Wenn die Blase kein Signal mehr gibt: Neue Technik soll den Toilettengang erleichtern
Selbstbestimmte Kontinenz: Neue Medizintechnik, Wearables und Sensoren unterstützen Menschen mit Inkontinenz beim Blasenmanagement.
Neue technische Lösungen sollen Menschen mit Inkontinenz mehr Selbstbestimmung im Alltag ermöglichen.
Foto: Smarterpix/pikselstock
Für die meisten Menschen dauert ein Gang zur Toilette nur wenige Minuten, aber für viele ist das Entleeren der Blase mit akribischer Planung verbunden. Laut der Deutschen Kontinenz Gesellschaft sind etwa 10 Mio. Menschen in Deutschland von Inkontinenz betroffen.
Daneben gibt es Menschen mit neurogenen Blasenfunktionsstörungen, etwa infolge einer Querschnittlähmung oder neurologischer Erkrankungen. Für sie kann der Toilettengang eine komplexe Abfolge aus Planung, Hilfsmitteln und Unterstützung durch andere sein.
„Nicht-Betroffene können gar nicht nachvollziehen, wie viel Raum die Krankheit einnimmt“, sagt Urs Schneider, Arzt und Leiter des Gesundheitsforschungsbereichs am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA).
Entscheidend sei, selbstständig und genau dann auf Toilette gehen zu können, wenn es nötig sei und nicht darauf warten zu müssen, „wann der Dienst kommt“. „Selbstbestimmung heißt eigentlich, dass ich entscheide, was ich wann tue“, betont Schneider.
Besonders deutlich wird diese Abhängigkeit bei einem Teil der Menschen mit neurogener Blasenstörung, die ihre Blase mehrmals täglich mithilfe eines Katheters entleeren müssen. Eingeschränkte Handkraft, Spastiken oder mangelnde Beweglichkeit können das erschweren.
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Ein Gerät für selbstbestimmte Kontinenz
Urs Schneider hat gemeinsam mit seinem Team am Fraunhofer IPA das 2LIP entwickelt, einen Bein- und Labienspreizer, der querschnittsgelähmten Frauen dabei helfen soll, ohne fremde Hilfe zu katheterisieren. Oberschenkelschalen schaffen dabei Platz, ein daran befestigter Spiegel sorgt für Sicht. Ein mechanischer Labienhalter hält den Zugang zur Harnröhrenöffnung frei, sodass beide Hände frei bleiben für die Reinigung und das eigentliche Katheterisieren.
2LIP ist aus einem Medical-Grade-3D-Kunststoff und besteht aus fünf zerlegbaren Komponenten. Ein einfacher Steckmechanismus soll die Handhabung auch bei geringer Handkraft erleichtern. „Katheterisieren braucht Kraft in den Fingern, um es durchführen zu können“, so Schneider.
Das Hilfsmittel kommt ohne elektronische Komponenten aus. Stattdessen sollen Ergonomie und die Ausrichtung an den Bedürfnissen der Betroffenen mehr Selbstständigkeit ermöglichen.
Das Fraunhofer IPA arbeitet derzeit daran, den funktionsfähigen Prototypen weiterzuentwickeln und zu validieren sowie die regulatorischen Anforderungen für ein Medizinprodukt umzusetzen. Eine Ausgründung ist für 2027 geplant. Wann daraus ein regulär verfügbares Produkt wird, steht noch nicht fest.
2LIP hilft beim Entleeren der Blase. Andere Entwickler setzen früher an: Sie wollen erkennen, wann die Blase überhaupt geleert werden muss.

inContAlert: Blasenfüllstand als Smartphone-Nachricht
Menschen mit bestimmten neurologischen Erkrankungen, wie etwa Multipler Sklerose, können den Füllstand ihrer Blase nicht zuverlässig wahrnehmen. Aus diesem Grund hat das deutsche MedTech-Start-up „inContAlert“ ein Wearable entwickelt, das den Füllstand der Blase überwacht. Die erfassten Messdaten werden über einen Machine-Learning-Algorithmus ausgewertet. Per App wird die nutzende Person informiert, sobald ein vorab definierter Schwellenwert erreicht ist.
Die Sensoreinheit arbeitet mit LEDs, die Nahinfrarotlicht in Richtung der Blase aussenden. Je nach Gewebe und Füllstand der Blase wird das Licht unterschiedlich absorbiert und gestreut. Fotozellen erfassen das zurückkehrende Licht und übermitteln die Messdaten an die App. Aus den Veränderungen der Lichtsignale ermittelt das System mithilfe eines Algorithmus den Blasenfüllstand.
Das System ist als Medizinprodukt der Klasse I registriert und wird derzeit in ersten klinischen Anwendungen und Studien im Alltag erprobt.
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WeeCare: Blasenmessung per Impedanztomografie
Ein Forschungsprojekt der Carnegie Mellon University und University of Michigan setzt auf eine alternative Methode, um den Blasenstand nicht-invasiv zu messen. Im Projekt „WeeCare“ haben sie ein flexibles Pad mit Textilelektroden entwickelt, das Veränderungen des Blasenfüllstands mittels elektrischer Impedanztomografie erfassen soll.
Über die Textilelektroden werden schwache elektrische Ströme in den Körper geleitet und die daraus resultierenden Spannungen gemessen. Da Urin elektrisch leitfähig ist, verändert sich mit zunehmender Blasenfüllung die Leitfähigkeit im Beckenbereich. Aus diesen Veränderungen soll WeeCare Rückschlüsse auf den Füllstand der Blase ziehen.
Bislang handelt es sich um einen frühen Machbarkeitsnachweis. Neben Simulationen und Phantomversuchen führten die Forschenden In-vivo-Messungen an acht Personen durch. Die kontinuierliche Fülldynamik untersuchten sie bislang allerdings nur bei einer Person. Eine klinische Validierung ist das noch nicht.
„Selbstbestimmte Kontinenz“ – REHACARE 2026
Vom mechanischen Hilfsmittel wie 2LIP bis zur sensorbasierten Überwachung des Blasenfüllstands zielen alle drei Ansätze darauf ab, Menschen mehr Kontrolle darüber zu geben, wann und wie sie ihre Blase entleeren. Auch die REHACARE 2026, die vom 23. bis 26. September in Düsseldorf stattfindet, greift das Thema in diesem Jahr auf.
Die Messe widmet der „Selbstbestimmten Kontinenz“ in diesem Jahr erstmals einen eigenen Schwerpunkt. Auf einem Marktplatz präsentieren unter anderem das Fraunhofer IPA mit 2LIP, inContAlert sowie Hersteller wie Coloplast, ConvaTec, Hollister, UROMED und Wellspect Lösungen und Beratungsangebote für das Blasen- und Darmmanagement.
Begleitet wird die Ausstellung von mehr als 30 Fachvorträgen an den vier Messetagen. Dabei geht es unter anderem um Selbstkatheterisierung, Darmmanagement, Sexualität und Kontinenz sowie rechtliche Fragen rund um die Versorgung mit Inkontinenzhilfsmitteln.
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