Warum Einwegmedizin zum Wettbewerbsrisiko wird
Einwegmedizin wird zum Wettbewerbsrisiko: Nachhaltigkeit, Regulierung und Kosten zwingen Kliniken und Hersteller zu kreislauffähigen Lösungen.
Ein Kernspintomograf im Altonaer Kinderkrankenhaus: Bei komplexer Medizintechnik gewinnen neben Leistung und Sicherheit zunehmend auch Energieverbrauch, Wartung und Lebensdauer an Bedeutung.
Foto: picture alliance/dpa | Marcus Brandt
Die Medizintechnik steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Jahrzehntelang standen Sicherheit, Wirksamkeit und technischer Fortschritt im Mittelpunkt der Produktentwicklung. Heute kommt eine weitere Dimension hinzu: Nachhaltigkeit. Das aktuelle Research-Paper „Nachhaltigkeit als Wettbewerbstreiber in der Medizintechnik“ des VDI Technologiezentrums beschreibt, dass ökologische Verantwortung künftig ebenso über den Markterfolg entscheiden wird wie Qualität, Innovation und Wirtschaftlichkeit.
Die Autoren und Autorinnen der Studie verstehen Nachhaltigkeit nicht als kurzfristigen Trend, sondern als strategische Entwicklung für die gesamte Branche. Herstellerinnen und Hersteller, Forschungseinrichtungen, Kliniken, politische Entscheidungsträgerinnen und -träger sowie Gesundheitsdienstleister stehen gleichermaßen vor der Aufgabe, den gesamten Lebenszyklus von Medizinprodukten neu zu denken. Ziel ist es, medizinische Qualität mit einem deutlich geringeren Ressourcenverbrauch und einer höheren Kreislauffähigkeit zu verbinden.
Nachhaltigkeit in der Medizintechnik: klare Handlungsfelder
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen mehrere Entwicklungsschwerpunkte. Dazu gehören ein zirkuläres Produktdesign, ressourceneffiziente Produktionsprozesse, eine längere Nutzungsdauer von Medizinprodukten, moderne Wiederaufbereitungsverfahren sowie hochwertige Recyclingkonzepte. Gleichzeitig soll bereits bei der Materialauswahl darauf geachtet werden, Primärrohstoffe einzusparen und verstärkt Sekundärmaterialien einzusetzen. Damit verändert sich der Blick auf Medizinprodukte grundlegend – vom Einzelprodukt hin zum gesamten Produktlebenszyklus.
Ein weiterer Schwerpunkt der Studie ist die stärkere Zusammenarbeit aller Beteiligten. Nachhaltige Innovationen entstehen künftig nicht mehr ausschließlich innerhalb eines Unternehmens. Vielmehr braucht es Kooperationen zwischen Industrie, Wissenschaft, Kliniken, Behörden und politischen Institutionen. Die Analyse macht deutlich, dass GreenMedTech nur dann erfolgreich sein kann, wenn technologische Entwicklung, Regulierung und praktische Anwendung eng miteinander verzahnt werden.
Warum nachhaltige Medizintechnik zur Schlüsselfrage wird
Nachhaltigkeit geht heute weit über den Umwelt- und Klimaschutz hinaus. Sie entwickelt sich zu einer zentralen Zukunftsfrage für die Gesundheitsversorgung. Einerseits trägt der Gesundheitssektor selbst erheblich zum Ressourcenverbrauch und zu den Treibhausgasemissionen bei. Andererseits gefährden Klimawandel und Umweltbelastungen zunehmend die Gesundheit der Bevölkerung. Damit wächst der Druck, medizinische Versorgung nachhaltiger zu gestalten.
Nach Angaben der Forschenden entfallen rund vier Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen auf den Gesundheitssektor. Gleichzeitig entstehen allein in deutschen Krankenhäusern täglich mehrere Tonnen Abfall, von denen ein großer Teil auf Einwegprodukte zurückzuführen ist. Hinzu kommt der hohe Bedarf an oftmals kritischen Rohstoffen, die für zahlreiche Medizinprodukte unverzichtbar sind.
Was das für Kliniken und Gesundheitseinrichtungen bedeutet
Für Kliniken, Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen verändert sich der Blick auf die Medizintechnik. Bisher standen vor allem Anschaffungskosten, Funktionalität und medizinische Qualität im Mittelpunkt der Investitionsentscheidungen. Künftig zählen im einem stärkeren Maßen auch Energieverbrauch, Lebensdauer, Reparaturfähigkeit sowie Möglichkeiten zur Wiederaufbereitung und zum Recycling von Produkten.
Für Betreiber von Gesundheitseinrichtungen eröffnet diese Entwicklung zugleich wirtschaftliche Chancen. Langlebige Systeme, modulare Geräte und standardisierte Wiederaufbereitungsverfahren können Betriebskosten senken und Ressourcen schonen.
Moderne Service- und Mietmodelle ermöglichen darüber hinaus eine längere Nutzung hochwertiger Medizintechnik, ohne dass regelmäßig komplette Neuinvestitionen erforderlich werden. Die Forschenden sehen darin einen wichtigen Hebel, um ökologische und ökonomische Ziele miteinander zu verbinden.
Regulierung wird zum Innovationstreiber in der Medizintechnik
Ein wesentlicher Motor dieser Entwicklung sind neue europäische und internationale Vorgaben. In der Studie heißt es, dass Nachhaltigkeit inzwischen fest in regulatorischen Anforderungen verankert wird. Neben der Sicherheit und Leistungsfähigkeit von Medizinprodukten rücken Umweltaspekte, Transparenz entlang der Lieferketten und die Kreislauffähigkeit von Produkten stärker in den Fokus.
Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen zählen die Verordnung über die umweltgerechte Gestaltung nachhaltiger Produkte, die Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen sowie die europäische Lieferkettenregulierung. Ergänzt werden diese Vorgaben durch weitere Regelwerke, beispielsweise zu Batterien, Verpackungen, Chemikalien und Gesundheitsdaten.
Beispiel Life Cycle Assessment: Es schafft Vergleichbarkeit in der Nachhaltigkeit
Die Autorinnen und Autoren der Studie sehen besonders in der Beschaffung die Möglichkeit, viel in Richtung Nachhaltig zu verändern. Sie führen dafür zwei Beispiele an: Das Life Cycle Assessment und den digitalen Produktpass. Unter dem sogenannten Life Cycle Assessment versteht man die systematische Bewertung der Umweltauswirkungen eines Produktes über dessen gesamten Lebenszyklus hinweg – von der Rohstoffgewinnung über Produktion, Transport und Nutzung bis hin zur Wiederaufbereitung oder Entsorgung. Die Forschenden zeigen im Rahmen der Studie, dass diese Methode zunehmend zur Grundlage für nachhaltige Investitionsentscheidungen wird.
Internationale Normen und aktuelle Arbeiten des Deutschen Instituts für Normung sollen künftig dafür sorgen, dass Life Cycle Assessments nach einheitlichen Maßstäben erstellt werden. Für Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen entsteht dadurch eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Sie können künftig nicht nur medizinische Leistungsdaten vergleichen, sondern auch erkennen, welche Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus die geringsten Umweltwirkungen verursachen und gleichzeitig wirtschaftlich sinnvoll sind.
Beispiel Digitaler Produktpass: Er sorgt für mehr Transparenz
Eng mit dem Life Cycle Assessment verknüpft ist der Digitale Produktpass. Die Europäische Union verfolgt das Ziel, künftig wichtige Informationen zu Materialien, Reparaturmöglichkeiten, Umweltwirkungen, Wiederverwendung und Recycling digital bereitzustellen. Dadurch erhalten Herstellerinnen und Hersteller, Kliniken sowie Behörden Zugriff auf dieselbe Datengrundlage.
Für die Beschaffung bedeutet das einen erheblichen Fortschritt. Nachhaltigkeitsinformationen müssen künftig nicht mehr aus unterschiedlichen Dokumenten zusammengesucht werden, sondern stehen zentral zur Verfügung. Das erleichtert Ausschreibungen, erhöht die Vergleichbarkeit verschiedener Produkte und stärkt gleichzeitig die Kreislaufwirtschaft. Die Forschenden gehen davon aus, dass der Digitale Produktpass langfristig zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor in der Medizintechnik wird, weil er Transparenz schafft und nachhaltige Innovationen sichtbar macht.
Digitale Lösungen und Künstliche Intelligenz beschleunigen die Entwicklung
Einen weiteren Hebel – neben der Beschaffung – sehen die Autorinnen und Autoren der Studie im Einsatz digitaler Technologien. Sie können für mehr Nachhaltigkeit in der Medizintechnik sorgen. Nach Einschätzung der Forschenden reichen ihre Einsatzmöglichkeiten weit über digitale Patientenakten oder Telemedizin hinaus. Vernetzte Systeme helfen dabei, Material- und Energieverbräuche zu analysieren, Wartungsintervalle zu optimieren und den gesamten Lebenszyklus von Medizinprodukten effizienter zu steuern. Dadurch lassen sich Ressourcen gezielter einsetzen und unnötige Emissionen vermeiden.
Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten für Forschung, Entwicklung und Betrieb. Sie kann beispielsweise digitale Zwillinge auswerten, Materialeinsätze optimieren, Wartungsbedarfe frühzeitig erkennen oder die Erstellung von Life Cycle Assessments unterstützen. Gleichzeitig weist die Studie darauf hin, dass auch digitale Anwendungen selbst energieeffizient gestaltet werden müssen. Nur wenn Informationstechnologie ressourcenschonend entwickelt und betrieben wird, kann sie ihren Beitrag zu einer nachhaltigeren Gesundheitsversorgung leisten.
Nachhaltigkeit als strategische Entscheidung in der Medizintechnik
Die Beispiele aus der Studie zeigen deutlich, dass nachhaltige Medizintechnik keine Zukunftsvision mehr ist. Internationale Initiativen, Forschungseinrichtungen, Herstellerinnen und Hersteller sowie Kliniken arbeiten bereits an konkreten Lösungen. Dazu gehören kreislauffähige Produktkonzepte, klimafreundlichere Operationsverfahren, Rücknahmesysteme für Medizinprodukte oder nahezu emissionsfreie Magnetresonanztomografie-Systeme. Die Transformation hat begonnen – entscheidend ist nun, wie schnell sie flächendeckend umgesetzt wird.
Ein Beitrag von: