Hitzefest bis 250 °C: Neuer Kunststoff vervierfacht Kondensator-Leistung
Neuer Kunststoff bleibt bis 250 °C stabil und speichert viermal mehr Energie. Was das für E-Autos und Rechenzentren bedeutet.
Ein Polymerkondensator auf einer Leiterplatte: Solche Bauteile liefern schnelle Energiestöße für Leistungselektronik – neue Materialien sollen sie nun bis 250 °C stabil und deutlich leistungsfähiger machen.
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Forschende der Penn State University haben eine Polymerlegierung entwickelt, die bis zu 250 °C stabil bleibt und die vierfache Energiedichte herkömmlicher Polymerkondensatoren erreicht. Durch kontrollierte Unmischbarkeit zweier Hochtemperatur-Kunststoffe entsteht eine Nanostruktur, die Leckströme reduziert und die Dielektrizitätskonstante auf 13,5 erhöht. Das könnte Leistungselektronik in E-Fahrzeugen, Rechenzentren und der Raumfahrt deutlich kompakter und effizienter machen.
Inhaltsverzeichnis
Das Problem mit den herkömmlichen Polymerkondensatoren
Ob Elektroauto, Rechenzentrum oder Raumfahrt: Leistungselektronik muss immer kompakter werden und zugleich höhere Temperaturen aushalten. Ein oft unterschätztes Bauteil spielt dabei eine zentrale Rolle – der Polymerkondensator. Er speichert keine Energie wie eine Batterie über Stunden, sondern liefert in Sekundenbruchteilen hohe Energiestöße. Genau das brauchen Defibrillatoren, Wechselrichter oder Stromrichter in E-Fahrzeugen.
Das Problem: Herkömmliche Polymerkondensatoren geraten bei Hitze an ihre Grenzen. Temperaturen von mehr als 100 °C reichen oft aus, um ihre Leistungsfähigkeit deutlich zu reduzieren. Im Motorraum eines Fahrzeugs oder in dicht gepackten Serverracks werden solche Werte regelmäßig überschritten. Kühlung wird dann zur Pflicht – mit zusätzlichem Aufwand, Gewicht und Kosten.
Das Forschungsteam aus den USA berichtet nun in der Fachzeitschrift Nature über ein Material, das dieses Dilemma auflösen soll. Es basiert auf zwei handelsüblichen Hochtemperatur-Kunststoffen und bleibt bis zu 482 °F stabil – das entspricht rund 250 °C. Gleichzeitig erreicht der neue Kondensator die vierfache Energiedichte herkömmlicher Polymerlösungen.
Warum Hitze für Polymere zum Problem wird
Polymere bestehen aus langen Molekülketten. Sie sind flexibel und leicht, aber empfindlich gegenüber Temperatur. Entscheidend ist die sogenannte Glasübergangstemperatur. Wird sie überschritten, ändert sich das Materialverhalten. Aus formstabil wird weich oder spröde. Die Folge: Dielektrische Eigenschaften verschlechtern sich, Ladungen „lecken“ durch das Material.
Kondensatoren speichern Energie in einem elektrischen Feld. Die entscheidende Kenngröße ist die Dielektrizitätskonstante, oft als K-Wert bezeichnet. Je höher dieser Wert, desto mehr Energie lässt sich pro Volumen speichern. Einzelne Hochtemperatur-Polymere erreichen hier typischerweise Werte unter vier.
Der neue Werkstoff kommt laut den Forschenden auf einen konstanten K-Wert von 13,5 – und das über einen Temperaturbereich von -148 °F bis 482 °F. Das entspricht etwa -100 °C bis 250 °C.
Co-Erstautor Li Li erklärt: „Herkömmliche Polymerkondensatoren müssen gekühlt werden, um zu funktionieren. Unser Ansatz löst dieses Problem und ermöglicht gleichzeitig die vierfache Leistung – oder die gleiche Leistung in einem viermal kleineren Gerät.“
Zwei Kunststoffe, eine neue Struktur
Das Team kombinierte Polyetherimid (PEI), ein Hochleistungskunststoff, der unter anderem in der Medizintechnik eingesetzt wird, mit einem weiteren hitzestabilen Polymer namens PBPDA. Beide Materialien sind kommerziell verfügbar.
Der Trick liegt nicht in einem exotischen Zusatzstoff, sondern im Mischungsverhältnis. Die Polymere sind nur teilweise mischbar. Ähnlich wie Öl und Wasser trennen sie sich in winzige Domänen. Genau diese kontrollierte „Unmischbarkeit“ führt zu einer selbstorganisierten 3D-Nanostruktur.
Guanchun Rui, ebenfalls Co-Erstautor, beschreibt den Ansatz so: „Durch die richtige Steuerung der Unmischbarkeit haben wir – unseres Wissens nach – die erste Polymerlegierung mit diesen äußerst wünschenswerten Eigenschaften erhalten.“
An den Grenzflächen zwischen den Polymerphasen entstehen Barrieren. Sie blockieren mobile Ladungsträger und reduzieren Leckströme. Gleichzeitig bleiben die Molekülketten beweglich genug, um elektrische Energie aufzunehmen, ohne strukturell zu versagen.
Bedeutung für E-Mobilität und Rechenzentren
Für Sie als Entwickler*in in der Leistungselektronik sind zwei Aspekte entscheidend: Temperaturfestigkeit und Energiedichte. Wenn Kondensatoren nicht mehr aktiv gekühlt werden müssen, lassen sich Systeme vereinfachen. Weniger Kühlkörper, weniger Luftführung, weniger Gewicht.
In Elektrofahrzeugen könnten Wechselrichter kompakter werden. In Rechenzentren ließe sich die Leistungsdichte erhöhen, ohne die thermische Belastung weiter zu verschärfen. Auch in der Luft- und Raumfahrt, wo Temperaturzyklen extrem ausfallen, eröffnet das neue Freiheitsgrade.
Korrespondierender Autor Qiming Zhang betont: „Die Dielektrika sind kostengünstig und im Handel erhältlich, der Prozess zur Herstellung großer Mengen ist einfach.“ Damit rückt eine industrielle Skalierung in greifbare Nähe. Für die Polymerkondensatoren wurde bereits ein Patent angemeldet.
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