High-Tech im Regolith 25.03.2026, 13:00 Uhr

Ein Kabel, tausende Sensoren: Glasfaser vermisst den Mond

Glasfaser statt schwerer Seismometer: Forschende der ETH Zürich nutzen DAS-Technologie, um Mondbeben präzise zu messen und Wasserressourcen zu finden.

Glasfaserkabel

Glasfaser auf dem Mond: Neue Technik misst Beben hochauflösend und liefert Einblicke ins Innere.

Foto: Smarterpix / amuzica

Wer an Glasfaser denkt, hat meist schnelles Internet im Kopf. In der Raumfahrt könnte das dünne Kabel bald eine andere Aufgabe übernehmen. Forschende der ETH Zürich wollen Glasfasern nutzen, um den Mondboden kontinuierlich zu vermessen. Statt einzelner Messpunkte entsteht so ein durchgehendes Sensorsystem – mit deutlich höherer Auflösung.

Das Erbe der Apollo-Missionen

Das Wissen über das Innere des Mondes basiert bis heute auf Messungen aus der Apollo-Zeit. Zwischen 1969 und 1972 stellten Astronautinnen und Astronauten mehrere Seismometer auf. Diese liefen bis 1977 und zeichneten tausende Mondbeben auf.

Die Daten sind wertvoll. Aber sie haben ein klares Problem: Die Sensoren standen weit auseinander. Dazwischen blieb der Untergrund weitgehend unkartiert. Für heutige Anforderungen – etwa für geplante Mondbasen oder die Suche nach Ressourcen – ist das zu grob.

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Das Team um Johan Robertsson setzt genau hier an. Statt einzelne Geräte zu verteilen, wollen die Forschenden ein Netz aus Glasfaserkabeln aufbauen. Ein Rover könnte diese Kabel über Kilometer hinweg einfach auf der Oberfläche ausrollen.

Ein Kabel ersetzt tausende Sensoren

Der zentrale Unterschied liegt im Messprinzip. Klassische Seismometer liefern punktuelle Daten. Eine Glasfaser dagegen misst entlang ihrer gesamten Länge. Das bedeutet:Jeder Abschnitt des Kabels wird zum Sensor.

Was das konkret bringt:

Merkmal Seismometer Glasfaser (DAS)
Messpunkte Einzelne Stationen Kontinuierlich entlang des Kabels
Installation Aufwendig Ausrollen per Rover
Gewicht Hoch Gering
Mechanik Bewegliche Teile Keine beweglichen Teile

Schon wenige Kilometer Glasfaser liefern damit eine deutlich dichtere Datengrundlage als ein klassisches Messnetz.

Wie Licht Bewegung misst

Die Technik dahinter heißt Distributed Acoustic Sensing, kurz DAS. Der Ansatz nutzt Licht als Messsignal. Ein Laser sendet kurze Impulse durch die Glasfaser. Im Material gibt es mikroskopische Unregelmäßigkeiten. Diese streuen einen Teil des Lichts zurück.

Solange das Kabel ruhig liegt, bleibt dieses Streumuster stabil. Sobald sich der Boden bewegt, ändert sich die Struktur minimal. Genau diese Veränderung wird gemessen. Das Entscheidende:
Die Laufzeit des zurückgestreuten Lichts zeigt, wo entlang des Kabels die Bewegung stattgefunden hat.

„Eine einzelne Faser, die so breit ist wie ein menschliches Haar, fungiert wie Tausende gleichmäßig verteilter Sensoren“, erklären die Forschenden.

Landungen werden zum Messsignal

Die Technik kann mehr als nur Beben registrieren. Sie lässt sich aktiv nutzen. Raumfahrzeuge erzeugen bei Landung oder Start starke Vibrationen. Diese könnten gezielt als Signalquelle dienen.

„Die Erschütterungen, die Landungen und Starts von Raumfahrzeugen erzeugen, könnten als aktive seismische Quellen dienen“, sagt Simone Probst. „So lassen sich Strukturen unter der Mondoberfläche ähnlich wie bei einem medizinischen Ultraschall abbilden.“

Das ist ein klarer Vorteil. Kontrollierte Signale erleichtern die Interpretation der Messdaten erheblich.

Der Mond spielt der Technik in die Karten

Auf der Erde hat DAS einen Nachteil: Störungen sind kaum zu vermeiden. Wind, Verkehr oder Temperaturschwankungen beeinflussen die Messungen.

Auf dem Mond fällt ein Großteil davon weg:

  • keine Atmosphäre → kein Wind
  • kaum externe Störquellen
  • stabile Umgebung

Tests mit simuliertem Mondboden zeigen: Die Kabel funktionieren zuverlässig, selbst wenn sie einfach auf der Oberfläche liegen. Ein aufwendiges Vergraben ist nicht nötig. Das spart Zeit und Energie – beides knapp bei Mondmissionen.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Die Einsatzmöglichkeiten gehen über reine Seismologie hinaus. Mit einem Glasfasernetz lassen sich unter anderem:

  • Lavaröhren aufspüren, die als Schutzräume dienen könnten
  • Wassereis in tieferen Schichten identifizieren
  • geeignete Landeplätze bewerten
  • Staubbewegungen bei Landungen analysieren

„Glasfasersensorik könnte unser Verständnis des Mondes, seines Inneren, seiner Lavaröhren, seiner Landeplätze und seiner Wasserressourcen stark erweitern“, sagt Johan Robertsson. Auch sehr schwache Effekte rücken in den Fokus. Dazu zählen etwa Schwingungen, die durch die Anziehungskraft der Erde entstehen.

„Wir halten es sogar für möglich, dass wir mit Glasfasern auf dem Mond Gravitationswellen detektieren“, erklärt Robertsson weiter. Das ist eine langfristige Perspektive. Realistisch geht es zunächst um feinste Deformationen und Eigenbewegungen des Mondkörpers.

Der Haken: Daten und Energie

Die Stärke der Methode ist gleichzeitig ihre Herausforderung. Ein Glasfaserkabel liefert kontinuierlich Daten entlang seiner gesamten Länge. Das führt zu großen Datenmengen.

Das bedeutet:

  • hohe Anforderungen an die Datenverarbeitung
  • Bedarf an lokaler Voranalyse
  • stabile Energieversorgung notwendig

Diese Systeme müssen direkt auf dem Mond funktionieren. Ein Rückgriff auf Infrastruktur wie auf der Erde ist nicht möglich.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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