größere klinische Studien, zunächst mit englischsprachigen Patientinnen und Patienten. Parallel arbeiten die Entwickler an Mehrsprachigkeit, feineren Emotionsmodellen und einem vollständig autarken Betrieb.
„Es geht darum, den Menschen ihre Unabhängigkeit zurückzugeben“, sagt Occhipinti. „Kommunikation ist grundlegend für Würde und Genesung.“
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