Inbetriebnahme von EVA 2: GMH-Gruppe investiert weiter in klimaneutrale Stahlproduktion
Das Stahlwerk in Georgsmarienhütte bei Osnabrück wird schrittweise klimafreundlicher. Das Unternehmen hat nun den nächsten Schritt getan und seine zweite vollständig mit Strom betriebene Einzelstabvergütungsanlage eingeweiht.
Ein Stahlstab, den Induktionsspulen in Georgsmarienhütte glühend heiß erhitzen; je nach Kohlenstoffgehalt auf 840 bis 940 °C.
Foto: GMH Gruppe
Feierliche Inbetriebnahme der EVA 2 in Georgsmarienhütte
Am 17. März 2026 um 13:02 Uhr fiel der Startschuss für die zweite induktive Einzelstabvergütungsanlage (EVA 2) der Georgsmarienhütte GmbH. Sechs Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wirtschaft drückten gemeinsam den Startknopf. In der neuen Anlage werden Stahlstäbe künftig auf einer Länge von 80 m vergütet – das umfasst das Erwärmen, Abschrecken und Anlassen des Materials. Mit EVA 2 erweitert das Unternehmen seine Produktionskapazitäten und setzt zugleich auf moderne, effiziente Verfahren in der Stahlverarbeitung.
Investition in klimaneutrale Stahlproduktion
Alexander Becker, Vorstandsvorsitzender der GMH-Gruppe, betont: „Wir engagieren uns damit für den Industriestandort Deutschland und treiben gleichzeitig die Transformation hin zu einer klimaneutralen Stahlproduktion voran.“ Die Entscheidung für die Anlage fiel nicht leicht: Aufgrund der unsicheren politischen Rahmenbedingungen im Jahr 2024 wurde das bereits 2022 mit der ersten Anlage (EVA 1) geplante Projekt nochmals überprüft. Becker erklärt: „Doch letztlich haben wir uns entschieden, mit EVA 2 ins Risiko zu gehen.“

Verena Lauber, Leiterin des Referats „Förderprogramme Dekarbonisierung der Industrie“ im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Dagmar Bahlo, Bürgermeisterin der Stadt Georgsmarienhütte, Anne-Marie Großmann, als Vorstandsmitglied der GMH Gruppe für die Unternehmensentwicklung zuständig, sowie Marc-Oliver Arnold, Geschäftsführer der Georgsmarienhütte GmbH. Foto: GMH-Gruppe
Blick zurück: Elektrifizierung und Ökostrom als Schlüssel zur Transformation
Im Jahr 2020 hat sich die GMH-Gruppe mit Hauptsitz in Georgsmarienhütte das Ziel gesetzt, 2039 Stahl klimaneutral herzustellen. Der zentrale Hebel: Elektrifizierung ergänzt um zertifizierten Ökostrom. Dabei begann die Transformation schon früher: Bis 1994 wurden im Hauptwerk Georgsmarienhütte mit einem Hochofen rund 4 Mio. t CO2 freigesetzt und im selben Jahr wurde die Metallurgie auf einen Gleichstrom-Elektrolichtbogenofen umgestellt, der ersten seiner Art in Europa. Seitdem wird Stahl im Süden von Osnabrück fast vollständig aus recyceltem Schrott hergestellt. Die Folge: Die CO2-Emissionen sanken seitdem auf jährlich 800 000 t. Allerdings verbraucht dieser Ofen rund 0,1 % des gesamten deutschen Stromverbrauchs.
Bis 2030 will das Unternehmen die Emissionen auf 400 000 t halbieren. Dazu hat das Unternehmen in den vergangenen vier Jahren rund 300 Mio. € in die Hand genommen und viele Anlagen elektrifiziert, Produktionsprozesse optimiert und damit auch Energieverbräuche reduziert. Die beiden neuen Einzelstabvergütungsanlagen tragen dazu bei: EVA 1 seit März 2024, EVA 2 seit März 2026. Durch diese Anlagen kann die Unternehmensgruppe in Georgsmarienhütte jährlich vermutlich mehr als weitere 5 000 t CO2 einsparen. Zudem will das Unternehmen zu 100 % auf zertifizierten Ökostrom zurückgreifen. Aktuell beträgt der Grünstromanteil gruppenweit 35 %. Die GMH-Gruppe ist zudem transparent bezüglich der Treibhausgas-Emissionen: Für jedes Produkt, dass das Werk verlässt, erstellt es nach einer vom TÜV Süd zertifizierten Methodik einen CO2-Fußabdruck, einen „Product Carbon Footprint“ (PCF).
EVA 1 und 2: elektrisch zu hochfesten Qualitätsstählen
Beide Einzelstabvergütungsanlagen sind grundsätzlich gleich aufgebaut, unterscheiden sich aber in einem Punkt: Bei EVA 1 werden Stäbe mit einem Durchmesser von 20 bis 60 mm und in EVA 2 von 35 bis 100 mm vergütet. Zusammen erreichen beide Anlagen eine Gesamtkapazität von rund 35 000 t vollständig elektrisch wärmebehandeltem Stahl pro Jahr. Der Bau dieser Anlagen kostete 21,5 Mio. €. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hat mit 2,2 Mio. € aus dem Förderprogramm „Dekarbonisierung in der Industrie“ ein gutes Zehntel übernommen, ein Teil hiervon stammt aus dem EU-Fonds „NextGenerationEU“.

Der beiden Einzelstabvergütungsanlagen werden elektrisch betrieben und arbeiten induktiv. Jeder Stab mit einer Länge von bis zu 10 m wird einzeln in die Anlage geführt und dann auf Rollen langsam über die 80 m lange Strecke geführt. Dabei werden sie zuerst durch Induktionsspulen je nach Kohlenstoffgehalt auf 840 bis 940 °C erwärmt (gehärtet), danach mit einer Wasserdusche auf rund 40 °C abgeschreckt und bei 550 bis 670 °C angelassen, bevor sie als gerade Stäbe die Anlage verlassen. Dieser Prozess dauert pro Stab zwischen 30 und 90 Minuten.
EVA’s Vorteile
Die beiden Anlagen ersetzen den Ofen 21. Die Stäbe wurden dort mit Erdgasbrennern erhitzt und mussten nachträglich gerichtet und begradigt werden. Die beiden Anlagen haben weitere Vorteile:
- Die Vergütung läuft stabiler. So entfällt aufgrund der Geradheit jedes einzelnen Stabs nach dem Anlassen der Schritt des „Vorrichtens“. Es fällt weniger Zunder an und es sind keine Ofenstillstände für die Reinigung des Abschreckbeckens an Ofen 21 notwendig.
- Die Produktqualität ist höher: Auf einen Stahl bezogen liegen die mechanischen Eigenschaften bei vergleichbaren Eingangsparametern höher. Dadurch kann es möglich sein, einen Stahl durch einen niedriger legierten Stahl zu ersetzen.
- Die Arbeitssicherheit wurde, da alle Prozessschritte automatisch verlaufen, deutlich verbessert.
Nachfrage steigt
Diese neue technologische Fähigkeit kommt bereits gut an, weiß Becker. Aus vergüteten hochbelastbaren Stahlstäben aus der EVA 1 werden etwa Befestigungselemente für Windkraftanlagen, Komponenten für Förder- und Industriesysteme oder Lenkungselemente in Fahrzeugen hergestellt. Und mit der zweiten Anlage erweitert das Unternehmen sein Produktportfolio auf Produkte mit dickerem Durchmesser. Auch hier gibt es bereits Aufträge und das Unternehmen erwartet, bald auch diese Anlage auslasten zu können.

Bessere Rahmenbedingungen
Mit der Fertigstellung ihrer zweiten induktiven Einzelstabvergütungsanlage bekräftige die GMH-Gruppe ihre langfristige Strategie: die Kombination von technologischer Innovation, industrieller Leistungsfähigkeit und glaubwürdigem Klimaschutz, so Geschäftsführer Becker. „Damit unterstreicht sie ihre Rolle als widerstandsfähiger Industriekonzern in Familienbesitz, der konsequent in die Zukunft einer nachhaltigen Stahlproduktion in Europa investiert“, so Becker. Er ergänzt, dass wettbewerbsfähige und zuverlässige Energieversorgung für den Erfolg nicht nur für die GMH-Gruppe unerlässlich blieben.
In diesem Sinne hat Landrätin Anna Kebschull während der feierlichen Eröffnung drei Forderungen an die Politik gestellt, die erfüllt sein müssen, sollen klimafreundliche Stahl, Schmiede- und Gussprodukte weiterhin in Deutschland und Europa hergestellt werden:
- Strom aus Erneuerbaren ist schneller und verlässlicher in die Fläche zu bringen als bisher. Das betrifft neben der Erzeugung auch die Netze, die Anschlusskapazitäten und die Genehmigungen.
- Diejenigen, die in die Transformation investitierten, dürfen nicht bestraft werden. Wer wie die GMH-Gruppe Millionen Euros in CO₂-Minderung steckt, braucht neben finanziellen Förderungen vor allen Dingen langfristig klare und verlässliche Rahmenbedingungen, die nicht alle zwei Jahre neu verhandelt werden.
- Bürokratie und Berichtspflichten sind so zu gestalten, dass sie Klimaschutz und ökonomische Weiterentwicklung ermöglichen und nicht Kapazitäten binden, die für Technik, Instandhaltung, Qualifizierung und Innovation gebraucht werden.
Würde die Politik dies sicherstellen, so Kebschull, würde nicht nur die GMH-Gruppe ihr Ziel, von 2039 an THG-neutral herzustellen, sicher einhalten können, sondern − und das ist noch viel entscheidender − der Wirtschaftsstandort Deutschland gesichert werden.




