IFA 2010 10.09.2010, 19:48 Uhr

Zeitgeschichte(n) in HDTV: analoge Sackgasse

Vor 25 Jahren zeigte die IFA in Berlin erstmals eine komplette HDTV-Produktionskette – von der Aufnahme über die Aufzeichnung bis zur Wiedergabe. Auf der jetzigen IFA wurde daran erinnert und durch die Fernseh- und Kinotechnische Gesellschaft FKTG ein Weg vorgestellt, alte analoge HDTV-Produktionen auf aktuelle digitale HDTV-Träger zu übertragen.

Zehn Tage, nämlich vom 30. August bis 8. September 1985, dauerte vor 25 Jahren die IFA – und schon damals ging es um HDTV. Doch nicht vom hochauflösenden Fernsehen war die Rede, sondern vom „hochauflöslichen“. Was da die Katalogredaktion versehentlich falsch korrigierte, hatte auch etwas Programmatisches – nur zehn Jahre später war in Europa von hochauflösendem Fernsehen erstmal keine Rede mehr – es wurde in der Tat „hochauflöslich“.

1985 wurden auf der IFA noch Geräte für den in Japan entwickelten analogen HDTV-Standard mit 1125 Zeilen und 60 Halbbildern pro Sekunde eingesetzt. Doch schon ein Jahr später trommelten die Unternehmen Philips (NL), Thomson (F), Bosch (D) und Thorn-EMI (GB) für einen europäischen Gegenentwurf. Über 730 Mio. ECU spendierten die damaligen Regierungen für Europas größtes staatlich gefördertes Forschungs- und Entwicklungsprogramm Eureka 95 für hochauflösendes analoges Fernsehen mit 1250 Zeilen und 50 Halbbildern. Doch die ließen sich in der produzierten Studioqualität nicht übertragen – die via Satellit zur Verfügung stehende Bandbreite hätte dazu nicht ausgereicht.

So wurde das neue Übertragungsverfahren HD-MAC (Multiplexed Analogue Components) entwickelt. Allerdings hatte das so seine Tücken, es sollte nämlich kompatibel mit dem bereits erarbeiteten D2-MAC-Verfahren sein, mit dem die unterschiedlichen Farbfernseh-Standards PAL und Secam hätten überwunden werden sollen. Dumm nur, dass die D2-MAC-Decoder für die ersten Satellitenreceiver erst mit jahrelanger Verspätung zur Verfügung standen und damit den Wettlauf verloren – PAL und Secam waren zumindest für den ersten Astra-Satelliten schneller.

Nur die damaligen Direktempfangssatelliten wie TV-Sat 2 oder TDF1 und 2 nutzten auf wenigen Kanälen die analoge Komponentenübertragungstechnik mit der Möglichkeit, auch das HD-Fernsehbild in Standardauflösung schon Ende der 80er-Jahre auf 16:9-formatigen Bildschirmen darzustellen und mit bis zu acht Sprachen digital zu übertragen. Doch selbst mit einer EU-weiten Verpflichtung ließ sich diese Technik nicht in den Markt drücken – D2-MAC hatte letztendlich keine Chancen. Auch hatten die Arbeiten für die Digitalisierung des Fernsehens bereits begonnen.

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Für HD-MAC hatte dieses Dilemma fatale Konsequenzen – der sog. kompatible Verbreitungsweg für HDTV war in weite Ferne gerückt. Trotzdem wurden nicht nur „analoge“ HDTV-Studiogeräte wie Kameras, Monitore, MAZen (Magnetaufzeichnung), Filmabtaster sowie Übertragungswagen gebaut, sondern auch rund 800 HDTV-Fernsehgeräte, je nach Bauart zwischen 80 kg und 155 kg schwer. Die kamen auch bei den Olympischen Winter- bzw. Sommerspielen 1992 in Albertville und Barcelona zum Einsatz, wurden da doch einige Sportarten HD-mäßig übertragen. Aber schon für die Olympischen Winterspiele 1994 im norwegischen Lillehammer gab es keine Übertragungsmöglichkeiten – Eureka bekam auf britisches Geheiß ab 1993 keine weiteren Finanzmittel mehr, mit denen diese und andere Übertragungen hätten bezahlt werden können.

Im Frühjahr 1993 gingen für das Eureka 95-Projekt bereits die Lichter aus – wurde es mehr oder minder ordentlich abgewickelt, wenngleich es offiziell noch bis zum 1. Januar 1995 laufen sollte. Nur in den Niederlanden gab es mit TVplus sowie in Frankreich mit TVHR eine Weiternutzung der Technik – sogar bis 1999.

Übrigens landete ein Großteil der damaligen Geräte auf dem Schrottplatz, und viele der auf den 1 Zoll breiten Magnetbändern gespeicherten 600 Stunden Programmmaterial wurden schlichtweg gelöscht. Aber eben nicht alles. Rund 200 Bänder sind inzwischen lokalisiert. In der Fachhochschule Meschede sind zudem Transfertechniken aufgebaut, mit der die analogen Aufnahmen gerettet und in digitale gewandelt werden können.

Unter dem Titel „25 Jahre HD in Europa – eine Retrospektive“ plant nun die Fernseh- und Kinotechnische Gesellschaft (FKTG) eine Bestandsaufnahme der noch vorhandenen Eureka-Schätze und eine ausschnittsweise Umsetzung der Materialien in die digitale HD-Welt. Wie das aussehen könnte, war jetzt auf der IFA durch die FKTG auf dem Stand der Deutschen TV-Plattform zu erleben. Das Deutsche Technikmuseum stellte hierfür zudem HDTV-Kamera, -MAZ, -Rückprojektionsfernseher, -Bildplattenspieler und -Bildplatte sowie 15 Magnetbänder zur Verfügung.

Von einer Blu-ray zeigten Vertreter der Fachgesellschaft neben Überspielbeispielen der BBC auch erste selbst gewandelte digitale HDTV-Aufnahmen, freilich noch mit diversen Artefakten behaftet. „Die werden wir auch noch wegbekommen“, erklärte Stephan Breide, Professor an der Fachhochschule Meschede. „Allerdings ist auch klar, dass die nicht gerade optimalen Aufbewahrungsbedingungen ihre Spuren bei den Aufzeichnungen hinterlassen haben, die wir selbst mit einer Bildbearbeitung nur bedingt wieder beseitigen können.“ Und Jens Briel, zuständiger Überspielexperte von der gleichen Institution, ergänzte: „Wir müssen vor allem die alte MAZ noch einmal gründlich überholen lassen und das übrige Equipment weiter optimieren.“

Nur – nochmal 20 und mehr Jahre wird man sich nicht mehr Zeit lassen können, um die Kulturschätze von damals zu retten. Nicht nur MAZen und Bänder sind in die Jahre gekommen, auch die notwendigen Ersatzteile sowie die Servicetechniker. So gesehen war die IFA Berlin sehr weitsichtig, ein solches „Bewahrprojekt“ in einer ansonsten nur vorwärtsdrängenden und drängelnden Innovationsparade zu präsentieren.

Übrigens – in einigen Monaten soll die HDTV-Geschichte auf einer Blu-ray erscheinen, angereichert mit Interviews der damals Beteiligten sowie einigen Überspielbeispielen. Interessenten können sich schon jetzt unter eureka95@fktg.de vormerken lassen.

Ein Beitrag von:

  • Rainer Bücken

    Freier Fachjournalist in Berlin. Seit über 40 Jahren widmet sich Rainer Bücken mit profunden Fachkenntnissen allen Themen rund um Medien, gewissermaßen von der Quelle bis zur Senke. So begleitete er die Einführung von HDTV in Deutschland von den Anfängen bis zum Regelbetrieb und blickt gespannt auf die Entwicklungen bei 4K sowie 8K. Dabei spielen die Digitalisierung der TV-Landschaft und die Einführung neuer Technologien in allen Stufen der Medienverbreitung, vor allem der Glasfasertechnik, zentrale Rollen. Rainer Bücken studierte Nachrichtentechnik der Ingenieurakademie der Deutschen Bundespost Berlin und anschließend Publizistik an der FU Berlin.

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