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Ist die additiven Fertigung ein Kriegsgewinnler? 16.04.2026, 12:00 Uhr

Welche Rolle 3D-Drucker im Krieg spielen

Sind 3D-Drucker Friedensstifter? Oder potenzielles Kriegsgerät? Im Podcast-Interview gaben zwei Experten klare Antworten: Dr. Sascha Hartig, AM-Sachverständiger der Deutschen Marine sowie Stefan Ritt, Grandseigneur der internationalen Anwender-Szene. Hier ein kleiner Auszug.

Fliegende Kiste Airdrop

Die „fliegende Kiste“ (links unten!) wurde vom norwegischen Start-up Fieldmade entwickelt. Der enthaltene 3D-Drucker ist angeblich knapp 30 Minuten nach dem Abwurf einsatzbereit. Das Transportflugzeug, ein Airbus A400M, enthält seinerseits gedruckte Teile – u.a. im Cockpit.

Foto: Fieldmade

Das US-Kriegsministerium hat das Jahresbudget für die additive Fertigung (Additive Manufacturing, AM) gerade um 83 % erhöht. Ist AM also ein Kriegsgewinnler? Dazu erklärt Kapitänleutnant Dr.  Sascha Hartig: „In militärischen Konflikten kann die Technologie ihre Vorteile sehr gut ausspielen: Sie funktioniert am Ort des Bedarfs und ist vergleichsweise einfach in der Handhabung. Soldaten können schnell Interimsbauteile herstellen, vor allem aus Kunststoffen. AM verkürzt die Supply-Chain deutlich. Und in Fachkreisen ist bekannt: Der Krieg wird nicht an der Front gewonnen, sondern in der Logistik. Also, ja: AM profitiert von den aktuellen Konflikten.“

Dr. Sascha Hartig ist „Sachgebietsleiter Grundsatz Schiffstechnik & Additive Fertigung“ bei der Deutschen Marine im Marineunterstützungskommando. Foto: Hartig

Stefan Ritt ergänzt: „Vorteil der Technologie ist vor allem auch ihre Mobilität. Desktop-Drucker und Stromaggregate lassen sich täglich – oder gar stündlich – neu positionieren. Bei Fabriken mit Spritzgussmaschinen ist das nicht so. Das Ergebnis sehen wir allabendlich in den Nachrichten: Gezielte Angriffe auf Industriegebiete.“

Stefan Ritt hat über 30 Jahre lang in verschiedenen AM-Unternehmen und Initiativen gearbeitet. Heute ist er selbstständiger Berater. Foto: Ritt

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Befragt nach aktuell produzierten Bauteilen mit Militärbezug erklärt Ritt: „Sehr praktisch ist eine Umschaltbox für Piloten des Airbus A400M: Wenn diese zwischen Sprechkreisen wechseln, müssen sie keine Kabel mehr umstecken. Geswitcht wird jetzt per Knopfdruck. Das benötigte Device wird in einer zylindrischen Form gedruckt. So passt es genau in eine Getränkehalterung, die serienmäßig im Flugzeug verbaut ist.“

Hartig ergänzt: „Oft geht es auch – wie in der Ukraine zu sehen – um die Adaption beziehungsweise Umrüstung von Bauteilen und Wirkmitteln. Beispielsweise werden Finnen für Granaten additiv hergestellt. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Sprengkörper gezielt von Drohnen abwerfen. Oder es werden Funkantennenadapter gedruckt, um Antennen – und somit Frequenzen – schnell wechseln zu können. Solche Teile werden inzwischen ganz selbstverständlich eingesetzt. Viele Soldaten wissen dabei gar nicht, dass sie aus einem Drucker stammen.“

Müssen 3D-Drucker wie Waffen reglementiert werden?

Auf die Frage, ob 3D-Drucker Gefahr laufen, irgendwann selbst als Kriegsgerät eingestuft und starker Reglementierung unterworfen werden, antwortet Ritt: „Tatsächlich gibt es aktuell entsprechende Überlegungen im Bundesstaat New York und in Teilen Kaliforniens. Hintergrund: Die Amerikaner lieben frei verkäufliche, halbautomatische Waffen. Das Problem daran: Mit wenigen gedruckten Kunststoffteilen werden daraus funktionale vollautomatische Gewehre. Diese kleinen Teile haben sogar schon einen eigenen Namen: ,Machine Gun Conversion Devices‘, kurz MCD‘s.“

Dazu Hartig: „Kürzlich hörte ich zum Thema einen Vortrag vom US-Department of Justice. Demnach gibt es viele Waffenteile, die ohne einen persönlichen Hintergrundcheck legal gekauft werden dürfen, etwa Handläufe. Bis zu einer kompletten Waffe fehlen dann nur wenige Komponenten, etwa der Verschluss – oder eben die MCD‘s. Doch dazu gibt es Druckanleitungen. Allerdings sind diese getarnt als Break-away-Support-Struktur für ein völlig harmloses Bauteil. Kurzum: Es ist gerade ein schwieriges Katz- und Maus-Spiel…“

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Viele namhafte Druckerhersteller haben ihre Wurzeln in Deutschland. Hierzulande ist das Militär-Thema aber – historisch bedingt – schwierig. Wie also agieren hiesige Druckerhersteller? Hartig meint: „Es hat ein Mindset-Change stattgefunden. Kaum noch eine Firma sagt, dass sie keine Technologie an die Truppe liefern will. Und dabei geht es nach meiner Einschätzung gar nicht vordergründig um Geld. Vielmehr hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Frieden ohne eigenes Zutun nicht garantiert ist.“

Ritt ergänzt: „Auch politisch hat sich hier etwas bewegt: In der letzten Bundesregierung gab es für internationale Geschäfte, die dem Militär dienen, keine Hermes-Bürgschaften. Außerdem: Sowohl für Aktiengesellschaften als auch für Investoren gab es Auflagen. Das ist jetzt anders.“

Neue Initiative „Additive Manufacturing Defence Network“ will Europas Wehrfähigkeit stärken

Hartig und Ritt zählen zu den Mitgründern des jungen „Additive Manufacturing Defence Network“, kurz AMDefNet. Auf die Frage, welchem Zweck es dient, antwortet Hartig: „Wir sind der Überzeugung, dass die Einzelstrategien der europäischen Länder kombiniert werden sollten. Noch fehlt es an einem Ort, an dem Militärexperten sich gemeinsam mit OEMs austauschen können. Im AMDefNet soll diskutiert werden, was gut funktioniert hat – und was nicht. Man muss Fehler schließlich nicht unbedingt wiederholen. Die Akteure sollen gemeinsam neue Fähigkeiten entwickeln, praxisorientiert. Und Ritt: „Langfristig soll dieser Ansatz über das Militär hinaus gehen. Wir wollen die Polizei und den Zivilschutz, also etwa Feuerwehren und THW, einbeziehen. Denn auch dort gibt es regelmäßig kurzfristigen Ersatzteilbedarf. Eine Mitarbeit beziehungsweise Mitgliedschaft ist daher jedem Marktteilnehmer nur zu raten. Vernetzung schadet ja nur dem, der keine hat, oder?“

Das gesamte Interview wird abgedruckt in der kommenden Ausgabe der VDI-Z. Auch in den VDI nachrichten wird es zeitnah erscheinen. Bereits jetzt zu hören ist es hier:

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