Warum Ihre Karriere viele Tentakel braucht
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt tiefgreifend. Welche Kompetenzen entscheidend sind, um KI sinnvoll einzusetzen, bleibt für viele noch offen.
Zukunftskompetenzen im Zeitalter der KI: Lernen, Experimentieren und kritisches Denken entscheiden über den Erfolg der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.
Foto: PantherMedia / Gorodenkoff
KI verändert Arbeit – aber nicht von selbst
Künstliche Intelligenz gilt als zentraler Treiber der Transformation von Wirtschaft und Arbeitswelt. Doch der erwartete Produktivitätsschub bleibt in vielen Unternehmen bislang aus. Der Grund: Technologie allein reicht nicht.
Im Rahmen eines Impulses zum Thema Future of Learning machte Dr. Daniela Vogel, Gruppenleiterin für Strategy & Transformation Management am Fraunhofer-Institut für Entwurfstechnik Mechatronik IEM, deutlich, worauf es wirklich ankommt: „Produktivität entsteht nicht durch KI allein, sondern durch die richtigen Kompetenzen und Rahmenbedingungen.“
Damit verschiebt sich der Fokus: Weg von der Frage, was KI kann – hin zu der Frage, wie Menschen mit ihr arbeiten.
Der Oktopus: Ein neues Leitbild für Kompetenzen
Ein zentrales Bild aus dem Vortrag bleibt besonders hängen: der Oktopus. Für Daniela Vogel beschreibt er die Zukunft der Arbeit prägnanter als jedes klassische Kompetenzmodell. „Wir entwickeln uns hin zu einem Oktopus – mit vielen Tentakeln, die in unterschiedliche Wissensbereiche reichen“, sagte sie am Rande der TRANSFORM, in der Session AK Future of Learning: Bedeutung von Lernen und Qualifizierung für die KI-Transformation.
Der Arbeitskreis widmete sich genau dieser Frage: Welche Rolle spielen Lernen und Qualifizierung in der KI-Transformation? Im Fokus stand, wie Unternehmen und Organisationen ihre Mitarbeitenden befähigen können, KI sinnvoll einzusetzen – und warum ohne gezielte Kompetenzentwicklung selbst die beste Technologie ihr Potenzial nicht entfaltet.
Der AK Future of Learning ist das zentrale Gremium der Digitalwirtschaft rund um die Weiterentwicklung von Lernen und den Einsatz digitaler Lerntechnologien.
Die Metapher mit dem Oktopus steht für eine Arbeitswelt, in der Menschen sich flexibel zwischen Themen bewegen, unterstützt durch KI. Statt linearer Karrieren und klar abgegrenzter Fachgebiete entstehen dynamische Kompetenzprofile.
Doch genau daraus ergibt sich eine neue Herausforderung: Wer sich in viele Richtungen entwickeln kann, braucht Orientierung. Und genau hier kommen die sogenannten Future Skills ins Spiel.
Future Skills: Die entscheidenden Kompetenzen im KI-Zeitalter
Die Zusammenarbeit mit KI verändert nicht nur Prozesse, sondern auch die Anforderungen an Mitarbeitende. Laut Dr. Daniela Vogel sind es vor allem drei übergeordnete Faktoren, die den Unterschied machen: Lernkultur, Eigenverantwortung und kritisches Urteilsvermögen. „KI kann eine Kollegin sein – aber wir müssen lernen, richtig mit ihr zu arbeiten.“
Diese Perspektive ist entscheidend: KI wird nicht als Ersatz verstanden, sondern als Ergänzung. Damit sie produktiv wirkt, braucht es jedoch konkrete Fähigkeiten.
- Neugier und Lernbereitschaft: Der Wille, neue Technologien aktiv auszuprobieren
- Eigenverantwortung: Bewusste Steuerung des eigenen Lern- und Arbeitsprozesses
- Fehlertoleranz: Umgang mit unperfekten Ergebnissen
- Zielklarheit: Fähigkeit, präzise Anforderungen zu formulieren
- Kritisches Denken: Ergebnisse hinterfragen und einordnen
Diese Kompetenzen bilden die Grundlage für eine effektive Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.
Zwischen Komfortzone und Überforderung
Ein zentrales Hindernis auf dem Weg dorthin ist die menschliche Reaktion auf Veränderung. Viele Mitarbeitende verharren entweder in gewohnten Routinen oder fühlen sich durch die Dynamik der KI-Entwicklung überfordert.
„Menschen sind Gewohnheitstiere – und Veränderung fällt uns schwer“, sagte die Expertin. Dabei verweis sie auf drei typische Zustände: Komfortzone, Panikzone und Lernzone. Nur in letzterer entsteht nachhaltige Entwicklung. „Wir müssen Mitarbeitende in die Lernzone bringen – herausfordern, aber nicht überfordern.“
Denn: KI kann dabei als Lernbeschleuniger wirken – vorausgesetzt, sie wird bewusst eingesetzt.
Unternehmen müssen Rahmenbedingungen schaffen
Die Entwicklung dieser Kompetenzen ist keine rein individuelle Aufgabe. Organisationen tragen eine zentrale Verantwortung, geeignete Strukturen zu schaffen.
Daniela Vogel beschreit es so: „Wenn KI strategisch gewollt ist, müssen auch Freiräume zum Lernen geschaffen werden.“ Ein häufiges Missverständnis besteht aber darin, dass KI sofort Effizienz bringt. In der Realität bedeutet ihre Einführung zunächst Mehraufwand. „Am Anfang steht oft Verlangsamung – erst später kommt die Beschleunigung.“
Unternehmen, die diesen Prozess akzeptieren und aktiv gestalten, schaffen die Basis für nachhaltigen Erfolg.
Lernen passiert im Tun
Im anschließenden Austausch wurde deutlich, dass die Herausforderungen im Alltag sehr konkret sind. Ein zentrales Thema war die Fähigkeit, mit KI zu kommunizieren – also präzise Anfragen zu formulieren.
Die pragmatische Antwort: „Man kann KI nutzen, um bessere Prompts zu schreiben – Lernen passiert im Tun.“ Impulse kommen aus der Belegschaft selbst. Mitarbeitende experimentieren, entwickeln neue Fähigkeiten und treiben Innovation voran.
Auch der Faktor Zeit spielte eine große Rolle. Gerade im Arbeitsalltag fehlt oft die Möglichkeit, neue Technologien auszuprobieren. Denn: Lernen mit KI darf nicht in die Freizeit ausgelagert werden.
Ohne Kompetenzen keine KI-Transformation
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt tiefgreifend – aber ihr Potenzial entfaltet sich nur dort, wo Menschen die nötigen Kompetenzen entwickeln.
„KI kann ein enormer Katalysator für Lernen sein – wenn wir sie richtig nutzen“, resümiert Vogel.
Der Schlüssel liege in einer neuen Lernkultur, die Neugier, Eigenverantwortung und kritisches Denken fördert. Erst dann wird aus Technologie echte Transformation.
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