Panne bei Fukushima-Betreiber Tepco 21.01.2026, 10:26 Uhr

Größtes AKW der Welt: Was beim Neustart schiefging

Japan startet das größte AKW der Welt neu. Eine Alarmpanne kurz vor dem Betriebsstart verstärkt die Kritik am Fukushima-Betreiber Tepco. Was genau schiefging – und warum die Anlage trotzdem startet.

Kernkraftwerk

Japan reaktiviert zwölf Jahre nach der Stilllegung das größte Kernkraftwerk der Welt (Symbolfoto).

Foto: PantherMedia / TTstudio

Japan kehrt bei der Energieversorgung einen weiteren Schritt zurück zur Kernkraft. Rund 15 Jahre nach der Katastrophe von Fukushima fährt das größte Kernkraftwerk der Welt wieder hoch.  Die Anlage Kashiwazaki-Kariwa an der Küste des Japanischen Meeres soll schrittweise wieder Strom liefern.

Kurz vor dem geplanten Neustart sorgte eine Panne für Verzögerung. Der Vorfall wirft einige Fragen auf und verstärkt die Kritik am Betreiber Tepco, der auch für das AKW Fukushima zuständig war.

Update: Neustart trotz Alarmpanne

Der Neustart von Reaktor 6 hat sich um mehrere Tage verzögert. Ursprünglich sollte der Reaktor am Montag, dem 20. Januar, wieder ans Netz gehen. Doch bei einem Steuerstab-Test am Samstag um 12:36 Uhr entdeckten Techniker ein Problem: Ein Sicherheitsalarm blieb stumm, obwohl er hätte auslösen müssen, wie die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press berichtete.

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Was genau passiert ist

Bei dem Test wurde ein Steuerstab aus dem Reaktorkern gezogen, während ein anderer bereits entfernt war. In dieser Situation sollte die sogenannte Rückzugsperre aktiviert werden und ein Warnton erklingen – eine Sicherheitsfunktion, die verhindern soll, dass zu viele Steuerstäbe gleichzeitig entfernt werden. Der Alarm blieb jedoch aus. Tepco stoppte den Test sofort.

Die anschließende Untersuchung förderte ein größeres Problem zutage: Bei 88 von 205 Steuerstäben waren die Alarmeinstellungen fehlerhaft konfiguriert. Nach Angaben von Tepco bestand der Fehler vermutlich seit der Inbetriebnahme des Reaktors im Jahr 1996. Er blieb also fast 30 Jahre unentdeckt.

Der Betreiber betonte, dass keine physischen Schäden an den Steuerstäben oder am Reaktor entstanden seien. Das Problem habe ausschließlich die Parametrierung des Alarmsystems betroffen, nicht die Technik selbst.

Reparatur in der Nacht abgeschlossen

Tepco arbeitete über mehrere Tage an der Behebung des Problems. Nach Angaben des japanischen Senders NHK wurden die fehlerhaften Einstellungen erst in der Nacht zum Mittwoch um 1 Uhr vollständig korrigiert. Damit seien die Vorbereitungen für den Neustart abgeschlossen, teilte der Konzern mit. Der Reaktor soll im Laufe des Mittwochs hochgefahren werden.

Den geplanten Beginn des kommerziellen Betriebs am 26. Februar sieht Tepco nicht gefährdet.

 „Wiederaufnahme des Betriebs ist unverschämt“

Kritiker werten die Panne als Hinweis auf anhaltende Sicherheits- und Organisationsprobleme bei Tepco – ausgerechnet dem Unternehmen, das auch für die Fukushima-Katastrophe 2011 verantwortlich war. Reaktor 6 in Kashiwazaki-Kariwa ist der erste Tepco-Reaktor, der seit dem Unglück wieder ans Netz geht.

Vor der Konzernzentrale in Tokio protestierten am Montag rund 50 Menschen gegen die Wiederinbetriebnahme. Auch Anwohner üben scharfe Kritik. Ryusuke Yoshida, der 2 km vom Kraftwerk entfernt lebt, sagte der ARD: „Die Wiederaufnahme des Betriebs unter Missachtung der Meinung der Anwohner ist einfach unverschämt.“

Unbeachtetes Erdbebenrisiko

Umwelt- und Bürgergruppen verweisen zudem auf das Erdbebenrisiko am Standort. Die Anlage liegt in einer seismisch aktiven Region und musste bereits 2007 nach einem Erdbeben vom Netz genommen werden. Kritiker fordern, den Reaktor gar nicht wieder in Betrieb zu nehmen.

Japans Regierungschefin Sanae Takaichi verteidigte den Schritt dennoch: Die Wiederinbetriebnahme sei wichtig, um die Stromversorgung in Ost-Japan zu stabilisieren, die Preise zu senken und die Dekarbonisierung voranzutreiben.

Politisches Signal aus Niigata

Den entscheidenden Impuls für den Neustart lieferte die Präfektur Niigata. Das Regionalparlament stellte sich hinter die Entscheidung von Gouverneur Hideyo Hanazumi, den Start zu genehmigen. Damit fiel die letzte große politische Hürde. Ohne Zustimmung der Kommunen und der Präfektur wäre eine Rückkehr ans Netz kaum möglich gewesen.

Die nationale Atomaufsicht hatte bereits zuvor grünes Licht gegeben. Nach ihrer Einschätzung erfüllt die Anlage die nach Fukushima deutlich verschärften Sicherheitsauflagen. Mit dem Votum aus Niigata ist der Weg nun frei, zunächst einen der beiden modernsten Reaktorblöcke hochzufahren.

Rückblick: Stillstand seit Fukushima

Das Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa war seit 2012 komplett abgeschaltet. Der Grund lag nicht in einem eigenen Unfall, sondern in der politischen Reaktion auf den Super-GAU von Fukushima im Jahr 2011. Nach Erdbeben und Tsunami verlor das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant die Kontrolle über mehrere Reaktoren. Japan zog die Notbremse. Alle 54 Reaktoren im Land gingen vom Netz.

Die Folgen waren spürbar. Das rohstoffarme Land deckt rund 90 % seines Energiebedarfs über Importe. Nach dem Atom-Aus stiegen die Ausgaben für Flüssigerdgas, Kohle und Öl deutlich. Strompreise kletterten, die Abhängigkeit vom Weltmarkt wuchs.

Vertrauen verspielt – und langsam zurückgewonnen

Kashiwazaki-Kariwa trägt zusätzliches Gepäck aus der Vergangenheit. Betreiber ist der Konzern Tokyo Electric Power Company, kurz Tepco. Genau dieses Unternehmen betrieb auch Fukushima Daiichi. Das Vertrauen in den Konzern gilt bis heute als beschädigt.

2021 stoppte die Atomaufsicht die Wiederinbetriebnahme. Der Grund war gravierend. Inspektoren stellten massive Sicherheitsmängel fest. Zugangskontrollen funktionierten nicht zuverlässig, Schutzmaßnahmen gegen Sabotage waren lückenhaft. Hinzu kam der Vorwurf, Tepco habe Probleme verschleiert. Die Aufsicht zog die Notbremse und untersagte den Neustart.

Seitdem lief ein umfassendes Nachbesserungsprogramm. Tepco ersetzte Sicherheitssysteme, verschärfte Kontrollen und setzte neue Organisationsstrukturen um. Erst nachdem diese Maßnahmen überprüft waren, erlaubte die Atomaufsicht wieder konkrete Schritte.

Brennelemente als technischer Meilenstein

Im Frühjahr 2024 begann der sichtbarste Teil der Vorbereitung. Tepco transportierte erstmals wieder Brennelemente aus den Lagerbecken in einen Reaktor. Insgesamt sollen 872 Brennstäbe in Block 7 eingebracht werden. Allein dieser Vorgang dauert rund sechs Wochen.

Die Beladung ist mehr als Routine. Sie markiert den Übergang von Planung zu konkretem Betrieb. Ohne diesen Schritt bleibt ein Kernkraftwerk ein Bauwerk aus Stahl und Beton. Erst mit Brennstoff wird es zur Stromquelle.

Was für ein Kraftwerk hier startet

Kashiwazaki-Kariwa ist in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. Die Anlage liegt auf einem 4,2 km² großen Gelände in der Präfektur Niigata. Sie besteht aus sieben Reaktoren. Fünf davon liefern jeweils rund 1,1 GW elektrische Leistung. Zwei neuere Blöcke kommen auf jeweils 1365 MW. Zusammen ergibt das 8,2 GW. Kein anderes Kernkraftwerk weltweit erreicht diese Leistung.

Zum Einsatz kommen sogenannte Siedewasserreaktoren. Dabei erhitzt die Kernspaltung Wasser direkt im Reaktordruckbehälter. Das Wasser beginnt zu sieden, der entstehende Dampf treibt Turbinen an. Anders als bei Druckwasserreaktoren gibt es keinen getrennten Dampferzeuger. Das System ist technisch einfacher, stellt aber hohe Anforderungen an Material und Sicherheit.

Block 6 macht den Anfang

Nach aktuellen Berichten soll Reaktorblock 6 als Erster wieder ans Netz gehen. Der Zeitpunkt wird für die kommenden Wochen erwartet. Block 7 folgt später. Die übrigen fünf Reaktoren bleiben vorerst außer Betrieb. Ob sie ebenfalls zurückkehren, hängt von politischen Entscheidungen und weiteren Prüfungen ab.

Japan hat inzwischen 14 der noch betriebsfähigen 33 Reaktoren wieder hochgefahren. Kashiwazaki-Kariwa wäre das erste Kraftwerk von Tepco, das nach Fukushima erneut Strom liefert. Das verleiht dem Projekt Symbolkraft.

Energiepolitik unter Druck

Der Neustart ist kein Einzelfall. Ende 2022 änderte Japan seine Energiepolitik grundlegend. Kernkraft gilt wieder als stabiler Baustein im Energiemix. Ziel ist es, Importkosten zu senken und gleichzeitig den CO₂-Ausstoß zu reduzieren.

Thermische Kraftwerke auf Basis von LNG fangen zwar Versorgungslücken ab, sind aber teuer. Zudem schwanken die Preise stark. Kernkraftwerke liefern dagegen konstant Strom. Für die Industrie ist das planbar. Für die Regierung ist es ein Argument in Zeiten geopolitischer Unsicherheit.

Widerstand bleibt

Trotz aller Genehmigungen bleibt der Widerstand in der Bevölkerung groß. Viele Menschen in der Region Niigata fürchten Erdbeben, Tsunamis und menschliches Versagen. Die Geschichte von Tepco verstärkt diese Sorgen.

Die Regierung setzt auf Transparenz und strenge Kontrollen. Ob das Vertrauen zurückkehrt, bleibt offen. Klar ist aber: Japan nimmt bewusst ein politisches Risiko in Kauf, um seine Energieversorgung zu stabilisieren. Die Panne beim Neustart dürfte nicht dazu beitragen, das Vertrauen zu erhöhen.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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