Dampfturbine, Elektrolyse, Kompressor: Warum Siemens Energy eine profitable Sparte abgibt
Die kleinste Sparte von Siemens Energy ist profitabel und wächst. Trotzdem soll sie aus dem Konzern, und die Trennlinie verläuft mitten durch Produktfamilien wie die Dampfturbinen. Warum der Konzern den Schnitt für sinnvoll hält.
Kontrolle eines Dampfturbinenläufers im Werk Görlitz.
Foto: picture alliance/dpa | Jürgen Lösel
„Wir feuern auf allen Zylindern“, sagte Christian Bruch am 9. Juni in Hamburg über das Gasturbinengeschäft von Siemens Energy. Die Werke seien am Anschlag, mehr als geplant lasse sich 2027 nicht ausliefern. Elf Wochen später kündigt derselbe Konzernchef an, seine kleinste Sparte aus dem Konzern zu lösen. Sie ist profitabel, sie wächst. Trotzdem soll sie eigenständig werden.
Seit dem 25. August bereitet Siemens Energy die Verselbstständigung von Transformation of Industry (TI) vor. Die Sparte baut Industriedampfturbinen, Kompressoren, Generatoren und Elektrolyseure, beschäftigt 17.000 Menschen und setzte 2025 5,7 Mrd. € um. Gasturbinen, Windkraft und Netztechnik bleiben bei Siemens Energy. Wie kam es dazu, und wo läuft die technische Grenze?
Inhaltsverzeichnis
Aus vier werden drei Sparten
Siemens Energy berichtet seit Oktober 2022 in vier Segmenten; davor gab es nur Gas and Power und Siemens Gamesa.
- Gas Services baut und wartet Gasturbinen sowie teils dazugehörige Dampfturbinen und Generatoren für Kraftwerke.
- Grid Technologies liefert Transformatoren, Schaltanlagen und Gleichstromtechnik für Stromnetze.
- Siemens Gamesa, seit 2023 vollständige Tochter, baut Windräder.
- Die vierte Sparte, Transformation of Industry (TI), ist mit 5,7 Mrd. € Umsatz die kleinste. Sie beliefert vor allem Industriekunden: Raffinerien, Chemiekonzerne, Papierfabriken, Werften, Rechenzentren.
Diese Märkte seien häufig dynamischer, stärker transaktionsgetrieben und von anderen Kundenbedürfnissen geprägt, heißt es in einer Mitteilung von Siemens Energy vom 25. August. Heißt: kleinere Aufträge, mehr Einzelprojekte, mehr Wettbewerb. Rund die Hälfte des TI-Umsatzes stammt aus dem Service für mehr als 85.000 installierte Maschinen.
Segmente 1-3 bleiben zusammen und sollen noch 2026 schrittweise unter dem Namen Omterra auftreten. TI soll laut der Mitteilung nach Einführung der Marke zunächst ebenfalls so heißen. Folgende Technologien gehören dann (wie heute) zum Portfolio:
| Technologie | Wofür | Deutscher Standort | Typische Abnehmerbranchen |
|---|---|---|---|
| Industriedampfturbinen | Prozessdampf, Kompressorantrieb, Biomasse- und Müllkraftwerke | Görlitz | Chemie, Papier, Zucker, Stahl |
| Kompressoren | Pipelines, LNG, Raffinerien, Wasserstoff- und CO2-Transport | Duisburg | Öl und Gas, Chemie |
| Generatoren und Motoren | Industrieanlagen, große Antriebe, Notstrom für Rechenzentren | Erfurt (Generatoren) | Industrie, Rechenzentren |
| Elektrolyseure | Wasserstoff aus Strom (PEM-Verfahren) | Berlin | Energie, Chemie, Stahl |
| Schiffs- und Unterwassertechnik | Elektrische Antriebe, Bordnetze, Stromversorgung am Meeresboden | keine Angabe | Werften, Reedereien, Offshore-Betreiber |
Die Mitteilung nennt außerdem Erlangen (700 Beschäftigte), Mülheim an der Ruhr (550), Nürnberg (550), Hamburg (250) und Leipzig (200) als TI-Standorte, ohne zu sagen, was genau dort jeweils für die Sparte gefertigt wird. Duisburg ist mit 1500 Beschäftigten der größte deutsche TI-Standort.
Was auffällt: TI baut weiter Dampfturbinen, obwohl Gas Services sie ebenfalls baut. Die Trennlinie verläuft also mitten durch eine Produktfamilie. Um zu verstehen, wie das geht, hilft ein Blick auf die Maschine selbst.
Was eine Dampfturbine macht
Kaum eine Maschine im Portfolio des Konzerns ist so vielseitig. Eine Dampfturbine braucht keinen bestimmten Brennstoff, nur eine Wärmequelle, die Wasser in Dampf verwandelt: Gas, Kohle, Müll, Biomasse, Kernspaltung oder das heiße Abgas einer Gasturbine.
Der Dampf, mit Drücken bis über 100 bar und Temperaturen um 500 °C, strömt durch mehrere Reihen von Schaufeln, entspannt sich dabei und dreht die Welle. Am anderen Ende der Welle sitzt ein Generator, dann entsteht Strom, oder eine Arbeitsmaschine wie ein Kompressor. Danach wird der Dampf entweder
- kondensiert und zurück in den Kessel gepumpt
- oder er wird abgezweigt, weil eine Fabrik ihn braucht.
Beides gibt es in beiden Sparten. Die Trennlinie verläuft bei Größe und Einsatzort.
Zwei Dampfturbinen, zwei Konzerne
Gas Services baut die großen Maschinen mit mehreren Hundert Megawatt. Ein wichtiger Einsatzbereich sind Gas-und-Dampf-Kraftwerke, in denen sie hinter der Gasturbine stehen. Deren rund 600 °C heißes Abgas erzeugt im Abhitzekessel den Dampf; die Dampfturbine holt daraus etwa ein Drittel der Blockleistung. Solche Turbinen liefert Gas Services ausschließlich zusammen mit Gasturbinen, wie das Unternehmen der Wirtschaftswoche bestätigte. Der Kunde ist dann also ein Energieversorger. Diese Turbinen bleiben bei Siemens Energy.
TI baut in Görlitz die Industriedampfturbinen, von unter 1 MW bis rund 250 MW. Sie liefern Prozessdampf in Chemie-, Papier- und Zuckerwerken, treiben in Raffinerien Kompressoren an oder erzeugen Strom in Biomasse-, Müll- und Solarthermiekraftwerken. Jede Maschine wird auf die Anlage zugeschnitten, die Aufträge sind kleiner und zahlreicher. Diese Turbinen gehen.
Dasselbe Schema gilt für die ganze Sparte. Was zum großen Gaskraftwerk, zum Stromnetz oder zur Windkraft gehört, bleibt. Was Industrieanlagen und kleinere Kraftwerke antreibt, geht. Siemens Energy sortiert nach Kunden und Größenklasse. Warum, erklärt Bruch so.
Warum Siemens Energy die Fabrik-Sparte abgibt
An Geld fehlt es nicht. Rund 4 Mrd. € Gewinn nach Steuern erwartet der Konzern im laufenden Geschäftsjahr, im April hatte er die Prognose angehoben. Aber TI konkurriert intern mit Bereichen, die schneller wachsen. „Unser derzeitiger Investitionsschwerpunkt liegt auf der Stromerzeugung und der Stromübertragung. Dort erzielen Investitionen kurzfristig höhere Erträge“, sagt Bruch in der Mitteilung.
Wie gut es dort läuft, hatte er am 9. Juni in Hamburg beschrieben: Bei den Gasturbinen soll die Kapazität, getrieben vom Strombedarf der Rechenzentren, bis 2030 jedes Jahr steigen. Zum Netzgeschäft sagte er: „Wir haben vor sechs Jahren auch mal gesagt: Netz macht keinen Spaß. Netz macht uns jetzt mal richtig Spaß.“
Am anderen Ende steht die Elektrolyseur-Fabrik in Berlin, die zu TI gehört. Sie hat laut Bruch 2 GW ausgeliefert und könnte 1 GW pro Jahr bauen. Neue Projekte seien derzeit kaum in Sicht. „Noch haben wir viel Arbeit, aber viel zu wenig Aufträge.“ Entlassen werde niemand, die Beschäftigten könnten bei den Gasturbinen aushelfen. Nach der Trennung arbeiten sie nur für zwei verschiedene Unternehmen.
Wie es weitergeht
Was genau soll mit der Aufteilung gewonnen werden? Bruch erklärt den Schritt mit der eigenen Unternehmensgeschichte. 2020 löste sich Siemens Energy von der Siemens AG, damals als Sorgenkind. Heute ist es ein Dax-Konzern mit 39,1 Mrd. € Umsatz. „Das beste Beispiel für eine erfolgreiche Abspaltung ist Siemens Energy“, sagte Bruch der Wirtschaftswoche. „Wir wären nicht da, wo wir heute sind, wenn wir um die Mittel der Siemens AG hätten kämpfen müssen.“
Siemens Energy will TI entkonsolidieren, eine wesentliche Minderheit behalten und Investoren hereinholen; laut Bloomberg könnte die Sparte mehr als 10 Mrd. € wert sein. Abgegeben wird sie als Paket, eine Zerschlagung sei nicht geplant, berichtet die Wirtschaftswoche unter Berufung auf den Konzern. Wie es mit dem Personal langfristig weitergeht und wer TI übernimmt, ist noch unklar.
Für die Maschinen ändert sich also erst einmal nichts. Nur der Firmenname am Werkstor wechselt, zunächst zu Omterra, dem Namen, den auch der Restkonzern annimmt. Ob danach ein weiterer folgt, hängt davon ab, wer bei TI einsteigt.
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