Selbstgebaute Flugkörper am Stromnetz: Dann fällt Block B in Jänschwalde aus
Sprengvorrichtungen beschädigen Leitungen bei Jänschwalde, ein 500-MW-Block fällt aus. Warum die Stromversorgung trotzdem stabil blieb.
Am Umspannwerk Preilack bei Jänschwalde wurden mehrere Spreng- und Brandvorrichtungen entdeckt. Leitungen wurden beschädigt, zeitgleich fiel Block B des Kraftwerks Jänschwalde aus. Ob beide Ereignisse zusammenhängen, wird noch untersucht.
Foto: picture alliance/dpa | Frank Hammerschmidt
Mehrere selbstgebaute Flugkörper, beschädigte Stromleitungen und ein ausgefallener Kraftwerksblock: Am Umspannwerk Preilack in Brandenburg ermittelt das Landeskriminalamt nach einem mutmaßlichen Angriff auf die Energieinfrastruktur. Trotz der Schäden blieb die Stromversorgung stabil. Wie kann das sein?
Am Dienstagmorgen gegen 8 Uhr wurde am Umspannwerk in Turnow-Preilack im Landkreis Spree-Neiße eine mögliche Sachbeschädigung an einer Stromleitung entdeckt. Bei der anschließenden Untersuchung fanden Einsatzkräfte mehrere Spreng- und Brandvorrichtungen. Entschärfer rückten an, das Landeskriminalamt Brandenburg übernahm die Ermittlungen.
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke spricht von einem „Anschlagsversuch“. Auch der Kraftwerksbetreiber LEAG geht von einem Anschlag aus. Die Polizei hält sich bei dieser Einordnung bislang zurück und verweist auf die laufenden Ermittlungen. Verletzt wurde niemand.
Inhaltsverzeichnis
Selbstgebaute Flugkörper ähneln Silvesterraketen
In ersten Meldungen war von mit Sprengstoff bestückten „Raketen“ die Rede. Inzwischen zeichnet sich ein etwas genaueres Bild ab. Nach Angaben des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz wurden selbstgebaute Flugkörper eingesetzt, die handelsüblichen Silvesterraketen ähneln. Am Tatort seien zudem weitere Flugkörper gefunden worden, die noch nicht gestartet worden waren.
Das Landeskriminalamt vermeidet dagegen ausdrücklich den Begriff Rakete. Die Polizei spricht von kleinen selbstgebauten Sprengvorrichtungen beziehungsweise von „unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen“.
Auch zu einer möglichen Explosion gibt es bislang widersprüchliche Angaben. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP bestätigte eine Polizeisprecherin mindestens eine Detonation. Gegenüber dem rbb hieß es dagegen, die gefundenen Vorrichtungen seien nicht ausgelöst worden. Die kriminaltechnische Untersuchung muss deshalb noch klären, was am Umspannwerk tatsächlich detonierte und welche Schäden dadurch entstanden.
50Hertz bestätigte Schäden an mehreren Leitungen sowie eine kurzzeitige Leitungsunterbrechung. Inzwischen seien alle Leitungen wieder in Betrieb.
Zeitgleich fällt ein 500-MW-Kraftwerksblock aus
Am selben Morgen kam es auch im nahe gelegenen Braunkohlekraftwerk Jänschwalde zu einer Störung. LEAG meldete einen technischen Ausfall von Block B. Ob dieser durch die Vorgänge am Umspannwerk ausgelöst wurde, ist bislang nicht geklärt. Das Unternehmen prüft einen Zusammenhang gemeinsam mit 50Hertz.
Eine Ursache lässt sich aus dem zeitlichen Ablauf allein nicht ableiten. Denkbar wäre beispielsweise, dass eine Störung im angeschlossenen Netz Schutzsysteme eines Kraftwerksblocks reagieren lässt. Ebenso kann ein Kraftwerksblock unabhängig davon aus technischen Gründen ausfallen. Welche Abläufe sich in Jänschwalde tatsächlich ereigneten, haben LEAG und 50Hertz bislang nicht veröffentlicht.
Block B besitzt eine Leistung von 500 MW. Das Kraftwerk Jänschwalde wurde ursprünglich mit sechs Blöcken zu jeweils 500 MW errichtet. Nach mehreren Stilllegungen sind heute noch drei Blöcke mit insgesamt 1500 MW installierter Leistung vorhanden.
Der Ausfall eines 500-MW-Blocks bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass dem Stromnetz in diesem Moment 500 MW fehlten. Kraftwerke laufen nicht ständig mit ihrer Nennleistung. Wie viel Strom Block B unmittelbar vor dem Ausfall einspeiste, ist bislang nicht bekannt.
Warum Preilack für das Stromnetz wichtig ist
Das Umspannwerk Preilack ist Teil des Höchstspannungsnetzes von 50Hertz. Über die Anlage wird unter anderem der im Kraftwerk Jänschwalde erzeugte Strom in das überregionale Übertragungsnetz eingespeist. Von Preilack führt außerdem eine rund 120 km lange 380-kV-Freileitung bis zum Umspannwerk Streumen in Sachsen. Sie wurde 1987 in Betrieb genommen.
380 kV gehören zur höchsten üblichen Wechselspannungsstufe im deutschen Stromnetz. Der Vorteil der hohen Spannung: Große elektrische Leistungen lassen sich über weite Strecken transportieren, ohne dass die Verluste übermäßig steigen.
Umspannwerke sind dabei die Knotenpunkte. Dort treffen Leitungen aufeinander, Stromkreise werden geschaltet und unterschiedliche Spannungsebenen über Transformatoren miteinander verbunden. Der Angriff richtete sich damit nicht gegen irgendeine lokale Stromleitung, sondern gegen einen Bestandteil des überregionalen Übertragungsnetzes.
Warum blieb der Strom trotzdem an?
Trotz beschädigter Leitungen meldete 50Hertz keine Auswirkungen auf die allgemeine Stromversorgung. Sie sei zu keiner Zeit beeinträchtigt gewesen.
Das liegt grundsätzlich an der Struktur des Übertragungsnetzes. Strom fließt dort nicht auf einem einzigen festgelegten Weg von einem Kraftwerk zum Verbraucher. Das Netz ist vermascht. Fällt eine Verbindung aus, verändern sich die Lastflüsse und verteilen sich auf die verbleibenden Leitungen.
Für den Betrieb gilt dabei das sogenannte (n-1)-Kriterium. Vereinfacht bedeutet es: Das Übertragungsnetz muss so betrieben werden, dass der Ausfall einer einzelnen wichtigen Verbindung nicht zu einer Unterbrechung der Stromversorgung führt.
Fällt beispielsweise eine Freileitung aus, verteilen sich die Stromflüsse auf die verbleibenden Verbindungen. Der Netzbetreiber muss das System zuvor so betreiben, dass dadurch keine unzulässigen Überlastungen oder Versorgungsausfälle entstehen.
Falls nötig, kann die Netzführung zusätzlich eingreifen. Kraftwerke können ihre Einspeisung verändern, Lastflüsse lassen sich über Schaltungen beeinflussen und Schutztechnik trennt fehlerhafte Netzbereiche automatisch vom restlichen System.
Ob beim Vorfall in Preilack tatsächlich das (n-1)-Prinzip den Ausschlag gab, lässt sich derzeit allerdings nicht sagen. Dafür fehlen Angaben darüber, welche Stromkreise genau betroffen waren und wie das Netz auf die Störung reagierte.
Dass solche Details wichtig sind, zeigte der mehrtägige Stromausfall in Berlin Anfang 2026. Dort fielen durch einen Brandanschlag mehrere gemeinsam geführte Hochspannungskabel gleichzeitig aus. Ein solcher Mehrfachausfall geht über den normalen (n-1)-Fall hinaus.
Stromnetze lassen sich nicht überall abschirmen
Der Vorfall bei Jänschwalde zeigt zugleich ein grundsätzliches Problem beim Schutz der Energieinfrastruktur. Stromnetze bestehen aus Tausenden Kilometern Leitungen, Masten und zahlreichen Umspannwerken. Eine lückenlose physische Bewachung ist kaum möglich.
Umso wichtiger sind redundante Leitungswege, Schutztechnik und eine Netzführung, die einzelne Störungen auffangen kann. Welche technischen Möglichkeiten es gibt, exponierte Anlagen besser zu sichern, haben wir bereits im Beitrag „Wie lassen sich Strommasten besser vor Sabotage schützen?“ untersucht.
Ein weiterer Ansatz besteht darin, die Energieversorgung so aufzubauen, dass der Ausfall einzelner Anlagen weniger Auswirkungen hat. Mit dieser Frage beschäftigt sich der Beitrag „Von verwundbar zu unangreifbar: Energieinfrastruktur strukturell neu gestalten“.
Ermittler müssen den Ablauf noch rekonstruieren
Noch ist offen, wer die Vorrichtungen gebaut und eingesetzt hat. Auch über ein mögliches Motiv gibt es bislang keine belastbaren Angaben. Ebenso ungeklärt bleibt, ob der technische Ausfall von Block B im Kraftwerk Jänschwalde mit den Schäden am Umspannwerk zusammenhing.
Für das Stromnetz lässt sich dagegen bereits etwas festhalten: Trotz beschädigter Leitungen und einer kurzzeitigen Leitungsunterbrechung blieb die allgemeine Versorgung stabil. Wie genau 50Hertz die Störung technisch aufgefangen hat, ist bislang nicht bekannt.
Quellen
- 50Hertz: 380-kV-Freileitung Preilack–Streumen
- 50Hertz: Netzführung und (n-1)-Kriterium
- LEAG: Kraftwerk Jänschwalde – Leistung und Kraftwerksblöcke
- Landesregierung Brandenburg: Woidke verurteilt mutmaßlichen Anschlag
- Tagesschau: Aktueller Ermittlungsstand zum Vorfall in Preilack
Ein Beitrag von: