Generator aus Baumwolle liefert Tag und Nacht Energie
Ein asymmetrisch beschichteter Baumwollstoff erzeugt Strom aus Luftfeuchtigkeit. Stabil, waschbar – und sogar nachts aktiv. Autarke Energie für Wearables.
Baumwollstoff als Energiequelle: Unterschiedliche Polymerbeschichtungen treiben einen gerichteten Ionenfluss an.
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| Das Wichtigste in Kürze |
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Ein Forschungsteam hat ein Baumwollgewebe entwickelt, das durch gerichtete Wasseraufnahme und Verdunstung aus der Umgebungsluft kontinuierlich elektrischen Strom erzeugt. Entscheidend ist eine asymmetrische Beschichtung der Fasern mit den Polymeren Polypyrrol (PPy) und Polydopamin (PDA). Sie erzeugt einen stabilen Feuchtigkeitsgradienten, der einen dauerhaften Ionenfluss innerhalb der Fasern antreibt. Das System arbeitet sowohl bei Sonnenlicht als auch im Dunkeln und zeigt sich robust gegenüber mechanischer Belastung sowie Waschvorgängen.
Inhaltsverzeichnis
Die Zahlen hinter der Idee
Der globale Wasserkreislauf bewegt enorme Energiemengen. Jährlich transportiert die Atmosphäre Schätzungen zufolge rund 500.000 km³ Wasser. Beim Phasenwechsel von flüssig zu gasförmig speichert Wasser eine latente Verdampfungsenergie von etwa 2,4 Kilojoule pro Gramm. Hochgerechnet entspricht dies einer Energiemenge von rund 10²⁴ Joule pro Jahr – ein Wert, der den weltweiten Energieverbrauch der Menschheit um mehrere Größenordnungen übersteigt.
Dieses Potenzial bleibt bislang nahezu ungenutzt. Forschende suchen daher nach Wegen, einen Bruchteil dieser Energie technisch nutzbar zu machen. Ein Team aus China hat nun in der Fachzeitschrift Advanced Materials ein Konzept vorgestellt, das gewöhnlichen Baumwollstoff in einen autarken Stromgenerator verwandelt.
Strömungspotenzial als physikalische Grundlage
Die zugrunde liegende Physik ist seit Langem bekannt. Fließt Wasser durch sehr enge Kanäle mit elektrisch geladenen Oberflächen, trennen sich die im Wasser gelösten Ionen nach ihrer Ladung. Positive und negative Ionen bewegen sich bevorzugt in entgegengesetzte Richtungen. Diese gerichtete Bewegung erzeugt eine elektrische Spannung – das sogenannte Strömungspotenzial.
Schon im 19. Jahrhundert wurde dieser Effekt beschrieben. In der modernen Forschung eröffnen Nanomaterialien neue Möglichkeiten, da ihre extrem kleinen Poren die Ionentrennung verstärken. Frühere Versuche mit Kohlenstoffnanoröhren oder Graphenoxid-Filmen lieferten zwar messbare Spannungen, blieben jedoch technisch begrenzt. Die erzeugten Spannungen lagen meist im Mikro- bis Millivoltbereich. Zudem brach die Stromerzeugung ab, sobald das Material vollständig mit Wasser gesättigt war und kein gerichteter Transport mehr stattfand.
Asymmetrie verhindert die Sättigung
Das neue System umgeht dieses Problem durch ein asymmetrisches Design, das an die Verdunstung in Pflanzen erinnert. Während Wasser über die Blätter verdunstet, ziehen die Wurzeln kontinuierlich Feuchtigkeit nach.
Die Forschenden beschichteten Baumwollstoff dafür mit zwei unterschiedlichen Polymeren. Zunächst tränkten sie den Stoff in einer Lösung aus Pyrrolmonomeren. Durch die Zugabe von Eisenchlorid startete die Polymerisation direkt auf den Fasern. Es entstand eine schwarze, elektrisch leitfähige Polypyrrol-Schicht, die rund 98 % des einfallenden Lichts absorbiert und effizient in Wärme umwandelt.
Im zweiten Schritt wurde eine Hälfte des Stoffs über mehrere Stunden in eine alkalische Dopaminlösung gelegt. Dabei bildete sich ein hauchdünner Polydopaminfilm. Dieser erscheint violett, was auf Interferenzerscheinungen in der dünnen Schicht zurückzuführen ist. Die PDA-Beschichtung absorbiert deutlich weniger Licht – etwa 74 %.
Verdunstung treibt den Stromfluss
Unter Sonneneinstrahlung entstehen durch die unterschiedlichen Absorptionseigenschaften Temperaturunterschiede auf dem Stoff. Bei einer simulierten Bestrahlung von 1000 W/m² erwärmte sich die schwarze PPy-Seite auf 45,3 °C, während die violette PDA-Seite bei 37,5 °C blieb.
Der Temperaturunterschied beschleunigt die Verdunstung auf der dunklen Seite. Die Baumwollfasern ziehen daraufhin kontinuierlich Wasser von der kühleren, feuchteren Seite nach. Es bildet sich ein stabiler Feuchtigkeitsgradient, der einen gerichteten Ionentransport durch die Nanokanäle der Fasern aufrechterhält. So wird eine vollständige Sättigung des Materials verhindert – ein zentrales Problem früherer Ansätze.
Elektrische Kennwerte und Stabilität
Ein Stoffstück von 3 × 6 cm erzeugte bei 60 % relativer Luftfeuchtigkeit eine Leerlaufspannung von 0,74 V und einen Kurzschlussstrom von 0,72 mA. Die effektive Leistungsdichte lag damit deutlich über der einseitig beschichteter Vergleichsproben.
In Dauertests blieb die Spannung über 18.000 Sekunden stabil. Auch nach einem Monat Lagerung an der Luft zeigten sich keine messbaren Leistungseinbußen.
Ein wesentlicher Vorteil des Konzepts: Das System arbeitet auch ohne Licht. Zwar sinkt die Leistung nachts deutlich, doch die chemische Asymmetrie der Beschichtungen reicht aus, um einen schwachen Feuchtigkeitsgradienten aufrechtzuerhalten. In Dunkelheit erzeugte ein Modul noch etwa 0,12 V.
Demonstration als tragbare Energiequelle
Zur Demonstration schaltete das Team sechs Module in Reihe. Diese Anordnung lieferte am Nachmittag eine Spannung von 1,18 V und nach Sonnenuntergang noch 0,72 V. Damit konnten kleine weiße LEDs über einen Zeitraum von 24 Stunden betrieben werden.
In einem weiteren Versuch integrierten die Forschenden 15 Module in eine Weste. Bei körperlicher Aktivität diente zusätzlich menschlicher Schweiß als Feuchtigkeitsquelle. Die Anordnung erreichte eine Spannung von 3,9 V bei einem Strom von rund 0,7 mA.
Die erzeugte Energie reichte aus, um einen Kondensator innerhalb von 25 Minuten auf 3,5 V aufzuladen. Damit ließen sich kleine elektronische Geräte wie Bluetooth-Kopfhörer periodisch betreiben. Tragbare Systeme mit integrierten Feuchtigkeitsgeneratoren könnten damit künftig einfache Wearables autark mit Energie versorgen.
Warum der Ansatz kein Energieproblem löst
So spannend die Idee wirkt, sie ist keine Antwort auf das globale Energieproblem. Dafür sind die Leistungsdichten schlicht zu gering. Um nennenswerte Mengen Strom zu erzeugen, wären sehr große Flächen nötig – ein realistischer Skalierungspfad in Richtung Netzenergie existiert hier nicht.
Diese Grenze ist physikalisch bedingt. Verdunstungsgetriebene Generatoren arbeiten zwar kontinuierlich, liefern aber nur kleine Leistungen. Mehr ist aus dem Prinzip nicht herauszuholen. Das ist kein Makel der Umsetzung, sondern eine Folge der zugrunde liegenden Mechanik.
Die eigentliche Stärke des Ansatzes liegt deshalb woanders. Das System kommt ohne bewegliche Teile aus, benötigt keine externe Stromquelle und gewinnt Energie direkt aus alltäglicher Umgebungsfeuchte. Es funktioniert leise, dauerhaft und selbst dort, wo klassische Energiequellen versagen oder unpraktisch wären.
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