Aus dem Keller ins Wohnzimmer: Das Comeback der Hi-Fi-Technik
40 Jahre alte Hi-Fi-Technik trifft auf Vinyl, Schellack und HiRes-Streaming – mit überraschendem Ergebnis. Ein Experiment gegen den Zeitgeist.
Nur auf den ersten Blick angestaubt: Hi-Fi-Komponenten wie dieser Marantz-Receiver ermöglichen auch heute noch hochwertigsten Hörgenuss.
Foto: Ken Fouhy
Hi-Fi ist in den 1960er- bis 1990er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die dominierende Form des Musikerlebens, Plattenabspielen wird zelebriert – selbst das Einlegen einer CD oder Musikkassette. Dutzende Unterhaltungselektronik-Unternehmen halten da noch ein breites Angebot analoger Audio-Komponenten im Angebot. Doch Mp3-Player und Streaming-Angebote, Soundbars, preiswerte 5.1-Heimkinosysteme mit ihren Brüllwürfeln haben die Hi-Fi-Technik einschlafen lassen. Zeit zum Wecken?
Inhaltsverzeichnis
Hi-Fi aus dem Keller
Manchmal kommt unverhofft oft. Vor allem, wenn es gilt, einen Keller zu entrümpeln. Irgendwann ist ein Ende in Sicht. Die letzten Kisten sind besonders schwer. Drin sind die Hi-Fi-Lautsprecher HS-50F aus den 1980er-Jahren. Von Hitachi. Knapp 40 Jahre ist Ruhe, kein Strömchen, das die Membranen hätte bewegen können. Aber 40 Jahre ohne Nutzung? Ein Experiment bringt Licht ins Dunkel.
Das gilt auch für den einst von Hitachi bezogenen Vorverstärker HCA-8500MKII und die Endstufe HMA-8500MKII, die in separaten Kartons die Kellerzeit überstehen. Und – hat es denen geschadet?
Neuer Plattenspieler als Referenz
Zur Beurteilung ist eine Referenz nötig – ein neuer Plattenspieler, der auch die drei Standardgeschwindigkeiten an den Plattenspielerteller bringt, nämlich 33, 45 und die Summe aus beiden, also 78 Umdrehungen pro Minute, einst Normal-, heute Vintage-Geschwindigkeit. Hier fällt die Entscheidung für das Panasonic-Technics-Modell SL-1500C. Und natürlich braucht das für uralte Schellack-Schätzchen keine Stahlnadeln, ist ja kein Grammophon.
Abtaster für Vinyl und Schellack
So kommen unterschiedliche Abtaster zum Einsatz, Vinyl- und Schellackplatten wollen verschieden abgetastet werden. Hier kann Ortofon helfen, empfiehlt für Vinyl unter anderem das System 2M Red (ist eingebaut) und für Schellack 2M 78. Der Wechsel der Tonabnehmer ist durch ein zusätzliches Headshell, ein Tonabnehmer-Leergehäuse, eine Kleinigkeit.
Oh, wie schön klingt altes Hi-Fi
Alles sorgfältig verkabelt und dann eingeschaltet – die Platte dreht sich, der Tonarm wird abgesenkt – und langsam der Lautstärkeregler aufgedreht. Musik, und nichts als Musik. Kurzum – die aus den Kellerjahren entbannte Hi-Fi-Anlage zeigt keine erkenn- oder erhörbaren Defekte. Und plötzlich macht es wieder Spaß, die Wiedergabe diverser Platten zu zelebrieren – und zu genießen.
Selbst Platten, vor über 100 Jahren aufgenommen und gepresst, lassen sich abspielen in einer Qualität, die jede Stahlnadel neidisch machen dürfte. Eine solche Kulturgut-Erhaltungsmaßnahme emotionalisiert. Der Wechsel zwischen den Plattenwelten – eine simple Sache. Nachhaltigkeit kann so schön klingen.
Ende der Hi-Fi-Ära – kein Ruhmesblatt
Während Panasonic mit Technics mit höchster Audio- und Videokompetenz immer noch mit einigen High-End-Komponenten am Start ist, gibt Hitachi Ende der 1980erJahre das Hi-Fi-Geschäft auf. Wie so viele andere auch. „Die Hi-Fi-Ära endet in den späten 1990er-Jahren – und dies weniger aus technischen Gründen als vielmehr durch einen tiefgreifenden Wandel der Medienpraxis“, bestätigt Steffen Lepa, Postdoktorand am Fachgebiet Audiokommunikation der Technischen Universität Berlin.
Am 24. August 1989 startet das Digitale Satellitenradio (DSR), über das erstmals digital und unkomprimiert 16 Hörfunkprogramme via Satellit und im Kabelnetz der Deutschen Bundespost Telekom übertragen werden. Während sich jede Hi-Fi-Anlage über die Signale in bestmöglicher Qualität freut, hält sich die Akzeptanz der Nutzer mit gut 100.000 in Grenzen. Ende 1994 werden Satellitenweg und Anfang 1999 auch die Kabelübertragung trotz heftiger Proteste abgeschaltet. Astra Digital Radio (ADR) im DVB-S-Standard muss übernehmen.
CD ist gut, HiRes ist besser
Die Entwicklung des Mp3-Formats am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen in den 1980er-Jahren verändert die Musikindustrie grundlegend. Kleine Player, Streaming und digitaler Musikvertrieb werden ab Mitte der 90er-Jahre möglich.
Auch die 1982 gestartete CD ist ein Kompromiss an Qualität, Größe und Spiellänge. So sind nicht alle Hi-Fi-Freaks vom CD-Sound begeistert. 1992 wird die digitale Compact Cassette (DCC) ins Rennen geschickt. Und 1999 kommen DVD-Audio und Super Audio Compact Disc (SACD) auf den Markt. Doch die erhoffte Marktbedeutung bleibt aus.
Schließlich ein neuer Anlauf mit HiRes, High Resolution Audio. Was HDTV für die Augen ist, wird HiRes durch höhere Abtastraten und feinere Auflösung für die Ohren. Und alles unkomprimiert. An Musiktiteln hat es keinen Mangel – selbst komplette Konzerte der Berliner Philharmoniker sind z. B. in der Digital Concert Hall zu Hause zu hören. Auch in HiRes. Und ohne Plattenwechsel.
Technik nicht barrierefrei
„Heute lebt Hi-Fi vor allem in Nischen für Enthusiasten weiter – etwa bei spezialisierten Musikstreaminganbietern wie Tidal oder Qobuz“, so Steffen Lepa. Doch unkompliziert ist die neue Art des Musikhörens nicht. Eine gute Internetverbindung sollte schon sein. Dazu kommt die Wahl aus diversen Streaming-Angeboten wie Spotify oder Amazon Music, Bluesound Node, Apple Music Classical, Deezer, HiResAudio oder Napster.
Für die Umsetzung gibt es Netzwerkplayer, die Musikstreams oder -downloads empfangen und aus der digitalen in die analoge Welt bringen. WiiM Audio, Eversolo oder Lindemann Audiotechnik aus Wörthsee sind einige Marken. Auch hier gibt es dutzendweise andere. Dumm nur, dass längst nicht alle Geräte die Inhalte aller Anbieter umsetzen.
So spielt HiResAudio längst nicht überall. Immerhin, Lindemann kann – und neben iOS – auch mit Android. Dann freut sich selbst die alte Hitachi-Anlage über die neueste Digitalmusik. Allerdings ist das mit der Titelauswahl so eine Sache. Die sollte auf einem Tablet geschehen. Smartphone geht auch, verlangt aber gute Augen und kleine Finger. Möglich sind auch Streamer-Verstärker-Kombigeräte. Da sind nur die Lautsprecher dran anzuschließen.
Hi-Fi – heute was von und für Spezialisten
Hi-Fi-Vorführstudios leisten sich heute nur noch Händler, die Musikerleben verkaufen. King Music in Berlin, HiFi-Zeile in Worpswede, EternalArts Audio Laboratorium in Hannover-Isernhagen, FineArtsOnly in Wiesenthau, Auditorium in Hamm, Premium Sound in München oder HiFi Klubben bundesweit sind Namen, die man sich merken sollte. Und da sind wir wieder bei Hi-Fi. Ist also doch noch nicht tot. Ebenso wenig wie die gute alte Vinylplatte.
1996 nur noch mit 400.000 Verkäufen dabei, sind es 2015 bereits 2,1 Mio. und 2024 immerhin schon wieder 4,9 Mio., wie der Bundesverband Musikindustrie BVMI angibt. Mit 13,8 Mio. Downloads sowie 236,1 Mrd. Streams ist Musikgeschehen jedoch größtenteils ein Onlinebusiness. Digitalnutzer können 2024 aus 285.000 Klassik-Alben wählen. Und trotzdem bleibt so oder so Musik mit und in höchsten Tönen ein Nischenmarkt.
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