Wasserstoff aus Indien: Erster Großvertrag steht
Uniper sichert sich bis zu 500.000 Tonnen grünes Ammoniak pro Jahr aus Indien. Der Deal könnte eine Lücke in der deutschen Wasserstoffstrategie schließen.
Narendra Modi (r), Premierminister von Indien, und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei Merz' Indienbesuch am Montag (12.1). Es ist die erste größere Asien-Reise des Kanzlers seit seinem Amtsantritt im Mai. Dabi sollen die wirtschaftlichen Fragen nicht zu kurzkommen.
Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
Es war ein Handschlag mit Symbolkraft: In der westindischen Millionenstadt Ahmedabad unterzeichneten Uniper-CEO Michael Lewis und AM-Green-Gründer Anil Kumar Chalamalasetty am Sonntag den bislang größten Liefervertrag für grünes Ammoniak zwischen Indien und Europa. Ebenfalls zugegen waren Bundeskanzler Friedrich Merz und Premierminister Narendra Modi.
Ab 2028 sollen bis zu 500.000 t pro Jahr vom südindischen Kakinada nach Europa verschifft werden, genauer gesagt nach Wilhelmshaven. Wofür brauchen wir diese Mengen, und warum organisiert gerade Uniper den Import?
Inhaltsverzeichnis
Warum Indien die H2-Lücke schließen könnte
Deutschland wird einen Großteil seines künftigen Wasserstoffbedarfs nicht selbst decken können. Die Nationale Wasserstoffstrategie rechnet bis 2030 mit einem Bedarf von 95 bis 130 TWh pro Jahr – 50 bis 70 % davon müssen importiert werden. Der Uniper-Deal markiert damit den Startschuss für einen Versorgungskorridor, der diese Lücke teilweise schließen könnte.
Dass ausgerechnet Indien ein Schlüsselpartner wird, ist kein Zufall: „Indien positioniert sich als verlässlicher, pragmatischer Partner in einer Welt, in der Energie- und Rohstoffströme immer öfter politischen Spannungen unterliegen“, schreiben Markus Exenberger von der H2Global Foundation und Jorgo Chatzimarkakis von Hydrogen Europe in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel.
Wasserstoff-Drehscheibe Wilhelmshaven
Dreh- und Angelpunkt für den Wasserstoff-Korridor soll auf deutscher Seite Wilhelmshaven werden. Unter dem Namen „Green Wilhelmshaven“ baut Uniper den Standort zu einem dreifachen Hub aus:
- Das schwimmende LNG-Terminal mit der „Höegh Esperanza“ liefert seit 2022 Flüssigerdgas ans deutsche Netz.
- Daneben entsteht eine 200-MW-Elektrolyseanlage auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks.
- Zudem plant der Düsseldorfer Energiekonzern ein Ammoniak-Importterminal in unmittelbarer Nähe zum LNG-Anleger, das die Lieferungen aus Übersee aufnehmen soll. Die EU-Kommission stufte das Vorhaben im Mai 2024 als „Project of Common Interest“ ein.
Ammoniak-Cracking im Portfolio
Doch bevor der importierte Wasserstoff genutzt werden kann, muss das Ammoniak erst aufgespalten werden. Dafür hat Uniper im November einen Rahmenvertrag mit Thyssenkrupp Uhde über bis zu sechs kommerzielle Cracker-Anlagen geschlossen. Eine Demonstrationsanlage in Gelsenkirchen soll Ende 2026 den Betrieb aufnehmen.
„Wir werden auf Importe von Wasserstoffderivaten angewiesen sein“, betont Uniper-COO Holger Kreetz. Beide Teilprojekte in Wilhelmshaven sollen über Pipelines an das geplante Wasserstoffkernnetz sowie an Speicher in Norddeutschland angebunden werden.
Der Hintergrund: Reiner Wasserstoff lässt sich nur schwer über weite Strecken transportieren. Das Molekül ist flüchtig, die Verflüssigung energieintensiv. Ammoniak hingegen – chemisch NH₃ – nutzt eine etablierte Infrastruktur: Rund 20 Millionen Tonnen werden bereits jährlich weltweit verschifft.
Indiens ambitioniertes Preis-Ziel
Indien bringt ehrgeizige Ziele mit. Die Anfang 2023 veröffentlichte National Green Hydrogen Mission sieht bis 2030 eine Produktionskapazität von 5 Mio. t vor. Noch bemerkenswerter ist das Preisziel: 0,60 Euro pro kg Wasserstoff – laut einer Dechema-Studie aus dem Jahr 2024 der niedrigste Zielwert weltweit.
Das südasiatische Land verfügt über ideale Voraussetzungen für die kostengünstige Produktion: Das indische Energieministerium beziffert das Potenzial für erneuerbare Energien auf 245 GW – vor allem Solar- und Windkraft. Hinzu kommt eine im internationalen Vergleich gut ausgebildete Fachkräftebasis bei niedrigen Arbeitskosten.
Die Anlage in Kakinada, aus der das Ammoniak für Uniper stammen soll, befindet sich nach Angaben der Unternehmen bereits im Bau. Sie soll eine Kapazität von 1 Mio. t pro Jahr erreichen und gehört damit zu den wenigen Großprojekten weltweit, die bislang über das Planungsstadium hinausgekommen sind.
Deutsche Unternehmen auf dem Subkontinent
AM Green hat dafür ein Konsortium aus internationalen Investoren versammelt, darunter der malaysische Energiekonzern Gentari, Singapurs Staatsfonds GIC und die Abu Dhabi Investment Authority. Unternehmensgründer Chalamalasetty bezeichnete die Partnerschaft mit Uniper als „Meilenstein für Indiens Rolle in der globalen Energiewende.“
Die Wasserstoffkooperation läuft nicht nur in eine Richtung. Deutsche Unternehmen haben längst begonnen, sich in Indien zu positionieren. Thyssenkrupp Nucera eröffnete 2023 einen Standort bei Mumbai und profitiert dort von seinem hohen Marktanteil bei der Chloralkali-Elektrolyse.
Noch weitreichender ist das Engagement von SFC Energy: Das bayerische Unternehmen errichtete in nur sechs Monaten eine Fertigungsstätte für Wasserstoff- und Methanol-Brennstoffzellen in Neu-Delhi. Bei der Eröffnung war der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zugegen. SFC hatte sich damals nach eigenen Angaben bereits Großaufträge im Wert von 33 Mio. € von der indischen Armee gesichert.
Wettlauf um Lieferverträge
Auch RWE hat bereits einen Vertrag mit AM Green geschlossen: Ab 2027 sollen jährlich bis zu 250.000 Tonnen grünes Ammoniak nach Deutschland fließen. Der Wettlauf um die besten Lieferquellen hat begonnen – und Indien positioniert sich als einer der wichtigsten Partner.
Schon bei Regierungskonsultationen im Oktober 2024 hatten Berlin und Neu-Delhi eine gemeinsame Wasserstoff-Roadmap vereinbart. „Deutschland und Indien ziehen beim grünen Wasserstoff an einem Strang“, hatte Robert Habeck damals gesagt.
Die Anwesenheit beim Uniper-Vertrag zeigt, dass die GroKo Absichtserklärungen aus der Ampel-Ära beim Thema Wasserstoff punktuell wieder aufgreift. Die spannende Frage lautet nun, was auf den Handschlag in Ahmedabad tatsächlich folgt.
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