Zu wenig Strom für KI: Wie Deutschland jetzt Anschlüsse für Rechenzentren verteilt
Deutschland will seine KI-Rechenleistung bis 2030 vervierfachen. Doch in Frankfurt, Berlin und Ostdeutschland übersteigen die Anschlussanfragen von Rechenzentren die freie Netzkapazität um ein Vielfaches.
KI-Rechenpower für Europa: Module von Juptier, des ersten europäischen Supercomputers der Exascale-Klasse in Jülich. päische Supercpicture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd
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Der weltweite Ausbau von Rechenzentren beschleunigt sich durch künstliche Intelligenz. Die Analysten von Roland Berger erwarten bis 2035 nahezu eine Vervierfachung der installierten Kapazität auf rund 340 GW.
Gleichzeitig will Deutschland seine KI-Rechenleistung massiv ausbauen. Doch in wichtigen Rechenzentrumsregionen wird die dafür nötige Netzanschlussleistung knapp.
Inhaltsverzeichnis
- Frankfurt erwartet Einschränkungen bis Mitte der 2030er-Jahre
- Berlin: 2300 MVA angefragt, 365 MVA verfügbar
- 16,8 GW Datacenter-Anfragen im Mitnetz-Gebiet
- Bundesregierung will Anschlussverfahren neu ordnen
- KI und Stromnetze: Netzzugang wird zum europäischen Standortfaktor
- Diese Probleme sieht Roland Berger für Europas Rechenzentren
- Quellen
Frankfurt erwartet Einschränkungen bis Mitte der 2030er-Jahre
Besonders deutlich zeigt sich die Situation in Frankfurt am Main. Nach Angaben der NRM Netzdienste Rhein-Main übersteigt die Nachfrage nach Netzanschlusskapazität die verfügbare Leistung aus dem vorgelagerten Übertragungsnetz deutlich. Als einen Treiber nennt der Netzbetreiber die hohe Zahl von Anschlussanfragen für Rechenzentren.
Neue Anschlussleistung ab 3,5 MW wird deshalb grundsätzlich über ein Pro-Rata-Verfahren verteilt. In einem lokalen Engpassgebiet greift dieses Verfahren bereits bei Anschlussanfragen oberhalb von 1 MW.
Kurzfristig dürfte sich die Lage nicht grundlegend entspannen. NRM geht davon aus, dass bis Mitte der 2030er-Jahre mit Einschränkungen bei der Vergabe von Netzanschlussleistungen zu rechnen ist.
Gleichzeitig erfolgt ein Ausbau des Stromnetzes. Nach eigenen Angaben will Mainova gemeinsam mit dem Übertragungsnetzbetreiber Tennet rund 1000 MW zusätzliche Versorgungskapazität schaffen. Der Frankfurter Versorger will innerhalb von fünf Jahren zudem rund 900 Mio. € in das Stromnetz investieren.
Der Strombedarf der Stadt ist bereits deutlich gestiegen. Mainova zufolge lag der Frankfurter Stromverbrauch 2024 bei rund 6,5 TWh und damit mehr als ein Viertel höher als zehn Jahre zuvor. Rechenzentren seien inzwischen die größten Stromverbraucher der Stadt und hätten den Flughafen überholt.
Berlin: 2300 MVA angefragt, 365 MVA verfügbar
Auch in Berlin zeigt sich, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Bedarf großer Stromverbraucher und verfügbaren Netzkapazitäten inzwischen werden kann.
Im Zuteilungsverfahren 2025 lagen Stromnetz Berlin 70 Anschlussanfragen mit zusammen rund 2300 MVA vor. Zur Verfügung standen in drei Netzgebieten insgesamt 365 MVA Anschlusskapazität. Nach Prüfung erfüllten 47 Anfragen die Voraussetzungen für das Verfahren. 37 erhielten Anschlusskapazität, zehn konnte keine Leistung zugeteilt werden. Die Zahlen beziehen sich jedoch nicht ausschließlich auf Rechenzentren. Das Verfahren gilt für Großverbraucher mit einem Leistungsbedarf von mehr als 3,5 MVA. Dazu können neben Rechenzentren unter anderem Wärmeanlagen, Ladeinfrastruktur und Speicher gehören.
Bis 2024 wurden große Anschlussanfragen noch nach ihrem Eingang bearbeitet. Wegen der begrenzten Kapazitäten hat Stromnetz Berlin inzwischen ein gesondertes Zuteilungsverfahren eingeführt. Auch 2026 bleibt die Lage angespannt; das zweite Zuteilungsverfahren wurde zunächst verschoben.
16,8 GW Datacenter-Anfragen im Mitnetz-Gebiet
Noch größer ist die Herausforderung im Netzgebiet von Mitnetz Strom. Ende 2025 lagen dem Netzbetreiber 90 Anschlussanfragen für Datacenter mit einer Gesamtleistung von 16,8 GW vor. Verbindlich reserviert waren davon neun Projekte mit zusammen rund 1,4 GW. Die 16,8 GW entsprechen allerdings nicht dem künftig tatsächlich entstehenden Stromverbrauch. Anschlussanfragen können sich überschneiden, verändert oder zurückgezogen werden. Zudem erstreckt sich das Netzgebiet von Mitnetz über Teile von Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Gesamtleistung lässt sich daher keinem einzelnen Bundesland zurechnen.
Wie konkrete Projekte aussehen können, zeigt Lübbenau im Spreewald. Dort errichtet Schwarz Digits auf dem Gelände eines ehemaligen Kraftwerks ein neues Rechenzentrum. Vorgesehen sind zunächst rund 200 MW Anschlussleistung. Das Unternehmen beziffert das Investitionsvolumen auf 11 Mrd. € und gibt an, dass dort künftig Kapazitäten für bis zu 100.000 GPUs bereitgestellt werden könnten. Die bestehende Energie- und Netzinfrastruktur des früheren Kraftwerksstandorts war nach Angaben der Stadt ein wichtiger Faktor bei der Standortwahl.
Bundesregierung will Anschlussverfahren neu ordnen
Der Engpass bei Großanschlüssen ist inzwischen auch auf Bundesebene angekommen. In ihrer Rechenzentrumsstrategie spricht die Bundesregierung von einem „Antragsstau“ bei Stromanschlüssen.
Künftig will man Projekte mit höherer Realisierungswahrscheinlichkeit stärker berücksichtigen.
Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber haben dazu im April 2026 ein Reifegradverfahren für große Stromverbraucher eingeführt. Bewertet wird unter anderem, wie weit ein Projekt entwickelt ist und wie wahrscheinlich seine Umsetzung erscheint. Anträge für große Verbraucher wie Rechenzentren, Batteriespeicher oder Elektrolyseure werden bei knappen Kapazitäten anhand nachgewiesener Projektfortschritte priorisiert. Damit löst das Verfahren das bisherige Prinzip ab, Anträge allein nach ihrem Eingangszeitpunkt zu bearbeiten.
KI und Stromnetze: Netzzugang wird zum europäischen Standortfaktor
Wie stark solche Engpässe auch im internationalen Wettbewerb ins Gewicht fallen können, zeigt die Studie von Roland Berger. Die Beratung erwartet, dass Nordamerikas Anteil an der weltweiten Rechenzentrumskapazität bis 2030 auf rund 58 % steigt. Europas Anteil soll dagegen auf etwa 10 % sinken.
Diese Probleme sieht Roland Berger für Europas Rechenzentren
Als zentrale Hemmnisse für den europäischen Ausbau nennt Roland Berger in der Studie den Zugang zu Stromnetzen, hohe Energiekosten und regulatorische Komplexität. In Europa könne der Anschluss eines neuen Rechenzentrums an das Stromnetz bis zu sieben Jahre dauern. Stromkosten machen laut Studie je nach Standort rund 40 % der Betriebskosten eines Rechenzentrums aus.
Finanzielle Förderung allein könne den Rückstand deshalb nicht beseitigen. Roland Berger plädiert unter anderem für vorausschauende Netzplanung, leistungsfähige Anschlusspunkte und schnellere Genehmigungsverfahren. Auch die Branchenbefragung für die Studie nennt Netzzugang, Energiekosten und regulatorische Komplexität als zentrale Engpässe für den europäischen Ausbau.
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