Was technisch möglich ist 09.09.2026, 09:00 Uhr

Nord Stream 2: Ein Strang ist noch da, könnte er wirklich wieder Gas liefern?

Nord Stream einfach wieder aufdrehen? Warum ein intakter Strang nicht reicht und welche technischen und rechtlichen Hürden bestehen.

Die Erdgasinfrastruktur in Lubmin an der Ostseeküste

Die Erdgasinfrastruktur in Lubmin an der Ostseeküste: Hier sollte das über Nord Stream 2 ankommende Gas übernommen und anschließend in das deutsche Fernleitungsnetz eingespeist werden.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Michael Sohn

Im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern wird wieder gefordert, Nord Stream aufzudrehen. Ein Strang von Nord Stream 2 hat die Explosionen von 2022 ohne bekanntes Leck überstanden – doch heißt das, dass durch die 1200 km lange Leitung kurzfristig wieder Gas fließen könnte?

Russlands Präsident Wladimir Putin stellte es im Juni 2026 so dar: Deutschland müsse sich nur entscheiden, dann könne man sinngemäß den Knopf drücken. Bis zu 28 Mrd. m³ Gas pro Jahr seien möglich.

Wir schauen uns an, was für einen Neustart technisch tatsächlich nötig wäre. Politische Bewertungen und die grundsätzliche Debatte über fossile Energieträger bleiben außen vor.

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Von vier Nord-Stream-Röhren blieb eine ohne bekanntes Leck

Nord Stream besteht eigentlich aus vier großen Gasröhren auf dem Grund der Ostsee: zwei gehören zu Nord Stream 1, zwei zu Nord Stream 2.

Nord Stream 1 transportierte seit 2011 beziehungsweise 2012 russisches Erdgas nach Deutschland. Nord Stream 2 wurde zehn Jahre später fertiggestellt. Das Bergamt Mecklenburg-Vorpommern bezeichnet das System nach erfolgreichen Tests und der ersten Befüllung mit Gas im Herbst 2021 sogar als technisch in Betrieb genommen.

Zum kommerziellen Transport kam es allerdings nie. Der Grund lag nicht an den Rohren. Der Betreiber benötigte noch eine Zertifizierung der Bundesnetzagentur. Dieses Verfahren setzte die Behörde im November 2021 aus. Nord Stream 2 durfte deshalb kein Gas regulär in den europäischen Markt transportieren.

Im Februar 2022 stoppte die Bundesregierung das weitere Verfahren nach dem russischen Vorgehen gegen die Ukraine. Im September desselben Jahres erschütterten Explosionen die Nord-Stream-Pipelines. Beide Stränge von Nord Stream 1 und einer der beiden Stränge von Nord Stream 2 wurden beschädigt. Übrig blieb Strang B von Nord Stream 2.

Über eine mögliche Rückkehr zu russischem Pipelinegas wurde schon mehrfach diskutiert. ingenieur.de hat die politischen und energiepolitischen Hintergründe bereits ausführlich beleuchtet. Die technische Frage ist jedoch eine andere: Was müsste mit der verbliebenen Röhre passieren, bevor wieder Gas hindurchströmen könnte?

1200 km Stahlrohr mit bis zu 220 bar

Nord Stream 2 ist eine Hochdruckleitung in ungewöhnlichen Dimensionen. Jede der beiden Röhren ist mehr als 1200 km lang. Der Innendurchmesser beträgt 1153 mm. Ein Mensch könnte darin also problemlos aufrecht kriechen.

Nord Stream 2 in Zahlen

  • Länge: mehr als 1200 km
  • Innendurchmesser: 1153 mm
  • Maximaler Auslegungsdruck: 220 bar
  • Kapazität pro Strang: 27,5 Mrd. m³ Erdgas pro Jahr
  • Gesamtkapazität beider Stränge: 55 Mrd. m³ pro Jahr
  • Verbliebener Strang: Strang B von Nord Stream 2

Auf der russischen Seite wird das Gas mit besonders hohem Druck eingespeist. Der erste Abschnitt der Leitung ist für bis zu 220 bar ausgelegt. Weiter Richtung Deutschland sinkt der Auslegungsdruck auf 200 und schließlich 177,5 bar. Der Grund dafür liegt in der Länge der Leitung: Auf dem Weg durch das Rohr verliert das Gas durch Reibung kontinuierlich Druck. Eine Verdichterstation mitten in der Ostsee gibt es nicht. Der hohe Anfangsdruck sorgt dafür, dass das Gas trotzdem bis nach Deutschland gelangt.

Nach den Explosionen wurde der Druck auf 50 bar gesenkt

Ein Detail zeigt besonders deutlich, warum „einfach aufdrehen“ die Situation nur unzureichend beschreibt. Nach den Explosionen senkte Nord Stream 2 AG den Druck im verbliebenen Strang B im Oktober 2022 kontrolliert auf rund 50 bar. Der Betreiber bezeichnete dies als Sicherheitsmaßnahme.

Weitere Schritte sollten ausdrücklich von einer Untersuchung der Pipeline und von Gesprächen mit den zuständigen Behörden abhängen. Das war vor fast vier Jahren.  Öffentlich bekannt ist also, dass die Leitung bei den Explosionen kein bekanntes Leck erlitt. Öffentlich belegt ist dagegen nicht, in welchem Zustand sich das gesamte System heute befindet. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Was müsste vor einem Neustart untersucht werden?

Welche Untersuchungen bei Nord Stream 2 tatsächlich notwendig wären, lässt sich ohne aktuelle Daten nicht sagen. Wahrscheinlich würden Fachleute aber mehrere Bereiche betrachten:

  • Lage auf dem Meeresboden: Hat sich das Rohr verschoben, oder gibt es Abschnitte, die frei über dem Grund hängen?
  • Äußerer Zustand: Gibt es Beschädigungen, Verformungen oder andere Auffälligkeiten?
  • Korrosionsschutz: Funktionieren Beschichtung und kathodischer Korrosionsschutz weiterhin wie vorgesehen?
  • Rohrwand von innen: Inspektionsmolche können Veränderungen der Geometrie und Materialverluste erfassen.
  • Anlagen an Land: Auch Einspeisung, Mess-, Übergabe- und Sicherheitstechnik müssten einsatzbereit sein.

Inspektionsmolche schauen in das Stahlrohr hinein

Die Leitung lässt sich auch von innen untersuchen. Dafür gibt es sogenannte Inspektionsmolche. Diese Geräte werden durch die Pipeline geschickt und erfassen während der Fahrt den Zustand des Rohres. Je nach Messtechnik können sie beispielsweise Veränderungen der Rohrgeometrie oder Materialverluste in der Stahlwand erkennen.

Für eine mehr als 1000 km lange Pipeline ist das ein wesentlicher Vorteil: Fachleute müssen nicht jeden Abschnitt auf dem Meeresgrund einzeln freilegen, um Hinweise auf Schäden zu finden.

Allerdings liefert auch eine solche Untersuchung keinen automatischen Freifahrtschein. Die Messdaten müssten ausgewertet und Auffälligkeiten bewertet werden. Erst daraus ergibt sich, ob weitere Untersuchungen oder Reparaturen nötig sind.

Auch an Land müsste die Technik funktionieren

Selbst eine vollkommen intakte Offshore-Leitung würde allein noch kein Gas nach Deutschland liefern. Nord Stream 2 endet bei Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wurde die Erdgasempfangsstation Lubmin 2 gebaut. Von hier sollte das ankommende Gas in die großen deutschen Fernleitungen EUGAL und NEL gelangen. Die EUGAL führt vor allem Richtung Süden, die NEL Richtung Westen.

Damit müsste für einen Neustart die gesamte Transportkette verfügbar sein: Einspeisung und Druckerzeugung auf russischer Seite, Offshore-Pipeline, Anlagen am deutschen Landepunkt sowie der Anschluss an das Fernleitungsnetz. Das zeigt auch, warum der Zustand eines einzelnen Rohrstrangs allein noch wenig über die tatsächliche Betriebsbereitschaft aussagt.

Ein Strang könnte rechnerisch ein Drittel des deutschen Gasverbrauchs transportieren

Die Zahl, mit der Befürworter einer Wiederinbetriebnahme argumentieren, ist allerdings nicht aus der Luft gegriffen. Ein Strang von Nord Stream 2 wurde für 27,5 Mrd. m³ Erdgas pro Jahr ausgelegt. Abhängig von der Zusammensetzung des Erdgases entspricht das grob 280 bis 300 TWh Energie.

Deutschland verbrauchte 2025 nach Angaben der Bundesnetzagentur 864 TWh Gas. Die Nennkapazität einer einzigen Nord-Stream-2-Röhre entspricht damit tatsächlich ungefähr einem Drittel des deutschen Jahresverbrauchs.

Das bedeutet aber nicht, dass Nord Stream automatisch ein Drittel des deutschen Bedarfs decken würde. Deutschland ist Teil eines europäischen Gasnetzes. 2025 importierte die Bundesrepublik insgesamt 1031 TWh Gas, exportierte gleichzeitig aber 221 TWh in Nachbarländer. Gas, das in Lubmin ankommt, bleibt deshalb nicht zwangsläufig in Deutschland.

Hinzu kommt: 27,5 Mrd. m³ sind die maximale geplante Jahreskapazität. Dafür müsste die Pipeline entsprechend ausgelastet werden und Russland müsste diese Mengen tatsächlich liefern.

Würde russisches Gas die Preise senken?

Auch beim Preis gibt es keine einfache Rechnung. Mehr Gasangebot würde bei sonst gleichen Bedingungen zunächst für zusätzlichen Wettbewerb sorgen und könnte die europäischen Großhandelspreise drücken. Wie stark, lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Entscheidend wären unter anderem die tatsächlich angebotene russische Menge, der Verkaufspreis, die weltweite Nachfrage nach LNG und die Gasnachfrage in Europa.

Dass Deutschland heute nicht mehr in derselben Lage steckt wie 2022, ist ebenfalls wichtig. Damals gab es noch keine deutschen LNG-Terminals. Inzwischen kann Gas auf mehreren Wegen ins Land gelangen.

Wie groß deren Beitrag tatsächlich ist und warum sie die Gasspeicher trotzdem nicht allein absichern können, haben wir im Beitrag „Gasspeicher nur zu 50 % gefüllt: Was LNG-Terminals jetzt leisten können – und was nicht“ untersucht.

Anfang September 2026 waren die deutschen Speicher dennoch erst zu etwa 53 % gefüllt – der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt seit 15 Jahren. Das Bundeswirtschaftsministerium sieht derzeit trotzdem keinen Anlass für staatliche Eingriffe und verweist auf die deutlich breiter aufgestellten Importmöglichkeiten. Die Wiederinbetriebnahme von Nord Stream würde deshalb nicht automatisch zu einem bestimmten Gaspreis führen.

Selbst eine intakte Pipeline dürfte derzeit kein Gas liefern

Noch bevor sich Ingenieurinnen und Ingenieure mit der Wiederinbetriebnahme beschäftigen könnten, müsste sich allerdings der rechtliche Rahmen grundlegend ändern. Seit Juli 2025 gilt in der EU ein Transaktionsverbot für Nord Stream 1 und Nord Stream 2. Verboten sind Geschäfte, die mit Fertigstellung, Betrieb, Wartung oder Nutzung der Pipelines zusammenhängen. Das betrifft ausdrücklich auch die Finanzierung.

Es gibt eng begrenzte Ausnahmen, beispielsweise wenn Maßnahmen dringend notwendig sind, um erhebliche Gefahren für Menschen, Schifffahrt oder Umwelt abzuwenden. Diese Ausnahmen sind jedoch nicht dafür gedacht, den regulären Gastransport wieder aufzunehmen.

Hinzu kommt der europäische Ausstieg aus russischem Erdgas. Die entsprechende EU-Verordnung ist seit 2026 in Kraft. Für bestimmte Altverträge gelten Übergangsfristen; bei langfristigen Pipelineverträgen reichen sie unter bestimmten Voraussetzungen bis Ende September 2027 beziehungsweise in einem Sonderfall bis Anfang November 2027. Diese Übergangsregeln ändern aber nichts am eigenständigen Verbot für Nord Stream. Auch die Nord Stream 2 AG selbst steht weiterhin auf einer US-Sanktionsliste.

Punkt Was dafür spricht Was dagegensteht
Pipeline Strang B hat kein bekanntes Leck Aktueller Gesamtzustand öffentlich nicht belegt
Kapazität 27,5 Mrd. m³ pro Jahr möglich Nennkapazität ist nicht gleich tatsächliche Liefermenge
Infrastruktur Anlagen in Lubmin wurden gebaut Gesamte Transportkette müsste einsatzbereit sein
Gaspreis Mehr Angebot könnte preisdämpfend wirken Effekt hängt von Menge, Preis und Marktlage ab
Recht grundsätzlich technisch denkbar EU-Transaktionsverbot, Sanktionen, fehlende Zertifizierung

Und die Zertifizierung wäre ebenfalls noch nicht erledigt

Selbst wenn Sanktionen und Importverbote aufgehoben würden, bliebe ein weiteres Problem: Das regulatorische Verfahren, das bereits vor dem Ukrainekrieg offen war.

Die Bundesnetzagentur setzte die Zertifizierung der Nord Stream 2 AG im November 2021 aus. Der Betreiber sollte für den deutschen Teil der Pipeline eine Gesellschaft nach deutschem Recht schaffen und bestimmte Vermögenswerte und Mitarbeiter dorthin übertragen.

Nord Stream 2 war damit zwar gebaut, getestet und mit Gas befüllt, aber nie für den kommerziellen Transport freigegeben. Eine politische Entscheidung allein würde deshalb auch heute nicht ausreichen. (mit Material der dpa)

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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