Klatsche für die Energiewende? Branche sagt nein
Zum Auftakt der Energiemesse E-World in Essen treibt eine Frage die Branche um: Plant die Bundesregierung die Energiewende abzusagen?
Impressionen von der Energiewirtschaftsmesse E-world in Essen. Zum Auftakt der E-World 2026 am 10. Februar treibt eine Frage die Branche um: Plant die Bundesregierung die Energiewende abzusagen?
Foto: Philipp Behrendt©/E-world energy & water GmbH
Bundesenergieministerin Katherina Reiche und ihr Ministerium haben dazu beigetragen, dass die Frage, ob die Bundesregierung die deutsche Energiewende abwickelt, auf dem Tisch liegt. Am Wochenende 7./8. Februar berichtete der Spiegel über ein Papier, das grundlegende Änderungen unter anderem des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) formuliert.
Es geht konkret um Netzanschlüsse, und deren Ausbau – und wer was wann bezahlt. Die Fachzeitung ZfK zitiert die Energiegenossenschaft Green Planet Energy, die von einem „Frontalangriff auf die Energiewende“, spricht. Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE), habe auf Anfrage gesagt: „Werden diese Pläne wahr, gefährdet das Wirtschaftsministerium die Stabilität unseres Energiesystems.“
Inhaltsverzeichnis
E-World-Auftakt: Die Energiewende ist schon richtig so
Zum Auftakt der wichtigsten Branchenmesse, der E-World in Essen, referenzieren viele Prominenten auf dieses geleakte Papier. RWE-Chef Markus Krebber sprang der Energiewende zur Seite: „Die erneuerbaren langsamer auszubauen wird uns nicht in die Zukunft führen.“ Eine Ausbaustopp in Deutschland würde den Essener Konzern wegen seiner internationalen Aufstellung zwar selbst nicht tangieren, wie er auf Nachfrage bestätigte.
Allerdings betonte er: „Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen statt Grundsatzdiskussionen.“ Seine Branche plane in Zehn-Jahres-Zeiträumen. Ein Aufruf dazu, die Energiewende rückabzuwickeln ist das nicht. Auch wenn RWE bei den geplanten neuen Gaskraftwerken in den Startlöchern steht und Krebber das erste dieser Kraftwerke schon 2030 am Netz sieht. Das hatte er am 9. Februar auf dem „Führungstreffen Energie“ in Essen im Vorfeld der E-World gesagt.
Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), richtete explizit eine „Botschaft an die Zweifler: Die Energiewende geht voran und die Energiewende hat ihre Begründung nicht nur in den Fragen des Klimaschutzes, es ist auch eine Antwort auf die neuen geopolitischen Umbrüche.“ Nur so ließe sich von den fossilen Energieimporten runterkommen, die sich jährlich auf 81 Mrd. € für fossile Energieträger beliefen. „Die Elektrifizierung im Mobilitätssektor ist eine Möglichkeit, Wertschöpfung in Deutschland und in Europa zu generieren und von diesen Abhängigkeiten ein Stück weit runterzukommen“.
E-World 2026: Branchentreff in entscheidendem Jahr für Neuaufstellung der Energiewende
Die Nervosität in der Energiewirtschaft ist verständlich. Die Bundesregierung hat vieles im Koalitionsvertrag angekündigt, aber wichtige Aspekte scheinen in einer Dauerwarteschleife zu hängen. Und könnten alle dieses Jahr auf dem Tisch landen. Crunchtime für Energieministerin Reiche.
Mona Neubaur, Wirtschafts- und Energieministerin in Nordrhein-Westfalen, verdeutlichte zum E-World-Auftakt den Fahrplan für 2026: „Es wird ein entscheidendes Jahr für unser Energiesystem. Mit der Ausgestaltung des Kapazitätsmechanismus, der Ausgestaltung des Kapazitätsmechanismus, der EEG-Reform, der Weiterentwicklung der Netzentgelte und Anpassungen beim Windenergie auf See gesetzt werden grundlegende Weichen für den Energiemarkt der Zukunft gestellt.“ Für Neubaur „eine große Chance“, aber es dürfte knirschen, wie diese E-World-Auftakt zeigte.
Da drängt auch Neubaur aufs Tempo, vor allem bei den Ausschreibungen neuer Gaskraftwerke, bei der sich EU-Kommission und Bundesregierung vor kurzem ja handelseinig geworden sind. Deutschland darf hier subventionieren. Eine Einigung, die auch schon Reiches Vorgänger Robert Habeck erwirkt hatte, den Seitenhieb konnte sich Neubaur nicht verkneifen. Umso mehr drückt sie aufs Tempo: „Geschwindigkeit ist an der Stelle kein nice to have, sondern systemkritisch.“
Wichtig ist ihr, dass die Gaskraftwerke wirklich auf Wasserstoff als Brennstoff umgerüstet werden „müssen“. Das sei keine grüne Ideologie, sondern Marktwirtschaft. „Ohne die Kraftwerke als Ankerkunden kann das Wasserstoffnetz niemals wirtschaftlich betrieben werden und sie müssen dort entstehen, wo sie systemisch gebraucht werden, wo Kapazitäten vom Netz gehen und wo Verbrauchsschwerpunkte liegen. Also auch besonders hier bei uns in Nordrhein-Westfalen.“
Deutscher Kapazitätsmarkt: Bitte gerne bei Belgien kopieren
Beim Kapazitätsmechanismus schielt alles nach Belgien, spätestens nachdem Bundesnetzagenturchef Klaus Müller beim Handelsblatt Energie-Gipfel in Berlin vor zwei Wochen auf ein „tolles Nachbarland“ referenzierte. Dort gibt es seit 2021 einen funktionierenden zentralen Kapazitätsmarkt. In Deutschland hingegen gibt es – wie fast immer – ein Tauziehen: die einen favorisieren einen zentralen Kapazitätsmarkt, wie der Branchenverband BDEW. Der Kommunalverband VKU will gerne zusätzlich dezentrale Zuständigkeiten, die bei den Stadtwerken liegen könnten. Die Deutsche Industrie und Handelskammer (DIHK) favorisiert einen noch dezentraleren Ansatz.
Zum E-World-Auftakt mahnte Andreae auch hier Tempo an. Sie fokussiert dabei auf die Kriterien des Clean Industrial Deal State Aid Framework (Cisaf): „Die Cisaf-Kriterien, die neu gesetzt wurden, ermöglichen eine schnelle Einführung eines Kapazitätsmarktes. Wenn Sie sich an diesen 28 dieser Kriterien überall einen Haken dran machen, dann wird Brüssel schnell einen Kapazitätsmarkt auf den Weg bringen und gestatten. Und das wäre die angesprochene Orientierung an Kapazitätsmärkten, die es schon gibt.“
Weil es aber durchaus denkbar wäre, dass Deutschland einen eigenen weg versucht, mahnte sie: „ Wenn wir was Eigenes machen, wird halt lange geprüft und dann dauert es fünf Jahre.“ Das belgische Modell ist quasi Cisaf-approved, es copy & paste umzusetzen, davon versprechen sich viele in der Branche endlich schnell einen funktionierenden Kapazitätsmarkt. Und nachjustieren, das sagte Andreae auch, könne man später immer noch.
Was Reiches Netzpaket so brisant macht
Das so genannte Netzanschlusspaket möchte sicherstellen, dass sich die erneuerbaren, wenn sie weiter ausgebaut werden, dem Netzausbau anpassen. Zumindest wird’s dann deutlich preiswerter – und kein Investor investiert dort, wo es teurer wird. Also vielleicht an Standorten, mit einem Ertragspotenzial für Wind oder Solar, aber ohne naheliegenden Netzanschluss. Das zumindest fürchten Branchenvertreterinnen wie Heinen-Esser. Wenn der Netzausbau den Erneuerbaren-Ausbau bestimmt,könnte die Branche weder Ausbauziele erfüllen noch wirtschaftlich agieren.
Ursache der Überlegungen aus dem Hause Reiche ist aber ebenfalls ein Notstand: Anlagen, auch größere werden gebaut und die Netzbetreiber sehen sich mit der Anschlussverpflichtung allein gelassen. Es kommt zu deutlichem Zeitverzug. Mit sichtbaren Folgen: fertige Windparks stehen still, weil der Netzanschluss fehlt – zum Beispiel. Und wenn Netzausbau dann teurer und teurer wird, fehlt die Akzeptanz.
Auch RWE-Chef Krebber sieht das Problem, nur mit dem Lösungsansatz, der in der Bundesregierung kursiert, ist er nicht einverstanden. Die Erzeugungsseite brauche „ganz klar einen Anreiz“, um „an der richtigen Stelle zu bauen“ und solle an dem ausgelösten Netzausbau beteiligt“ werden. Das gebe es in anderen Ländern auch. Aber: „Den sogenannten Redispatch-vor-Kosten – dass sozusagen eine Abschaltung von Anlagen stattfindet, wo der Strom nicht verteilt werden kann -, das auf die Erzeuger umzulegen, das ist absurd.
Das ist falsch“, betonte er und ist da ganz bei BEE-Chefin Heinen-Esser. Denn, die es dann träfe, könnten das Problem nicht lösen. Lösen könnte dies, so Krebber, „nur der Netzbetreiber. Wir können ja nicht in eine Welt reinlaufen, wo wir als Erneuerbare-Produzenten oder als Erzeuger einen Baukostenzuschuss für das Netz bezahlen, das Netz dann nicht gebaut wird und die Redispatchkosten dann auch noch übernehmen.“
Dass die Überlegungen, den Ausbau erneuerbarer Energien zu torpedieren, indem die Politik sie durch Regeln unwirtschaftlich macht, funkioniert, ist keine grundlose Befürchtung. Die damalige Bundesregierung unter Angela Merkel hatte mit der EEG-Novelle 2012 und die PV-Novelle zum nachfolgenden Solareinbruch der Jahre 2013 und 2014 geführt. Die frage, die bisher unbeantwortet ist, ist die, ob die Bundesregierung genau dies wiederholen will. Und keine Klarstellung erfolgt, verbreitet sich jene Unsicherheit, die auch beim Auftakt der E-world in diesem Jahr zu beobachten ist.
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