Mittags gratis, abends 50 Cent: Was schwankende Strompreise für die Industrie bedeuten
An manchen Tagen schwankt der Spotmarktpreis für Strom zwischen 0 und knapp 50 ct/kWh. Die Eisengießerei ACO Guss richtet ihre Produktion inzwischen danach aus: Geschmolzen wird, wenn der Strom billig ist.
Schmelzbetrieb bei ACO Guss in Kaiserslautern: Ob die Öfen laufen, entscheidet inzwischen der Blick auf den Spotmarkt.
Foto: ©MARIE KAMMERER/ACO Guss GmbH
Jeden Tag wiederholt sich bei ACO Guss in Kaiserslautern am frühen Nachmittag dasselbe Ritual. Denn dann stehen die Börsenpreise für den nächsten Tag fest, und Geschäftsführer Stefan Weber schaut nach, wann das Schmelzen morgen teuer wird. „Vor fünf, sechs Jahren haben wir einmal im Jahr mit unserem Versorger über den Strompreis verhandelt, und dann war das Thema erledigt“, sagt Weber. Heute laufe nichts mehr ohne den Blick auf den Spotmarkt.
Was er dort sieht, hätte vor wenigen Jahren wohl niemand für möglich gehalten. An einem Tag im August lagen die Preise zwischen 0 und knapp 50 ct/kWh – reiner Beschaffungspreis, ohne Netzentgelte, Umlagen und Steuern. Ein Extremtag. Doch Preise reißen nicht nur nach oben aus: Mittags fallen sie immer öfter unter null. 2025 war der Börsenstrom laut Bundesnetzagentur in 573 Stunden negativ, so oft wie nie zuvor.
ACO Guss ist damit kein Sonderfall. Überall, wo Strom ein großer Kostenblock ist, verschiebt sich die Frage heute von „Was kostet die Kilowattstunde?“ zu „Wann kostet sie was?“. Das verändert den Betriebsalltag der Unternehmen – und eröffnet anderen neue Geschäftsfelder.
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Schmelzen ja, Gießen nein
Dass ACO Guss in dieser Form mit dem Strompreis spielen kann, liegt daran, dass der Betrieb viele seiner Prozesse früh auf Strom umgestellt hat. Die Kaiserslauterner mit ihren 370 Mitarbeitern schmelzen seit Jahren induktiv, also elektrisch, während anderswo noch Kupolöfen mit hohem CO₂-Ausstoß laufen. Der Preis dafür ist eine Anschlussleistung von 15 MW inklusive Stromrechnung, die über die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet.
Elektrisch schmelzen heißt aber auch, dass man die Produktion unterbrechen kann – zum Beispiel weil die Preise gerade zu hoch sind. „Bei Preisspitzen von 30 Cent oder mehr ist in der Regel Schluss. Dann rechnet sich das Schmelzen nicht mehr“, erklärt Weber. Das ist ein Grund für sein tägliches Prüf-Ritual. „Da muss man reinschauen und gucken: Wo liegen die Spitzen? Dann lässt man an diesen ein, zwei Stunden Teile der Produktion ruhen.“ Die Schmelzöfen werden dann auf Warmhalten gestellt. Alles, was sich daran anschließt, pausiert. Ganz ohne Kosten ist auch das nicht, denn das Eisen muss während des Produktionsstopps warm gehalten werden. Und das Personal erhält sein Gehalt natürlich trotzdem.
Und so flexibel lassen sich nicht alle Prozesse steuern. Die Stranggießanlage, mit der ACO nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland ist, läuft kontinuierlich. Wer sie anhält, verliert die Tagesproduktion samt Gussform, auch Kokille genannt. So geht es vielen energieintensiven Unternehmen: Ein Teil der Prozesse kann sich an den Preis anpassen; der Rest muss durchlaufen. Egal was die Börse sagt.

Die Gießerei taktet nach dem Wetter
Aus der energieoptimierten Fahrweise haben sich neue Betriebsmuster ergeben. „Im Sommer legen wir die stromintensiven Arbeiten in die Mittagsstunden, wenn die Sonne den Preis drückt. Im Winter ist es genau umgekehrt“, berichtet Weber. „Vor fünf Jahren hätte niemand geglaubt, dass wir die Gießerei mal nach dem Wetter takten.“
Um das zu verstehen, hilft ein Exkurs in den Strommarkt. An der Börse setzt das teuerste Kraftwerk, das gerade noch gebraucht wird, den Preis für alle (Merit-Order-Prinzip). Wind- und Solaranlagen produzieren praktisch zum Nulltarif: Scheint mittags die Sonne, verdrängen sie die teuren Gaskraftwerke aus dem Markt, und der Preis stürzt ab; an sonnigen Tagen oft bis unter null. „Der 1. Mai hat gezeigt, dass wir im Moment keinen funktionierenden Markt haben“, sagte Tennet-Germany-Chef Tim Meyerjürgens der Wirtschaftswoche, nachdem der Börsenpreis am Feiertag auf rund −50 ct/kWh gefallen war. Fehlen dagegen Sonne und Wind, müssen die fossilen Kraftwerke einspringen. Ihr Preis gilt dann für jede Kilowattstunde.
Diesen Sommer kam laut Weber vieles in extremer Form zusammen: wochenlange Hitze, viele Klimaanlagen am Netz, Windflaute – und dazu die Eskalation am Persischen Golf. Das Ergebnis waren abendliche Preisspitzen, wie sie sonst eher im Winter auftreten.
Absichern lässt sich das kaum noch
Gegen Preisrisiken können sich Unternehmen am Terminmarkt absichern, indem sie Strom Monate oder Jahre im Voraus zu festen Konditionen kaufen. Die dortigen Standardprodukte sind Base, das den Verbrauch rund um die Uhr abdeckt, und Peak für Montag bis Freitag, jeweils 8 bis 20 Uhr..
Inzwischen liegen die Preisspitzen aber oft am frühen Abend, während die Mittagsstunden zu den billigsten des Tages gehören. Die Folge: In manchen Sommermonaten kostet der Peak weniger als der Base. „Allein das zeigt, dass der Markt komplett im Umbruch ist und die alten Produkte nicht mehr zur Realität passen“, sagt Weber.
Warum er seinen Strom nicht einfach selbst erzeuge? Das rechne sich für seine Gießerei nicht, sagt Weber. Zum einen fehlen die Flächen für Wind und PV, und zum anderen würde die eigene EE-Anlage ja genau dann Strom liefern, wenn er am Spotmarkt ohnehin fast kostenlos sei. Und im Winter, wenn der Einkauf teurer wird, würde sie quasi ausfallen. Für einen Betrieb wie seinen, sagt Weber, mache die eigene Stromproduktion daher „letztlich überhaupt keinen Sinn“.

Neues Geschäftsfeld Strompreis-Navigation
Das tägliche Jonglieren mit Preisen, Lastgängen und Beschaffungszeitpunkten hat einen eigenen Markt geschaffen. ACO Guss nutzt etwa seit rund drei Jahren die Software des Münchner Anbieters Ecoplanet, der Verbrauchsdaten aus dem Betrieb mit den Energiemarktdaten zusammenführt. Das schaffe vor allem Transparenz, sagt Weber: Auf der virtuellen Plattform des Start-ups erkenne er, wann der Spotpreis wohin läuft, wie sein Lastprofil dazu passt und ob sich ein Terminkontrakt gerade lohnt. Die Voraussetzung für all das ist eine digitalisierte Infrastruktur aus intelligenten Stromzählern, sogenannten Smart Metern. Bei ACO messen Hunderte Messpunkte den Verbrauch jeder einzelnen Anlage.
Ecoplanet ist einer von mehreren Anbietern, die derzeit auf dem Feld aktiv sind. Das 2022 gegründete Unternehmen betreut nach eigenen Angaben 150 bis 200 Industriekunden, vor allem aus der Metall-, Kunststoff- und Lebensmittelbranche. Gründer Henrik Kepler beobachtet dort überall dasselbe Umdenken: „Eine kWh Stromverbrauch ist wegen der heutigen Volatilität nicht immer gleich viel wert. Ihr Wert hängt davon ab, wann ich sie verbrauche.“
Dieselbe Investition in eine energieeffizientere Fertigung bringe daher morgens und abends, wenn Strom strukturell teuer ist, den doppelten Ertrag wie mittags. In diesem Jahr hätten Keplers Kunden im Schnitt 1,3 ct/kWh beim Stromeinkauf gespart. Unabhängig prüfen lassen sich diese Angaben nicht. Die Einsparung erreiche man im Kern über zwei Wege:
- Beim Einkauf mischt die Software Termin- und Spotmarkt. Typischerweise beschafft sie 60 bis 80 % der erwarteten Menge im Voraus am Terminmarkt, verteilt über mehrere Zeitpunkte, damit kein einzelner teurer Kauftag das Jahresergebnis ruiniert. Die restlichen 20 bis 40 % laufen über den Spotmarkt; das ist der Anteil, mit dem Betriebe wie ACO Guss ihre Flexibilität ausspielen und billige Stunden mitnehmen können. Dafür nutzt Ecoplanet KI, genauer: Machine-Learning-Modelle. Eine Beschaffung müsse exakt nach Plan laufen, nicht bei jeder Anfrage anders ausfallen, sagt Kepler.
- Im Betrieb durchforstet eine KI die Daten der vielen Messpunkte und schlägt Alarm, wenn ein Verbraucher aus dem Rahmen fällt, etwa weil am Wochenende eine Pumpe durchläuft, die stehen sollte. Händisch wäre das bei der Datenmenge kaum zu leisten. Oft geht es dann nur um Abläufe, etwa wann Maschinen an- und abgeschaltet werden. „Wir sehen im Schnitt 10 % Optimierungspotenzial ohne größere Investitionen“, sagt Kepler. Ein Kunde habe allein durch organisatorische Anpassungen ein Viertel seines Verbrauchs eingespart.
Was die Politik tut und was fehlt
Die Antwort der Bundesregierung auf die Preisspitzen ist vor allem der Industriestrompreis. Er senkt den Strompreis nicht direkt, sondern erstattet einen Differenzbetrag: Für 2026 hat die BAFA einen Referenzpreis von 8,744 ct/kWh festgelegt, abzüglich des Zielpreises von 5 ct bleiben 3,744 ct/kWh, die der Staat auf höchstens die Hälfte des Stromverbrauchs zahlt. Die Hälfte des Geldes müssen die Betriebe wieder in Dekarbonisierung investieren.
Nur hilft das längst nicht allen. Antragsberechtigt sind laut BMWE potenziell rund 9500 Unternehmen aus 91 energie- und handelsintensiven Sektoren. Der Großteil des produzierenden Gewerbes bleibt außen vor. Und selbst wer profitiert, bleibt ernüchtert. „Wenn es sehr gut läuft, deckt der Industriestrompreis vielleicht die Mehrkosten gegenüber dem Vorjahr ab“, sagt Weber. „Das ist für uns ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Nach planbarer Entlastung klingt das nicht.
An der Ursache der Schwankungen ändert die Subvention ohnehin nichts. Dafür bräuchte es mehr, etwa Netzentgelte, die Flexibilität belohnen, oder Speicher, die den billigen Mittagsstrom in den teuren Abend retten. „Erst wenn das ganze Land voller Speicher steht, wird der Energiepreis wieder ein vernünftiges Niveau erreichen“, betont Weber. „Solange wir den Sonnenstrom von mittags nicht in den Abend retten können, zahlen Betriebe wie wir die Differenz.“ Doch der großflächige Speicherausbau lässt genau wie die Netzentgeltreform auf sich warten.
Halten die Betriebe so lange durch? Webers Antwort fällt grundsätzlich aus: „Es nutzt nichts, wenn wir am Ende CO₂-frei sind durch Deindustrialisierung.“ Langfristig werde der Betrieb auch mit dem besten Energiemanagement zu teuer und lohne sich dann nicht mehr. Wenn die Produkte der energieintensiven Industrie dann aus Ländern kommen, wo mit Kohlestrom produziert wird, sei „dem Weltklima nicht geholfen“, so der ACO-Chef. „Und unseren Leuten hier schon gar nicht.“
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Quellen
- Eigene Interviews mit Stefan Weber (Geschäftsführer ACO Guss GmbH) und Henrik Kepler (Geschäftsführer Ecoplanet), August 2026
- Bundesnetzagentur, SMARD – Großhandelspreise und Hintergrundartikel zu negativen Strompreisen: smard.de
- EPEX Spot – Day-Ahead-Marktergebnisse Deutschland: epexspot.com
- EEX – Kontraktspezifikationen für Base- und Peak-Produkte: eex.com
- BAFA – Industriestrompreis, Referenz- und Differenzpreis für das Abrechnungsjahr 2026: bafa.de
- BMWE – Pressepapier zum Industriestrompreis, 16. April 2026: bundeswirtschaftsministerium.de
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