Nordsee: Wind und Erdgas Hand in Hand?
Energiewelten prallen in der Nordsee aufeinander. Ein Unternehmen fördert vor Borkum Erdgas - neben einem Offshore-Windpark. Doch dagegen klagen Umweltschützerinnen und Umweltschützer. Sie wollen wertvolle Ökosysteme schützen. Doch jetzt hat der niederländische Erdgasförderer vor Gericht einen Etappensieg errungen.
Fünf der 30 Windräder des Windparks Riffgat vor der Küste Borkums.
Foto: EWE
Erdgas wird seit den 1960er-Jahren in der Nordsee gefördert. Die erste Erdgasplattform, die von einem Strand in Deutschland bei klarem Wetter zu sehen ist, steht jetzt 20 km nordwestlich von Borkum. Ebenso zu sehen ist dort der Offshore-Windpark Riffgat mit 30 Windkrafträdern, 15 km von der Insel entfernt. Der Abstand zwischen Plattform und westlichstem Windrad: rund 9 km.
Doch dies Erdgasprojekt des Konzerns One-Dyas aus Amsterdam, Niederlande, ist strittig. Umweltverbände klagen gegen die Genehmigungen für dessen „Gems“-Projekt. Die Abkürzung steht für „Gateway to the Ems“. Auch die Inseln Borkum und Juist wehren sich vor Gericht. „Wir betrachten den Ausbau der Erdgasförderung mit großer Sorge“, betont Jürgen Tönjes Akkermann. Der Bürgermeister von Borkum verweist auf den schlechten Zustand des Meeres. „Anstatt negative Einflüsse zu verringern und die Resilienz der Nordsee als natürliche CO2-Senke zu stärken, wird durch die Erdgasförderung ein weiterer Treiber des Klimawandels installiert.“ Der Bürgermeister warnt auch vor möglichen Erdbeben und sorgt sich um das Wattenmeer, das die Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur der Vereinten Nationen (Unesco) 2009 aufgrund seines außergewöhnlichen universellen Wertes als Weltnaturerbe anerkannt hat.
Erdgasförderung: Stand April 2026
Die Plattform über dem Erdgasfeld N05-A steht nah der Seegrenze zu Deutschland auf niederländischer Seite. One-Dyas fördert dort seit März 2025 Gas aus dem Meeresuntergrund – genehmigt im Juni 2022 vom niederländischen Ministerium für Wirtschaft und Energie. Anfang April 2026 folgte die Förderung aus einem zweiten Bohrloch. Da hier Gas von deutscher Seite gefördert wird, musste das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) in Hannover entscheiden und erlaubte die Förderung.
Aus dem ersten Bohrloch kann One-Dyas rund 700 Mio. m3 fördern, aus dem zweiten weitere 300 Mio. m3. Insgesamt geht das Unternehmen davon aus, mit dieser Plattform aus dem Feld N05-A mit weiteren Bohrungen jährlich bis zu 2 Mrd. m3 fördern zu können. Insgesamt sollen dort etwa 50 Mrd. m3 darauf warten, gefördert zu werden.
Das Erdgas wird zwischen den Niederlanden und Deutschland aufgeteilt. Nach Angaben des LBEG kann mithilfe eines vorläufigen Verteilerschlüssels aus der Lizenzvereinbarung abgeschätzt werden, dass ein gutes Drittel nach Deutschland fließt. Von der angestrebten Höchstfördermenge von 2 Mrd. m3/a würden demnach 0,7 Mrd. m3 dem deutschen Markt zur Verfügung gestellt. Deutschlands Gasverbrauch lag 2024 bei rund 80 Mrd. m3. Die Gasmenge hätte 2024 weniger als 1 % des deutschen Gasverbrauches gedeckt.

Erneuerbar und Fossil Hand in Hand?
One-Dyas gibt für den Strombedarf der Plattform eine Spanne von 10 bis 140 GWh/a an, sodass während der Förderung und während weiterer Bohrungen weniger als ein Drittel des Windstroms von der Plattform benötigt wird. One-Dyas erhält den Ökostrom für die Erdgasplattform von dem Windpark Riffgat, Betreiber ist der Energiekonzern EWE mit Sitz in Oldenburg. Durch ein Kabel versorgt der Windpark die Erdgasplattform mit Strom. Mit anderen Worten: Das Gas wird „klimaneutral“ gefördert, wie der Konzern gerne sagt. Damit wird das Gas aber nicht klimaneutral. Wird es verbrannt, entsteht weiterhin CO2 und der Ökostrom fehlt woanders. So liegt die Nennleistung der 30 Windräder bei 113,4 MW mit einem Regelarbeitsvermögen von 474 GWh.
Riffe, Hotspots der Biovielfalt, unterschiedlich geschützt
Die Gasförderung bedroht jedoch Riffe in der Nordsee, glauben Umweltschützerinnen und Umweltschützer. Diese Hotspots der Artenvielfalt sind zwar nicht so farbenprächtig wie die im Südpazifik oder in der Karibik, aber ebenso wichtig. Es sind biogene und geogen Riffe etwa aus Muscheln oder Steinen. Sie bieten vielen Meeresbewohnern Schutz und Nahrung und sind eine wichtige Kinderstube für Fische, von denen sich wiederum Schweinswale, Robben und Seehunde ernähren. Hummer leben dort. Die Riffe dienen Zugvögeln auch als Rast-, Durchzugs- und Überwinterungsgebiete. Borkum Riffgrund ist zudem wichtiges Habitat für Schweinswale, die sehr empfindlich auf Lärmemissionen beispielsweise beim Rammen, Schiffsverkehr und bei seismischen Untersuchungen reagieren. Die Riffe verbessern zudem die Wasserqualität, indem sie Nährstoffe bereitstellen, Schadstoffe filtern und Wellen bremsen, was wiederum die Küsten vor Erosion schützt.
Das Bundesnaturschutzgesetz schützt alle Riffbiotope in der deutschen Nordsee – so auch die folgenden beiden nah der Erdgasplattform N05-A:
- Das 3 bis 25 m tiefe Natura-2000-Gebiet Borkum Riff 20 km nordwestlich von Borkum. Die EU schützt das Gebiet zusätzlich nach der Vogelschutzrichtlinie.
- Das 18 bis 33 m tiefe Natura-2000-Gebiet Borkum Riffgrund weiter nordwestlich der Insel. Die EU schützt diese Sandbank mit Riffen zusätzlich nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie.
Auch in den niederländischen Nordsee existieren Riffe. Sie liegen beispielsweise in dem Gebiet „Borkumse Stenen“ mit seinen vor allem biogenen Riffen. Dies Gebiet gilt als Bindeglied im Grenzgebiet zu den Natura-2000-Gebieten Borkum Riff und Borkum Riffgrund auf deutscher Seite. Obwohl es nah den anderen beiden liegt und auch etwa Zugvögeln dient, ist es weder nach niederlänischem noch nach EU-Recht geschützt. Doch in diesem Gebiet steht auch die Plattform N05-A.
Gerichtsverfahren in Deutschland
Am 21. April 2026 hat das Oberverwaltungsgericht Lüneburg eine Klage der Deutschen Umwelthilfe (DUH) abgewiesen. Der Verband klagte gegen den Planfeststellungsbeschluss „Richtbohrungen von der Plattform N05-A in den deutschen Sektor der Nordsee einschließlich Erdgasförderung im deutschen Hoheitsgebiet“ des LBEG. Die DUH argumentierte, das Landesamt habe bei seiner Beurteilung negative Auswirkungen, die von der Gasplattform ausgehen können, unzureichend betrachtet. Schutzstandards, die in Deutschland schärfer sind, wurden nicht berücksichtigt und auch nicht, dass die Plattform nah den geschützten deutschen Riffen steht.
Doch das Oberverwaltungsgericht entschied, mögliche durch die Gasförderung verursachte kleine Erdbeben oder Meeresbodenabsenkungen würden die dort lebende Tierwelt nicht nachhaltig beeinträchtigen. Eine Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht hat das Gericht nicht zugelassen. Die DUH kann aber innerhalb eines Monats Beschwerde einlegen.
Gerichtsverfahren in den Niederlanden
In den Niederlanden steht ein Urteil noch aus. Eine kleine Vorgeschichte: Drei Umweltorganisationen – neben der DUH die Doggerland Foundation, Mobilisation for the Environment (MOB) aus den Niederlanden sowie die Bürgerinitiative Saubere Luft Ostfriesland, Emden – versuchten 2024, die Gasförderung zu unterbinden, indem sie in den Niederlanden den Antrag stellten, das Riffgebiet „Borkumse Stenen“ als Natura-2000-Gebiet einzustufen. Der niederländische Staatssekretär für Fischerei, Lebensmittelsicherheit und Natur (LVVN) wies den Antrag im Juli 2024 zurück. Dagegen klagten die drei Umweltverbände und erzielten vor dem Gericht, Rechtbank Gelderland in Arnhem, einen Erfolg zum grenzüberschreitenden Meeresschutz:
- Das zuständige niederländische Ministerium muss erneut prüfen, ob das Gebiet „Borkumse Stenen“ als Natura-2000-Gebiet ausgewiesen werden muss.
- Dabei stellte das Gericht auch fest, dass das Ministerium bei seiner Definition des Lebensraumtyps „Riffe“ von den Vorgaben der EU-Kommission abgewichen ist.
- Das Gericht hat auch Einwände des Gaskonzerns One-Dyas zurückgewiesen, mit denen er den möglichen Schutzstatus verhindern wollte.
Zudem hat die DUH gegen die niederländische Bohrgenehmigung geklagt und ist dort in ersten Instanz erfolgreich gewesen. Dagegen wurde Berufung eingelegt und das höchste niederländische Gericht, der Raad van State, wird darüber – eventuell noch 2026 – entscheiden.
Deutsch-niederländische Gasfreundschaft
Der Streit um die Gasförderung wirft auch ein Schlaglicht auf das geplante „Abkommen zur Erschließung von grenzüberschreitenden Kohlenwasserstofflagerstätten in der Nordsee“ zwischen Deutschland und den Niederlanden. Vertreter Deutschlands und der Niederlande haben dieses Abkommen, auch „Unitarisierungsabkommen“ genannt, am 27. August 2025 in Den Haag unterzeichnet – im Namen der Bundesregierung der deutsche Botschafter Nikolaus Meyer-Landrut. Das Abkommrn soll das Ausbeuten grenzüberschreitender Gasfelder in der Nordsee ermöglichen.
Damit dies Abkommen verbindlich wird, müssen Bundestag und Bundesrat zustimmen. Doch hier wird gestritten. Kritisiert wurde etwa auf einer Anhörung im Bundestagsausschuss für Wirtschaft und Energie, dass das Abkommen bestehende Genehmigungen selbst dann absichern würde, wenn diese aus Naturschutzgründen geändert oder widerrufen werden müssten und dass fossile Bohrprojekte in Naturschutzgebieten erlaubt werden können. Bundesumweltminister Carsten Schneider unterstützt das Abkommen zwar, betont aber, dass er Öl- und Gasbohrungen in sensiblen Meeresschutzgebieten mit für sinnvoll hält. Er plant, das Bundesnaturschutzgesetz entsprechend zu ändern.
Ausblick
Wie geht es weiter? Beide Parteien sind zuversichtlich. Der Umweltverband DUH glaubt auch nach der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg, das Gems-Projekt von One-Dyas noch stoppen zu können. Er erwartet, die Niederlande werden das Riffgebiet Bokumse Stenen als schützenswertes Natura-2000-Gebiet anerkennen. Doch auch One-Dyas ist optimistisch und hat bereits Genehmigungsverfahren für zwei weitere Erdgasfelder eingeleitet: für die beiden Felder N04-A und N04-C, die ebenso in beiden Ländern liegen. Und das Unternehmen bereitet sich darauf vor, in den Feldern L1-Alpha and L2-Alpha, die allerdings im Meeresschutzgebiet Borkum Riffgrund liegen, Erdgas zu fördern. All diese Vorhaben klingen so vielversprechend, dass sich der kanadische Energiekonzern Tenaz Energy seit Oktober 2025 mit 244 Mio. US-$ an dem Gems-Projekt beteiligt.
Wer sich am Ende wirklich freuen kann, wird sich eventuell noch dieses Jahr entscheiden.




