Mit KI coden 13.03.2026, 09:30 Uhr

Vibe Coding: Produktivitäts-Booster statt Jobangst?

Wie gelingt es Unternehmen, Ideen in Echtzeit umzusetzen? Vibe Coding zeigt, wie Mitarbeitende ohne IT-Kenntnisse selbst Applikationen entwerfen – und welche Chancen das für Mittelstand und Teams eröffnet.

Menschen arbeiten am Computer

Vibe Coding steht für einen neuen Workflow: Ideen formulieren, KI generieren lassen, testen und weiterentwickeln.

Foto: Smarterpix/AndreyPopov

Über Jahrzehnte hinweg wurde die deutsche Wirtschaft mit industrieller Präzision, einem starken Mittelstand und exportorientierter Industrie identifiziert. Maschinenbau, Automobilproduktion und Ingenieurskunst bildeten das Fundament ihres Erfolgs. Doch im Jahr 2025 hat sich der Fokus zunehmend von Produktionshallen und Fertigungsstraßen hin zu Softwareentwicklung verschoben – insbesondere auf einen Ansatz, der unter dem Begriff „Vibe Coding“ bekannt ist.

Andi Wienold, Regional Vice President DACH der Arbeitsmanagement-Plattform monday.com, kennt die Transformation digitaler Arbeitsprozesse aus erster Hand und beobachtet, wie Software die Zusammenarbeit in Unternehmen verändert.

Er bringt umfassende Erfahrung aus seinen beruflichen Stationen mit: „Bei Zoom und Twilio habe ich zum ersten Mal erlebt, wie stark offene, cloud-native Plattformen verändern können, wie Menschen und Teams zusammenarbeiten. Heute sehen wir mit Vibe Coding die nächste Entwicklung: KI ermöglicht es erstmals auch Mitarbeitenden ohne Programmierkenntnisse, eigene Applikationen zu bauen und das entlastet besonders den Mittelstand“.

Sein Fazit: Vibe Coding sei mehr als ein Trend: Es beschleunige Entwicklungsprozesse und verändere gleichzeitig die Art und Weise, wie Teams Aufgaben angehen.

Praxisbeispiel: Employee-Feedback-App in Minuten statt Wochen

Wienold schildert ein konkretes Beispiel aus seinem Arbeitsalltag: Ein Kollege  hat in sehr kurzer Zeit selbst eine kleine App gebaut, um Feedback von Mitarbeitenden für die jährlichen Mitarbeitergespräche einzuholen. Ziel war es, ein strukturiertes 360-Grad-Feedback zu sammeln, inklusive Bewertungen von Peers, Teammitgliedern und weiteren Kollegen.

Anstatt die IT-Abteilung einzubinden oder ein externes Tool zu nutzen, formulierte er seine Anforderungen an eine KI:

  • Umfrage mit mehreren Fragen und Bewertungsskalen
  • Optional anonymes Feedback
  • Automatische Zusammenfassung der Ergebnisse
  • Report mit den wichtigsten Erkenntnissen pro Mitarbeiter

„Er hat der KI einfach erklärt, was er möchte: eine App, mit der Kollegen Feedback geben können, inklusive Bewertung, Kommentarfeldern und einer automatischen Zusammenfassung für ihn als Führungskraft“, so Wienold.

Die KI generierte die App, die direkt von den Kolleginnen und Kollegen genutzt werden konnte. Der entscheidende Unterschied liege nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern auch in der neuen Form der Zusammenarbeit

Wienold hebt hervor, dass Innovation früher lange Prozesse erforderte: Idee, Business Case, IT-Ressourcen, Entwicklungszeit. Heute könne ein Mitarbeiter eine Idee direkt ausprobieren und sehen, ob sie funktioniert.

Vibe Coding im Mittelstand: Neue Innovationskultur und Mitarbeiterbeteiligung

Für mittelständische Unternehmen eröffnen sich dadurch völlig neue Möglichkeiten: Mitarbeitende können eigene Arbeitsprozesse digitalisieren, ohne auf IT-Ressourcen oder die Umsetzung aufwendiger IT-Projekte  warten zu müssen.

Wienold erläutert, dass viele der besten Ideen im Arbeitsalltag entstehen, aber früher oft an fehlender Zeit oder Ressourcen scheiterten. Mit Vibe Coding könne ein Mitarbeiter nun selbst Lösungen bauen.

„Wenn Mitarbeiter plötzlich sehen, dass ihre Ideen wirklich umgesetzt werden können, entsteht eine ganz andere Dynamik. Die Leute sind stolz darauf, wenn sie sagen können: ‚Diese App habe ich gebaut – und jetzt nutzen sie alle im Unternehmen.’“

Für ihn ist genau das der entscheidende Punkt: Vibe Coding beschleunigt nicht nur Softwareentwicklung – es verändert auch Motivation, Kreativität und Verantwortung in Teams.

Vom Syntax-Paradigma zum Intentions-Modell

Vibe Coding ermöglicht eine dialogbasierte Arbeitsweise, bei der Software primär durch natürliche Sprache entsteht. Der Mensch formuliert die Intention, die KI übersetzt sie in lauffähige Logik.

Wienold beschreibt, dass sich die zentrale Frage vom reinen Programmieren hin zu: „Was soll die Anwendung leisten?“ verschiebt. Dieser Paradigmenwechsel verändere nicht nur die Technik, sondern auch die Dynamik innerhalb von Teams.

Andi Wienold, Regional Vice President DACH bei monday.com, sieht Vibe Coding als Chance für mehr Innovation und Produktivität in Unternehmen. Foto: monday.com

Fachkräftemangel in Deutschland: Vibe Coding als Produktivitätsmultiplikator

Der Mangel an IT-Fachkräften gilt seit Jahren als eine der größten Bremsen für die Digitalisierung in Deutschland, mit über 100.000 unbesetzten IT-Stellen in Softwareentwicklung, Cloud-Architektur und Cybersecurity.

Vibe Coding wirkt hier als produktivitätssteigernder Ansatz: Statt auf klassische Entwicklungsprojekte zu warten, können Fachbereiche mithilfe von KI eigene Anwendungen erstellen – etwa für interne Workflows, Datenauswertungen oder Feedbackprozesse. Dadurch entstehen Prototypen und kleine Applikationen oft innerhalb weniger Tage statt in mehreren Monaten.

Wienold betont, dass Unternehmen angesichts des Fachkräftemangels ihre Produktivität steigern müssen und KI-gestützte Entwicklung heute eine strategische Notwendigkeit sei.

Er weist darauf hin, dass KI die Produktivität der Teams erhöht, Entwickler aber nicht ersetzt. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus vieler IT-Teams stärker auf Architektur, Integration und Qualitätssicherung. Fachbereiche können erste Lösungen selbst entwickeln, während die IT dafür sorgt, dass diese sicher, skalierbar und in bestehende Systeme integrierbar sind, gerade für kleinere Teams.

Sicherheit und Verantwortung beim Einsatz von Vibe Coding

Trotz aller Geschwindigkeit sieht Wienold Herausforderungen beim Einsatz von KI-generiertem Code. Unternehmen müssen Sicherheit, Architektur und Governance weiterhin beachten.

Wienold betont, dass die Plattform sicher sein müsse. Die Kreativität der Mitarbeiter sei wichtig, gleichzeitig müssten Datenschutz, Compliance und Governance gewährleistet sein.

Rollenbilder im Wandel durch KI-gestützte Entwicklung

Der Einsatz von KI verändert die Rollen innerhalb von IT-Teams: Standardaufgaben wie das Schreiben von Code oder das Aufsetzen einfacher Anwendungen werden automatisiert, während Entwicklerinnen und Entwickler sich zunehmend auf Architekturfragen und Integration konzentrieren.

Wienold unterstreicht, dass Vibe Coding die Produktivität der Menschen erhöht, aber ihre Arbeit nicht ersetzt. Mitarbeiter können sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren und gleichzeitig eigene Lösungen bauen.

Neue Spezialisierungen entstehen: AI Software Engineer, Prompt Architect oder KI-Reviewer. IT-Abteilungen agieren zunehmend als Enabler statt als reine Kontrollinstanz.

Vibe Coding als Schlüssel für Produktivität, Innovation und Resilienz

Vibe Coding verändert nicht nur wie Herausforderungen mit eigens erstellen Applikationen gelöst werden können sondern auch Denkstrukturen innerhalb von Teams und Unternehmen.

Für den deutschen Mittelstand bedeutet das: Wer Vibe Coding strategisch einsetzt, gewinnt Tempo, Innovationskraft und Resilienz. Die Fähigkeit, menschliche Intention in maschinelle Intelligenz zu übersetzen, ist entscheidend – und Vibe Coding ist der Schlüssel dazu.

In sechs Schritten zum ersten Vibe Coding Erfolg 

Beim Vibe Coding beschreiben Nutzer und Nutzerinnen ihre Idee in natürlicher Sprache, eine KI übersetzt diese Anforderungen in funktionierende Software oder einzelne Funktionen. Mit diesen Schritten gelingt der Einstieg:

  • 1. Mit einem klaren Anwendungsfall starten
    Für den Einstieg eignen sich einfache interne Anwendungen, etwa eine Feedback-Abfrage, ein Workflow oder ein kleines Reporting-Tool.
  • 2. Ziel präzise beschreiben
    Je klarer die Anweisung, desto besser das Ergebnis. Gute Prompts enthalten Zweck, Nutzergruppe und gewünschte Funktionen.
  • 3. Prototyp entwickeln und verbessern
    Die erste Version dient als Ausgangspunkt. Funktionen lassen sich anschließend im Dialog mit der KI erweitern oder anpassen.
  • 4. Ergebnisse testen
    Vor dem Einsatz sollte geprüft werden, ob die Anwendung korrekt funktioniert und Ergebnisse plausibel sind.
  • 5. Datenschutz beachten
    Sobald sensible Daten betroffen sind, müssen Zugriffsrechte, Datenschutz und Governance berücksichtigt werden. Daher sollte darauf geachtet werden, dass Plattformen verwendet werden, die eine solche Umgebung ermöglichen, wie beispielsweise monday.com.
  • 6. IT einbinden
    Fachbereiche können Prototypen entwickeln, während die IT Integration, Sicherheit und Skalierung unterstützt.

Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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