1000 Jahre verborgen 04.09.2026, 11:39 Uhr

DNA einer 3700 Jahre alten Seuche in mittelalterlichen Büchern gefunden

Forschende finden Schafpocken-DNA in 1000 Jahre alten Handschriften. Pergament und bronzezeitliche Tierzähne enthüllen 3700 Jahre Virusevolution.

Detail einer mittelalterlichen Pergamenthandschrift

Detail einer mittelalterlichen Pergamenthandschrift: In solchen Tierhäuten können sich DNA-Spuren über Jahrhunderte erhalten. Forschende fanden in historischen Pergamenten Erbgut des Schafpockenvirus.

Foto: Cambridge, Trinity College, MS B.10.5, fol. 62v, the Epistles of St Paul, Ireland/Northumbria, 700–800 CE. Reproduced with kind permission of the Master and Fellows of Trinity College Cambridge

Mittelalterliche Handschriften sind nicht nur historische Dokumente. In ihrem Pergament kann auch Erbgut von Krankheitserregern überdauern. Forschende haben darin DNA des Schafpockenvirus gefunden. Zusammen mit bronzezeitlichen Tierzähnen lässt sich die Geschichte des Erregers mehr als 3700 Jahre zurückverfolgen.

Die York Gospels haben rund 1000 Jahre überstanden. Generationen von Menschen haben das reich verzierte Evangelienbuch gelesen, benutzt und aufbewahrt. Nun zeigt sich: Nicht nur die Schrift hat die Jahrhunderte überdauert. Auch im Material selbst stecken Informationen.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des University College Dublin (UCD) hat im Pergament der berühmten Handschrift DNA des Schafpockenvirus nachgewiesen. Weitere Spuren fanden sich in anderen mittelalterlichen Manuskripten aus Großbritannien und Kontinentaleuropa.

Zusammen mit wesentlich älteren Funden aus Tierzähnen konnten die Forschenden 21 bislang unbekannte historische Genome beziehungsweise Genomsequenzen des Virus rekonstruieren. Sie reichen von der Bronzezeit um 1700 v. Chr. bis in die frühe Neuzeit. Die Ergebnisse sind in Science Advances erschienen.

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Warum Pergament DNA konserviert

Pergament besteht nicht aus Papier, sondern aus Tierhaut. Für Bücher und Urkunden wurden vor allem Häute von Schafen, Ziegen und Rindern verarbeitet. Im Material können deshalb noch Jahrhunderte später Proteine und DNA-Fragmente stecken.

Dass solche Informationen erhalten bleiben, hatten Forschende an den York Gospels schon vor einigen Jahren gezeigt. Dabei nutzten sie eine erstaunlich einfache und schonende Methode: Die Oberfläche des Pergaments wird vorsichtig mit einem PVC-Radiergummi abgerieben. Die winzigen Krümel, die dabei entstehen, reichen für biomolekulare Untersuchungen aus. Das wertvolle Dokument muss nicht angeschnitten werden.

Bei früheren Analysen ließ sich auf diese Weise unter anderem bestimmen, von welchen Tierarten die einzelnen Pergamentblätter stammen. Der ursprüngliche Teil der York Gospels besteht fast vollständig aus Kalbshaut. Spätere Ergänzungen aus dem 14. Jahrhundert wurden dagegen aus Schafshaut gefertigt.

Solche Verfahren eröffnen Archiven eine zweite wissenschaftliche Ebene. Ähnlich überraschende Datenspeicher haben Forschende auch an anderer Stelle entdeckt. So konnten alte Luftfilter aus dem Kalten Krieg Jahrzehnte später noch Umwelt-DNA liefern und Veränderungen der Artenvielfalt sichtbar machen. Bei historischen Dokumenten wiederum wird inzwischen sogar nach möglichen DNA-Spuren Leonardo da Vincis gesucht.

Virus-DNA in berühmten Handschriften

Für die neue Untersuchung suchte das Team gezielt nach genetischen Spuren von Capripoxviren. Dazu gehören das Schafpockenvirus, das Ziegenpockenvirus und das Lumpy-Skin-Disease-Virus bei Rindern.

Insgesamt wurden Daten von 754 Proben aus einem Zeitraum von mehr als 14.000 Jahren untersucht. Dazu gehörten archäologische Tierknochen und Zähne ebenso wie historische Pergamente. Am Ende konnten die Forschenden 21 bislang unbekannte alte Genome beziehungsweise Genomsequenzen des Schafpockenvirus in ihren Datensatz aufnehmen.

Unter den mittelalterlichen Fundstücken befinden sich mehrere historisch bedeutende Handschriften. Dazu zählen neben den York Gospels das sogenannte Corpus Glossary aus Cambridge, eines der ältesten erhaltenen englischen Wörterbücher, sowie eine Handschrift mit Paulusbriefen aus dem 8. Jahrhundert.

Bei mehreren Manuskripten tauchte das Erbgut des Virus auf unterschiedlichen Pergamentblättern auf. Das spricht dafür, dass die Funde kein Einzelfall sind. Was sie genau über die Tiere aussagen, ist allerdings komplizierter.

Eine Seite der rund 1000 Jahre alten York Gospels. Das Pergament besteht aus Tierhaut – und bewahrt neben Schrift und Verzierungen auch biologische Spuren: Forschende konnten darin DNA des Schafpockenvirus nachweisen.
Foto: Cambridge, Trinity College, MS B.10.5, fol. 62v, the Epistles of St Paul, Ireland/Northumbria, 700–800 CE. Reproduced with kind permission of the Master and Fellows of Trinity College Cambridge

Wie kommt ein Schafvirus auf Kalbshaut?

Einige der interessantesten Virusspuren stammen aus Pergament, das nicht aus Schafshaut gefertigt wurde. SPPV-DNA fand sich auch auf Kalbs- und Ziegenpergament. Gerade bei den York Gospels ist das wichtig: Die positiv getesteten Blätter aus dem ursprünglichen Evangelienbuch bestehen aus Kalbshaut. Daraus folgt nicht automatisch, dass die betreffenden Kälber mit dem Schafpockenvirus infiziert waren.

Denkbar ist vielmehr, dass Virusmaterial während der Pergamentherstellung übertragen wurde. Tierhäute wurden unter anderem gemeinsam eingeweicht und in Kalklösungen behandelt. Dabei könnten Spuren von einer infizierten Schafshaut auf andere Häute gelangt sein. Auch bei der späteren Verarbeitung oder durch den Kontakt benachbarter Seiten wäre eine Übertragung möglich.

Das Virus ist außerhalb des Wirts vergleichsweise widerstandsfähig. Nach Angaben der EU-Kommission kann es in Wolle etwa zwei Monate und in kontaminierten Stallungen bis zu sechs Monate infektiös bleiben.

Die Virus-DNA zeigt, dass Pergament biologische Spuren über Jahrhunderte erhalten kann. Woher diese Spuren im Einzelfall stammen, ist jedoch nicht immer eindeutig. Möglich ist, dass das Tier selbst infiziert war. Ebenso kann das Virus erst bei der Verarbeitung der Häute oder später auf das Pergament gelangt sein. Für die Forschenden sind deshalb auch die Herstellungsbedingungen wichtig. Sie können helfen zu erklären, warum sich Schafpocken-DNA selbst auf Pergament aus Kalbs- oder Ziegenhaut findet.

Die ältesten Spuren sind mehr als 3700 Jahre alt

Für die ältesten Nachweise musste das Forschungsteam noch weiter in die Vergangenheit gehen. Pergament gab es damals noch nicht. Stattdessen untersuchten die Forschenden Zähne von Schafen aus bronzezeitlichen Siedlungen der eurasischen Steppe.

Die bislang älteste genetische Spur stammt aus Myrzhik im heutigen Kasachstan. Das betreffende Tier wird ungefähr auf die Zeit zwischen 1875 und 1645 v. Chr. datiert. Ein weiterer früher Nachweis gelang an einem Fund aus Rublevo-VI im heutigen Russland.

Damit lässt sich das Schafpockenvirus genetisch mehr als 3700 Jahre zurückverfolgen. Frühere Hinweise auf weit zurückliegende Schafpocken-Ausbrüche beruhten vor allem auf historischen Beschreibungen von Krankheiten und ihren Symptomen. Die alten Virusgenome liefern nun einen direkten molekularen Nachweis.

Solche Analysen alter Biomoleküle sind inzwischen zu einem wichtigen Werkzeug der Geschichts- und Evolutionsforschung geworden. Wie viel sich selbst aus wesentlich älterem Material noch herausholen lässt, zeigte zuletzt die Entschlüsselung rund 40.000 Jahre alter RNA eines Wollmammuts.

Was die alten Genome über die Evolution verraten

Die Proben erlauben es den Forschenden, die Entwicklung des Virus über einen ungewöhnlich langen Zeitraum zu vergleichen.

Schafpocken gehören zur Gattung der Capripoxviren. Eng verwandt sind das Ziegenpockenvirus sowie das Lumpy-Skin-Disease-Virus, das vor allem Rinder befällt. Die Berechnungen des Teams deuten darauf hin, dass sich die großen Linien dieser Viren vor etwa 11.500 bis 3700 Jahren voneinander getrennt haben. Der genaue Zeitpunkt hängt vom verwendeten Evolutionsmodell und vom angenommenen Stammbaum der Viren ab.

Dieser Zeitraum fällt teilweise mit großen Veränderungen in der Nutztierhaltung zusammen. Domestizierte Schafe verbreiteten sich über weite Gebiete Eurasiens, später gelangten Populationen aus den Steppenregionen bis nach Europa. Ein Zusammenhang mit der Verbreitung des Virus ist denkbar, aber bislang nicht bewiesen. Dafür fehlen vor allem ausreichend alte Virusproben aus europäischen Schafbeständen.

Das Virus hat sich erstaunlich wenig verändert

Beim Vergleich alter und heutiger Genome fiel dem Forschungsteam noch etwas auf: Das Schafpockenvirus scheint genetisch über Jahrtausende vergleichsweise stabil geblieben zu sein.

Selbst einige Veränderungen an Genen, die für heutige Schaf- und Ziegenpockenviren typisch sind, tauchen bereits in den ältesten untersuchten Proben auf. Nach Ansicht des Teams könnten wichtige Schritte bei der Anpassung der Viren an ihre Wirte deshalb bereits sehr früh stattgefunden haben.

Das ist nicht nur für den Blick in die Vergangenheit interessant. Alte Genome geben Forschenden Vergleichspunkte, mit denen sie nachvollziehen können, welche Eigenschaften eines Erregers über lange Zeit stabil bleiben und wo sich Veränderungen ergeben haben.

Schafpocken gibt es noch heute

Die Krankheit ist keineswegs verschwunden. Schaf- und Ziegenpocken können sich in Beständen schnell ausbreiten und insbesondere bei jungen oder besonders empfänglichen Tieren hohe Verluste verursachen. Zusätzlich sinkt die Produktion von Milch und Wolle, Häute werden geschädigt und Handelsbeschränkungen können erhebliche wirtschaftliche Folgen haben.

Für Menschen besteht dagegen keine Gefahr: Capripoxviren sind nach Angaben der Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH) nicht infektiös für Menschen.

Wie aktuell die Tierseuche in Europa ist, zeigt Griechenland. Die EU-Kommission musste ihre dort geltenden Sofortmaßnahmen im Sommer 2026 mehrfach anpassen. Allein zwischen dem 13. und 30. Juli meldete Griechenland 28 weitere Ausbrüche bei Schafen und Ziegen. Betroffen waren mehrere Regionen des Landes. Am 4. August 2026 erließ die Kommission deshalb erneut geänderte Schutz- und Überwachungsmaßnahmen.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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