Wie sicher ist die deutsche Gasversorgung wirklich?
Warum halbleere Gasspeicher nicht automatisch eine Gaskrise bedeuten – es aber für Entwarnung eine sichere Gasversorgung zu früh ist.
Die deutschen Gasspeicher sind zur Mitte der Heizperiode deutlich leerer als in den Vorjahren. Das war absehbar, wie wir bereits Anfang Dezember in unserem Hintergrund „Gas: Reale Gefahren für die Versorgungssicherheit“ erläutert haben. Bundesnetzagentur und Bundeswirtschaftsministerium sprechen dennoch immer noch von einer gesicherten Versorgung.
Fakt ist aber auch: Versorgungssicherheit entsteht heute nicht nur aufgrund des Füllstandes von Gasspeichern. Hinzu kommen Importketten, Infrastruktur und Markt. Lesen Sie, was wirklich wichtig ist und wann das Sicherheitsnetz trotzdem reißen kann.
In diesem Beitrag lesen Sie:
- warum der Speicherfüllstand nur ein Indikator unter mehreren ist
- weshalb die Speicher schon zum Winterstart schwächer gefüllt waren
- welche Rolle LNG, Norwegen und Transitflüsse spielen
- wo die Risiken im Spätwinter liegen und welche Vorsorge diskutiert wird
Inhaltsverzeichnis
- Wie ernst sind derzeitigen Füllstände der Gasspeicher unter 50 %?
- Warum waren die Speicher schon im November nicht schon „pickepackevoll“?
- Was die Jahresdaten der Bundesnetzagentur zur Versorgungslage Gas aufzeigen
- Welchen Unterschied die deutschen LNG-Terminals für die Versorgungssicherheit machen
- Warum reicht der Blick auf den Füllstand trotzdem nicht – im Guten wie im Schlechten?
Wie ernst sind derzeitigen Füllstände der Gasspeicher unter 50 %?
Aktuell liegt laut Bundesnetzagentur der Füllstand der deutschen Gasspeicher bei unter 50 % (Stand: 12.1.2026). Timm Kehler vom Verband Gas- und Wasserstoffwirtschaft ordnet ein: „Die aktuellen Füllstände der Gasspeicher liegen deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt“, berichtete die Deutsche Presseagentur dpa.
Die Gasspeicherfüllstandsverordnung macht Zielvorgaben: 80 % für Speicheranlagen im Regelfall, einzelne Anlagen niedrigere Werte (45 %). Insgesamt ein Zielwert von 70 % über alle Speicher, der 2025 erreicht wurde. Aktuell wird seit dem 15. November wird im Wesentlichen ausgespeichert.
Bundesnetzagentur und Bundesregierung geben dennoch vorerst Entwarnung. Von der Bundesnetzagentur heißt es, der Speicherfüllstand sei „ein wichtiger Indikator … jedoch nicht alleinig relevant“. Es gebe „ausreichende Import- und Speichermöglichkeiten“; zudem könne Gas unter anderem über LNG importiert werden.
Laut Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern, habe sich die Ausgangslage für die Gasversorgung im Januar aufgrund der moderaten Temperaturen im Dezember verbessert – weil den Speichern bis Ende des Jahres lediglich im normalen Umfang Gas entnommen worden sei. „Im Vergleich zum Dezember ist der Januar von deutlich kälteren Temperaturen geprägt, weshalb derzeit in großem Umfang ausgespeichert wird.“ allerdings seien die Großhandelspreise für Gas noch stabil, das könnte auf den dämpfenden Effekt der umfangreichen Entleerung der Speicher zurückzuführen sein.
Warum waren die Speicher schon im November nicht schon „pickepackevoll“?
Mitte November lagen die Speicherstände bei rund 75 % ¬ und bis zum 1. November 2025 hätten es über 90 % sein müssen. Aber seit dem 1. 11. 2025 gelten neue Werte in der Gasspeicherfüllstandsverordnung. Die faktischen Ursachen waren marktliche Gründe: Im Sommer lohnte die Einspeicherung nicht – das war bisher eigentlich immer der Fall gewesen. Nur: Wenn die Preis im Sommer zu hoch sind, lohnt sich keine Einspeicherung. Das ist wie mit Pumpspeicherkraftwerken. Wenn der Strom im Markt niedrig ist, wird Wasser in die höheren Reservoirs gepumpt. Erreicht der Strompreis ein bestimmtes Level ¬ wird der Strom knapp und damit teuer genug ¬ , lohnt es sich, den Strom wieder auf dem Markt anzubieten und zu verkaufen.
Laut EWE-Chef Stefan Dohler sei dies aber ein Zeichen, „dass die Mechanismen, die die Politik geschaffen hat, so nicht funktionieren.“ Auch Gerald Linke, Vorstandschef des Deutschen Verbandes für das Gas- und Wasserfach DVGW), sprach im Gespräch mit vdi nachrichten von „Dysfunktionalität“: Speicher gehören Betreibern, „das Gas darin nicht“ – und damit treffen Marktlogik und Sicherheitslogik nicht automatisch zusammen.
Was die Jahresdaten der Bundesnetzagentur zur Versorgungslage Gas aufzeigen
2025 nutzte Deutschland 864 TWh Gas (plus 2,2 %), 40 % verbrauchten Haushalte und Gewerbe, 60 % Industriekunden. Aber mehr als dieser Bedarf wurde importiert, so der heute veröffentlichte Bericht zur Versorgungslage Gas 2025: vorläufig 1.031 TWh.
Wichtigste Importeure waren Norwegen (44 %), Niederlande (24 %) und Belgien (21 %). Gleichzeitig stiegen die Exporte auf 221 TWh – ein Hinweis darauf, dass Deutschland wieder stärker als Drehscheibe wirkt.
Welchen Unterschied die deutschen LNG-Terminals für die Versorgungssicherheit machen
Zu diesen Pipelineimporten kommt die Importe über die deutsche LNG-Infrastruktur. Die gab es bis zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine nicht. Heute ist sie bei der Versorgungssicherheit ein zentraler Unterschied zu früheren Engpasswintern: Zwischen November bis März könnten sie rund 16 % der Nachfrage decken, was einem knappen Drittel der Kapazität der deutschen Gasspeicher entspricht.
2025 war ein LNG-Rekordjahr: 106 TWh speisten die Terminals ins Netz ein (10,3 % der gesamten Gasimporte). Das System wird dadurch flexibler – aber auch abhängiger von funktionierenden Lieferketten, Terminalverfügbarkeit und Preislogik. „Die inzwischen gut ausgebaute LNG-Infrastruktur in Deutschland und Europa ermöglicht neben der bestehenden und sicheren Hauptversorgung durch norwegisches Pipelinegas die notwendigen Importe nach Deutschland», sagte eine Sprecherin von Bundeswirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche laut dpa. Zudem hat die EU in letzter Zeit so viel Flüssigerdgas aus den USA importiert wie noch nie zuvor: +60 % im Jahresverlauf 2025.
Warum reicht der Blick auf den Füllstand trotzdem nicht – im Guten wie im Schlechten?
Der Blick auf den Füllstand der Gasspeicher allein reicht nicht aus. Die Versorgungssicherheit mit Gas basiert auf mehreren Pfeilern:
- Gasspeichern
- Importketten wie LNG-Terminals und Pipelineversorgung
- Marktliquidität
- Infrastruktur.
Aber: Niedrige Speicherstände könnten in anderen als Business-as-usual-Szenarien den Puffer dünn machen, darauf hatte der DVGW bereits im November deutlich hingewiesen. Der Gasversorger Uniper brachte es jetzt noch einmal gegenüber dpa auf den Punkt: „Die Versorgungssicherheit mit Erdgas ist aktuell gewährleistet, aber nicht garantiert.“
Laut DVGW könnte bereits 1 Grad kälter als „normal“ dazu führen, dass Speicherstände unter 31 % fallen – nahe an die gesetzliche 30-%-Marke zum 1. Februar.
Die Speicherstände bleiben also ein Warnsignal. Ausschlaggebend wird bei schlechteren Wetter im weiteren Heizperiodenverlauf sein, ob und wie im Fall der Fälle die anderen Pfeiler wie die Importketten (Pipeline und LNG), der Terminalbetrieb und die Gastransitflüsse das System tragen. Und ob der Markt dann liefern kann.
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