3,7 km tief gebohrt: Frankreich prüft, ob weißer Wasserstoff wirklich taugt
In Frankreich bohrt das Energieunternehmen La Française de l’Énergie (FDE) 3,7 km tief nach natürlichem Wasserstoff – jetzt steht der entscheidende Test an.
3,7 km tief reicht das französische Bohrloch PTH-2. Ob sich dort genügend natürlicher Wasserstoff fördern lässt, sollen Produktionstests zeigen. Das Foto zeigt eine Tiefbohranlage als Symbolbild.
Foto: picture alliance / ZB | Bernd Settnik
Fast 50 % Wasserstoff in mehr als 2400 m Tiefe: Die Messwerte aus Lothringen klingen nach einem spektakulären Fund. Ob daraus tatsächlich eine neue Energiequelle wird, bleibt jedoch völlig offen. Denn bislang fehlt die wichtigste Kennzahl: Wie viel Wasserstoff lässt sich dauerhaft und stabil fördern?
Das Bohrloch PTH-2 in Pontpierre reicht 3655 m in die Tiefe. Gezielt gebohrt, um natürlichen Wasserstoff zu untersuchen – also H₂, der nicht technisch per Elektrolyse entsteht, sondern durch geologische Prozesse im Untergrund gebildet wird.
Im Juni meldete FDE ungewöhnlich hohe Konzentrationen. In 2242 m Tiefe maß das Team 36,1 % Wasserstoff, in 2426 m sogar 49,6 %. Das klingt vielversprechend, ist vorerst aber nur ein reiner Konzentrationswert.
Inhaltsverzeichnis
- 49,6 % Wasserstoff sagen noch nichts über die Fördermenge aus
- SYSMOG misst die Konzentration – SYSPROG soll den Fluss zeigen
- Ein hoher H₂-Anteil reicht für die Industrie nicht aus
- Mali liefert den bislang besten Praxistest
- Belastbare Produktionsdaten fehlen fast überall
- Gelöster Wasserstoff verkompliziert die Förderung
- Entsteht dort ständig neuer Wasserstoff?
- Die Förderkosten bleiben vorerst eine Modellrechnung
- Frankreich plant trotzdem bereits weiter
49,6 % Wasserstoff sagen noch nichts über die Fördermenge aus
Die Messwerte stammen aus Gasen, die aus tiefem Formationsfluid abgetrennt wurden. Der Wasserstoff liegt dort also zumindest teilweise im Wasser gelöst vor.
Damit unterscheidet sich PTH-2 grundlegend von einem klassischen Erdgasfeld: Dort sammelt sich freies Gas in porösem Gestein und strömt nach einer Bohrung unter Druck direkt zum Bohrloch. In Lothringen ist hingegen unklar, ob in größerer Tiefe freie Gasansammlungen existieren oder ob der Wasserstoff überwiegend über das Formationswasser transportiert wird.
Für eine spätere Förderung macht das einen Unterschied. Entscheidend ist nämlich nicht nur der Wasserstoffanteil, sondern vor allem:
- wie viel Fluid durch das Gestein strömt,
- wie viel Wasserstoff darin gelöst ist,
- wie gut und effizient sich das Gas abtrennen lässt,
- und ob dieser Strom über Jahre hinweg stabil bleibt.
Erst mit diesen Parametern lässt sich beurteilen, ob sich der Fund technisch und wirtschaftlich nutzen lässt.
SYSMOG misst die Konzentration – SYSPROG soll den Fluss zeigen
Für die bisherigen Messungen setzte FDE gemeinsam mit dem Schweizer Spezialisten Solexperts die Sonde SYSMOG ein. Eine Membran trennt gelöste Gase aus dem Formationsfluid ab, woraufhin sich deren Zusammensetzung bestimmen lässt. Das beantwortet die Frage nach dem prozentualen H₂-Anteil in einer Probe.
Die deutlich schwierigere Frage lautet jedoch: Wie viel Wasserstoff bewegt sich tatsächlich durch das Gestein?
Dafür wurde eine zweite Sonde entwickelt: SYSPROG. Sie soll die Flüsse im Untergrund erfassen und erstmals Hinweise darauf liefern, welche Produktionsleistung PTH-2 überhaupt erreichen könnte. FDE hatte entsprechende Tests für die zweite Jahreshälfte 2026 angekündigt. Öffentlich zugängliche Ergebnisse lagen bis zum 10. Oktober noch nicht vor. Genau auf diese Daten kommt es jetzt an.
Ein hoher H₂-Anteil reicht für die Industrie nicht aus
Wie groß die Lücke zwischen einem geologischen Fund und einer wirtschaftlichen Produktion ausfällt, zeigt eine 2026 veröffentlichte Studie im Fachjournal Scientific Reports.
Die Forschenden verglichen bekannte natürliche Wasserstoffflüsse mit Produktionsraten kommerzieller Gasbohrungen. Das Ergebnis: Die meisten bislang bekannten H₂-Flüsse sind für eine industrielle Nutzung deutlich zu gering.
Für ein wirtschaftlich interessantes Bohrloch wären nach der Studie Größenordnungen von mindestens 10 Mio. bis 100 Mio. m³ Wasserstoff pro Jahr erforderlich – und das möglichst über Jahrzehnte. Das setzt die 49,6 % aus Lothringen in ein anderes Licht. Eine hohe Konzentration ist gut. Ohne einen hohen und stabilen Volumenstrom bleibt sie wirtschaftlich jedoch weitgehend wertlos.
Wer sich zunächst grundsätzlich mit der neuen Wasserstoffquelle beschäftigen möchte: ingenieur.de hat den weltweiten Wettlauf um natürlichen Wasserstoff bereits ausführlich untersucht.
Mali liefert den bislang besten Praxistest
Wie anspruchsvoll der Schritt von der Entdeckung zur Nutzung ist, zeigt das Beispiel Bourakébougou in Mali. Dort wurde natürlicher Wasserstoff bereits vor Jahrzehnten zufällig bei einer Wasserbohrung entdeckt. Das Gas weist einen Reinheitsgehalt von rund 98 % H₂ auf. Ein Teil davon wird seit Jahren in einer kleinen lokalen Anlage zur Stromerzeugung genutzt.
Der historische Hauptbrunnen liefert nach Angaben des französischen Parlaments rund 1500 m³ Wasserstoff pro Tag – das entspricht etwa 48 t im Jahr. Für die lokale Versorgung ist das beachtlich, von industriellen Maßstäben jedoch weit entfernt.
Der französische Parlamentsausschuss OPECST schätzt, dass die Förderraten etwa 100- bis 1000-mal höher sein müssten, damit eine größere kommerzielle Nutzung rentabel wird. Auch die Studie in Scientific Reports kommt zu einer ähnlichen Größenordnung.
Mali zeigt damit zwei Seiten der Medaille: Natürlicher Wasserstoff lässt sich tatsächlich fördern und nutzen. Gleichzeitig reicht selbst ein Gas mit extrem hohem H₂-Anteil bei weitem nicht aus, um einen neuen Energiesektor zu tragen.
Belastbare Produktionsdaten fehlen fast überall
Genau das ist derzeit das Kernproblem der gesamten Branche. Die Forschung zu natürlichem Wasserstoff wächst zwar rasant – laut OPECST hat sich die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen innerhalb von fünf Jahren etwa verzwanzigfacht. Auch die Zahl der Explorationsprojekte steigt weltweit: Gebohrt wird unter anderem in den USA, Australien, China, Kolumbien und Frankreich.
Was weiterhin fehlt, sind belastbare Produktionsdaten. Mitte 2026 gab es außerhalb von Mali kaum öffentlich zugängliche, zertifizierte Daten darüber, wie viel Wasserstoff ein Bohrloch über längere Zeit tatsächlich liefern kann.
PTH-2 könnte deshalb wichtiger werden als viele der bislang gemeldeten Funde. Denn hier soll nicht mehr nur gesucht und gemessen werden – hier muss sich zeigen, ob ausreichend Wasserstoff nachströmt.
Gelöster Wasserstoff verkompliziert die Förderung
In Lothringen kommt ein technisches Hindernis hinzu: Der bislang nachgewiesene Wasserstoff steckt zumindest teilweise im Formationswasser. Für eine spätere Produktion müsste also kontinuierlich ausreichend Fluid durch das Reservoir strömen. Anschließend müsste der Wasserstoff aus diesem Wasser gewonnen, gereinigt und wahrscheinlich komprimiert werden.
Wie aufwendig und energieintensiv dieser Prozess ist, lässt sich aus den bisherigen Messungen nicht abschätzen. Auch deshalb wäre es verfrüht, aus den 49,6 % bereits auf eine ertragreiche Lagerstätte zu schließen. Der französische Senat weist ausdrücklich darauf hin, dass gelöster Wasserstoff völlig andere technische Anforderungen stellt als eine klassische Gasansammlung.
Damit unterscheidet sich das Projekt auch von vielen Meldungen über angebliche unterirdische „Wasserstofflagerstätten“. Einen Überblick über andere Funde und Explorationsprojekte gibt unser Beitrag „Statt Elektrolyse: Hier strömt weißer Wasserstoff tonnenweise aus dem Boden“.
Entsteht dort ständig neuer Wasserstoff?
Noch ungeklärt ist auch die Genese: Woher stammt der Wasserstoff in Lothringen genau?
Als mögliche Quellen gelten chemische Reaktionen zwischen Wasser und eisenhaltigen Mineralen (Serpentinisierung). Auch Radiolyse – die Spaltung von Wasser durch natürliche radioaktive Strahlung im Gestein – kann H₂ freisetzen. Welche Prozesse am Standort dominieren und wie schnell sie ablaufen, ist nicht geklärt.
Deshalb ist auch der Begriff „erneuerbarer Wasserstoff aus der Erde“ mit Vorsicht zu genießen. Natürlich heißt nicht automatisch erneuerbar. Wenn sich der Wasserstoff nur sehr langsam nachbildet, könnte eine industrielle Förderung das Reservoir schneller leeren, als neues H₂ entsteht.
Eine aktuelle Analyse der bekannten natürlichen Wasserstoffflüsse kommt zu dem Schluss, dass schnell nachgebildeter Wasserstoff allein wahrscheinlich nicht für große Projekte ausreicht. Interessanter dürften Lagerstätten sein, in denen sich H₂ über geologische Zeiträume hinweg angesammelt hat. Lesen Sie dazu auch: Weißer Wasserstoff: Warum die Millionen-Tonnen-Hoffnung wohl geplatzt ist.
Was hinter Bezeichnungen wie weißem, grünem, blauem oder türkisem Wasserstoff steckt, erklären wir in unserem Überblick zu den Farben des Wasserstoffs.
Die Förderkosten bleiben vorerst eine Modellrechnung
Mit weißem Wasserstoff verbindet sich die Hoffnung auf extrem niedrige Produktionskosten. Die Idee dahinter ist bestchend: Der Wasserstoff müsste nicht erst energieintensiv per Elektrolyse hergestellt werden, da er bereits fertiges Produkt im Untergrund liegt.
Diese Rechnung greift jedoch zu kurz. Kosten entstehen durch tiefe Explorations- und Förderbohrungen, Förderpumpen, Aufbereitung, Verdichtung sowie Transportinfrastruktur. Hinzu kommt die entscheidende Variable: Wie viel Wasserstoff liefert eine einzelne Bohrung tatsächlich?
Eine niedrige Förderrate kann selbst ein großes geologisches Vorkommen rasch unwirtschaftlich machen. Solange keine Langzeitdaten aus realen Produktionsbohrungen vorliegen, bleiben sehr niedrige Preisangaben reine Modellrechnungen.
Frankreich plant trotzdem bereits weiter
FDE will das Projekt zügig vorantreiben. Für das Gebiet Trois-Évêchés besitzt das Unternehmen eine Explorationsgenehmigung über 2254 km². 2027 soll nach Unternehmensangaben eine unabhängige Zertifizierung der Ressource beginnen. Einen möglichen Produktionsstart visiert FDE für Ende 2028 oder Anfang 2029 an.
Ob dieser Zeitplan realistisch ist, hängt allerdings von Daten ab, die heute noch fehlen. Auch die französische Regierung zeigt sich zurückhaltend: Sie erklärte im Juni, es sei noch zu früh, um zu beurteilen, ob die gemessenen Flüsse für eine spätere industrielle Nutzung ausreichen.
Damit ist die Lage eindeutig: PTH-2 hat hohe Wasserstoffkonzentrationen nachgewiesen. Was das Bohrloch noch schuldig ist, ist der Nachweis einer wirtschaftlich interessanten Förderleistung. Genau daran entscheidet sich, ob Lothringen tatsächlich eine neue Energiequelle erschließt – oder vor allem einen geologisch außergewöhnlichen Fund darstellt.
Quellen
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La Française de l’Énergie (FDE), 23. Juni 2026:
Ergebnisse der PTH-2-Bohrung, H₂-Konzentrationen sowie SYSMOG- und SYSPROG-Programm
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La Française de l’Énergie (FDE), 21. Juli 2026:
Ankündigung der Produktionstests im zweiten Halbjahr 2026
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Franke et al., Scientific Reports, 21. Januar 2026:
The relationship between natural hydrogen flow rates and production viability
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Office parlementaire d’évaluation des choix scientifiques et technologiques, 2. Juli 2026:
Wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Stand zu natürlichem Wasserstoff
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Französisches Energieministerium, Antwort vom 25. Juni 2026:
Einschätzung des französischen Staates zu den PTH-2-Ergebnissen
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