Poker um Flüssigerdgas: Wenn Asien uns das LNG wegschnappt
Iran-Krieg blockiert LNG-Routen: Droht Deutschland ein neuer Gasschock? Experten warnen vor leerem Speicher und Preissteigerungen.
Die FSRU Energos Power läuft in den Hafen Mukran ein. Das schwimmende Terminal regasifiziert LNG und speist es ins deutsche Gasnetz ein.
Foto: picture alliance / Jens Koehler | Jens Koehler
Der Iran-Krieg erschüttert die globalen Energiemärkte. Auch die Produktion und der Transport von Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) leiden unter den militärischen Auseinandersetzungen am Golf. Das bleibt nicht ohne Folgen für die hiesige Infrastruktur und die deutschen Haushalte.
Inhaltsverzeichnis
Brennpunkt Straße von Hormus
Die Lage am Persischen Golf ist kritisch. Zuletzt visierte der Iran mit Ras Laffan in Katar die weltweit größte Anlage für den Export von LNG an. Katar zählt zu den Schwergewichten der Branche.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Diese Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman ist das Nadelöhr der Weltenergieversorgung. Normalerweise passieren 20% des globalen Flüssigerdgases diese Route.
Die Lage an den deutschen Terminals
Trotz der Eskalation im Nahen Osten zeigen sich die Betreibenden der deutschen LNG-Infrastruktur gelassen. In Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Mukran auf Rügen läuft der Betrieb fast unverändert weiter. Die Deutsche Regas, die das Terminal in der Ostsee betreibt, meldet eine stabile Auslastung der gebuchten Kapazitäten. „Bisher wurde seit Beginn des Iran-Kriegs ein Slot durch unsere Kunden nicht genutzt“, heißt es vonseiten der Deutschen Regas. Zu den Gründen für diesen einen Ausfall könnten nur die Energiehandelnden selbst Auskunft geben.
Auch die staatliche Deutsche Energy Terminal Gesellschaft (DET) gibt Entwarnung für den Moment. Die DET verantwortet die schwimmenden Anlagen in Brunsbüttel sowie Wilhelmshaven 1 und 2. Für das erste Halbjahr 2026 sind die Kapazitäten bereits komplett vermarktet. Ein Sprecher der DET betont: „Lieferungen aus der Golf-Region hatten wir seit Anfang 2023 nur sehr vereinzelt. Absagen von Cargos liegen an den DET-Terminals momentan nicht vor.“
Deutschland setzt auf die USA
Dass die Krise am Golf die deutschen Anlegestellen noch nicht unmittelbar trifft, liegt an der Herkunft des Gases. Deutschland hat seine Importstrategie massiv in Richtung Westen verschoben.
| Kennzahl | Wert (Jahr 2025) |
| LNG-Importe gesamt via deutsche Terminals | 106 TWh |
| Anteil der USA an deutschen LNG-Importen | ca. 94% |
| Anteil Katars an deutschen LNG-Importen | 0% |
| Anteil Pipeline-Gas an Gesamtimporten | ca. 90% |
Globaler Wettbewerb treibt die Preise
Die Entwarnung an den Terminals bedeutet jedoch keine Sicherheit für die Preise. Der Markt reagiert global. „20% des bisherigen LNG auf dem Weltmarkt fehlen. Davon ging zuvor ein großer Teil in Richtung Asien“, erklärt der Gasexperte Sebastian Gulbis vom Beratungsunternehmen Enervis. Wenn diese Mengen wegfallen, verstärkt sich die Konkurrenz zwischen Asien und Europa. Energiehandelnde leiten Schiffe kurzfristig dorthin um, wo die höchsten Margen winken.
Laut Gulbis wird sich dieser Wettbewerb deutlich verschärfen. Wenn europäische Firmen im Sommer die Speicher füllen wollen, während Asien Gas für die Stromerzeugung von Klimaanlagen benötigt, droht ein Preiskampf.
Sorgenkind Gasspeicher
Die Ausgangslage für den kommenden Winter ist schwierig. Aktuell sind die deutschen Erdgasspeicher nur noch zu rund 20% gefüllt. Das ist im historischen Vergleich ein sehr niedriger Wert. Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines), sieht hier ein Problem.
Da Gas für den Sommer momentan teurer gehandelt wird als für den Winter, fehlen wirtschaftliche Anreize für die Einspeicherung. „Vor dem Hintergrund der historisch niedrigen Ausgangsfüllstände stellt dies ein erhebliches Risiko für die Vorbereitung der kommenden Winterversorgung dar“, warnt Heinermann.
Experte Gulbis hält sogar eine staatlich verordnete „Zwangsbefüllung der Speicher“ für denkbar, sollten die Marktmechanismen versagen. In diesem Szenario würden die LNG-Importe zwar zunehmen, die Preise aber voraussichtlich spürbar steigen.
Ein neuer Partner mit Risiken
Obwohl 90% des Erdgases weiterhin per Pipeline aus Norwegen und den Niederlanden kommen, ist die Abhängigkeit beim LNG von den USA enorm. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) betrachtet diese Entwicklung skeptisch.
Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner warnte bereits im Januar: „Donald Trump nutzt die Gaslieferungen gezielt, um Europa und Deutschland in eine fatale fossile Abhängigkeit zu drängen.“ Die USA gälten unter der aktuellen Führung als zunehmend unberechenbar.
Gulbis pflichtet bei: „Wenn die US-amerikanischen LNG-Lieferungen komplett ausfallen würden, aus welchen Gründen auch immer, dann denke ich, haben wir einfach ein Problem.“ (mit Material der dpa)
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