Zeitenwende in der Chemikalienpolitik
Der Naturschutzbund Deutschland stellt sich neben die Chemieindustrie, stellt aber eine Bedingung: Die Chemie soll grün werden. Der Verband weiß, diese Transformation kostet Geld, und erwartet daher, dass die Politik und auch die Gesellschaft Chemieuntenehmen darin unterstützen, grün zu werden.
"Lasst es uns gemeinsam anpacken. Nichts ist spannender als die Chemie von morgen!". Unter diesem Motto präsentierte der Nabu seine Chemie-Roadmap 2045. Rechts im Bild Steffi Ober. Die Teamleiterin Transformation des Nabu stellte die Roadmap vor. Links im Bild: Utz Tillman, Ex-Hauptgeschäftsführer des VCI und heute Fachmann für Agora Industrie, moderierte die Veranstaltung. Links Parlamentarische Veranstaltung zur Transformation der Chemie-Industrie in der Bundesgeschäftsstelle des NABU in Berlin Mitte
Foto: Ben Kriemann
Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat am 26. Juni in Berlin Abgeordneten des Bundestags seine „Chemie-Roadmap 2045 – Zwischen Zielbild und Realität“ auf einem parlamentarischen Abend vorgestellt. Für den Nabu ist dies ein Fahrplan hin zu einer grünen Chemie in Deutschland, die klimaneutral und resilient ist. Dies ist für den Verband auch eine Voraussetzung für eine klimaneutrale und resiliente Industrie insgesamt.
Und eine klimaneutralere Chemie ist notwendig. Dies zeigte sich konkret auch an dem Donnerstag Abend, als der Nabu seine Roadmap vorstellte: Das Thermometer stieg auch in Berlin auf 38 °C und ganz Mitteleuropa stöhnte unter einer Hitzeglocke mit Rekordtemperaturen. Der Klimawandel steht also wieder auf der Tagesordnung und die Grundstoffindustrie der Chemie war 2024 für knapp 24 % der deutschen CO2-Emissionen aus der Industrie verantwortlich.
Das ist eine Seite der Medaille. Die andere ist, die Chemieindustrie ist Wirtschaft wichtig: Ihre Produkte sind Grundlage aller Wirtschaftszweige und sie ist für Ernährungssicherheit und Gesundheitsversorgung unverzichtbar sowie sicherheitspolitisch bedeutsam. „Deswegen brauchen wir auch in einem klimaneutralen Deutschland 2045 noch eine funktionierende heimische Chemieindustrie“, betont Dr. Steffi Ober, Teamleiterin für Transformation beim NABU.
Klimaneutral und resilient
Die Chemieindustrie soll also sowohl klimaneutraler als auch resilienter werden. Das sei nicht einfach, weiß Dr. Ingo Ammermann: „Chemieunternehmen in Deutschland stecken in einer Krise.“ Der Nabu-Bundesgeschäftsführer nennt allbekannte Gründe: hohe Energiekosten, schwache Nachfrage, weltweite Überkapazitäten, Importdruck durch Billigware vor allem aus China und geopolitische Unsicherheiten. All dies senkt die Produktionsauslastung, führt zu rückläufigen Umsätzen und den Verlust von Arbeitsplätzen. Fehlende Planungssicherheit und mangelnde Kapitaldecke als auch niedrige Wettbewerbsfähigkeit machen es schwer, in klimaneutralere Verfahren zu investieren.
Aus diesem Grund fokussiert sich der Nabu bei seiner Roadmap auf zwei Themen mit Konfliktpotenzial:
- Die wirtschaftliche Resilienz erhalten. Wie kann sich die Chemieindustrie erhalten und langfristig in die Transformation kommen?
- Mehr erneuerbare Kohlenstoffquellen bereitsstellen. Doch wie lassen sich neue Kohlenstoffquellen − also nachhaltige Biomasse, Kohlenstoff aus mechanischen oder chemischem Recycling, CO2 aus der Luft oder Abgasen − erschließen?
Zukunftskommission Chemie
„Einfache Antworten fehlen“, betont Ammermann. Doch ein moderner Governance-Mechanismus in Form einer „Zukunftskommission Chemie“ kann helfen, dass sich die Chemieindustrie in Deutschland hält und weiterentwickelt. Solch ein Gremium sollte Akteure aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft sowie Zivilgesellschaft zusammenbringen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Ein Vorbild ist die Zukunftskommission Landwirtschaft, angesiedelt beim Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung, Heimat. Eine Zukunftskommission Chemie sollte sich, so Ammermann, unter anderem um folgende Punkte kümmern:
- Das Wissen über Wertschöpfungsketten und deren Verzahnungen sowie über Standortbedingungen, Rohstoff- und Energiebedarfe bündeln;
- ein Zielbild für eine klimaneutrale resiliente Chemieindustrie entwickeln und
- konkrete Fördermaßnahmen vorschlagen.
Erneuerbaren Kohlenstoff bereitstellen
Kohlenstoff ist der zentrale Baustein der organischen Chemie und findet sich in einer Vielzahl von Grund- und Spezialchemikalien wieder. Fossile Kohlenstoffe sind derzeit deutlich günstiger als erneuerbare Kohlenstoffquellen aus nachhaltiger Bioomasse, aus mechanischem oder chemischem Recycling von Kunststoffen oder aus CO2 vor allem aus industriellen Abgasen. Fossile Quellen machen daher immer noch knapp 90 % der Rohstoffbasis der organischen Chemie aus.
Daher brauche es, so Dr. Steffi Ober, Referentin für nachhaltige Forschung und Innovation beim Nabu, einen langfristig orientierten, strategischen Aufbau einer erneuerbaren Kohlenstoffwirtschaft zur Versorgung der heimischen Chemieindustrie. Dazu gehören:
- Eine nationale sektorenübergreifende Biomassestrategie. Diese sollte etwa die stoffliche Nutzung von Rohstoffen gegenüber der energetischen Nutzung priorisieren.
- Das Erfassen und Sortieren von Abfällen ist auszubauen wie auch das mechanische und chemische Recycling. Vorgaben für recyclinggerechtes Design würden dies unterstützen.
- Bis 2030 ist zu regeln, unter welchen Bedingungen von einer langfristigen CO2-Bindung durch CCU-Verfahren gesprochen werden kann und wann solche Bindungen als Negativemission gelten können.
- Um Angebot und Nachfrage nach erneuerbarem Kohlenstsoff einfacher zusammenführen zu können, sollten Handelsplattformen für kohlenstoffhaltige Stoffströme gefördert werden.
Konfliktpotenziale um erneuerbaren Kohlenstoff
Bei der Transformation der Chemieindustrie erwartet der Nabu Konflikte. Einige Beispiele: Oft wird es um Flächen gehen, die für Wasserstoff- oder CO2-Pipelines oder für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien benötigt werden. Und was sollten Landwirtinnen und Landwirte anbauen? Klar, vorrangig Pflanzen für die Ernährung. Aber dann? Eher für Energiepflanzen oder eher für die Grundversorgung chemischer Betriebe? Gestritten werden wird auch über die Frage, in welchem Maß der Staat mit Steuergeldern Chemieunterenehmen bei ihrer Transfomration unterstützen darf.
Es geht für den Nabu um die gesellschaftliche Akzeptanz einer aktiven Industriepolitik. Für die ist aus Sicht des Verbands ein offener gesellschaftlicher Dialog wichtig.
Wirtschaftliche Resilienz mit „Grünem Punkt“
Unternehmen brauchen Planungssicherheit, damit für sie Investitionen in grüne Grundchemikalien wirtschaftlich wieder tragfähig werden. Das betrifft sowohl die energetische als auch die stoffliche Transformation. Der Nabu denkt hier an einen Instrumentenmix, der Investitionskosten, also den CAPEX („capital expenditure“), und Betriebkosten, den OPEX („operational expenditure“), im Blick hat. Ober nennt Beispiele:
- Chemieunternehmen sind bei der Umstellung auf klimafreundlichere Produktionsverfahren verstärkt mit Klimaschutzverträgen, auch CO₂-Differenzverträge oder „Carbon Contracts for Difference“ (CCfD) genannt, zu unterstützen. Klimaschutzverträge sind ein bestehendes, aber begrenzt verfügbares Förderinstrument der Bundesregierung.
- Eine Art „Grüner Punkt“ für grüne chemische Produkte, der es ermöglicht, dass Unternehmen ihre Mehrkosten für eine grünere Produktion entlang der Wertschöpfungskette bis an Endprodukte weiterzugeben.
Letztlich geht es dem Nabu darum, den Kostenunterschied zwischen fossilen und erneuerbaren Kohlenstoffquellen langfristig marktwirtschaftlich auszugleichen.
Kostenausgleich
Um den Kostenabstand zu Standorten auf anderen Kontinenten mit günstigeren Bedingungen so gering wie möglich zu halten, muss ein fein austariertes Maßnahmenpaket die Gestehungskosten senken. Hierzu zählt günstiger grüner Strom durch einen flächendeckenden Ausbau erneuerbarer Energien. Auch müssen Unternehmen gut an erneuerbaren Kohlenstoffen herankommen. Ein gezielter, aber umfassender Infrastrukturausbau für grünen Strom, Wasserstoff und CO2-Transport unterstützt die Transformation. „Solche Maßnahmen würden langfristig auch die Grundlage für Skalierungseffekte, Standortattraktivität und technologische Führerschaft“ betont Ammermann.
Grüne Leitmärkte schaffen
Grüne Leitmärkte können den Hochlauf und die Skalierung einer erneuerbaren Kohlenstoffwirtschaft erleichtern. Sie schaffen verlässliche Absatzperspektiven senken Investitionsrisiken, sodass Unternehmen Innovationen schneller in die industrielle Anwendung überführen können. Zentral ist hier die öffentliche Beschaffung. Sie wird gezielt auf Produkte mit erneuerbaren Kohlenstoffanteilen gelenkt, fungiert als Frühmarkt und trägt wesentlich dazu bei, neue Standards in der industriellen Produktion zu etablieren.
Auch Quotenregelungen erhöhen die Nachfrage. Die EU hat bereits Substitutionsquoten in den Verordnungen zu Verpackungen und Verpackungsabfällen, die „Packaging and Packaging Waste Regulation“ (PPWR), einerseits und zu der kommenden kreislauforientierte Konstruktion von Fahrzeugen und über die Entsorgung von Altfahrzeugen, der neuen Altfahrzeug-Verordnung, festgelegt. Auch die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte, die „Ecodesign for Sustainable Products Regulaion“ (ESPR), kann hier mitspielen. Die EU kann in ihr Produktstandards festlegen und auch, welche Standards eine mögliche Substitutionsquote erfüllen müssen.
Grüne Qualität sichern
Solche ökologischen Leitplanken sichern die Nachhaltigkeit ab. Aber mit wachsender Nachfrage besteht die Gefahr, dass mehr und mehr erneuerbare Kohlenstoffquellen aus Drittstaaten importiert werden, ohne dass dort vergleichbare Umweltstandards gelten und angewandt werden. Um Verlagerungseffekte und ökologische Fehlsteuerungen zu vermeiden, ist das Einhalten verbindlicher Nachhaltigkeitskriterien nach Ansicht des Nabu transparent nachzuweisen. Einheitliche Zertifizierungs- und Labelsysteme für klimafreundliche Chemieprodukte leisten hierzu einen wichtigen Beitrag, indem sie Umweltwirkungen entlang des gesamten Lebenszyklus abbilden und vergleichbar machen. Vorbilder existieren bereits in anderen Industriebereichen. Im Stahlsektor beispielsweise berücksichtigt der „Low Emission Steel Standard“ (LESS) direkte und indirekte Emissionen aus Vorleistungen und Transport.
Ausblick
Für den Nabu ist eine erfolgreiche Industrietransformation entscheidend, um die Klimaziele und den Naturschutz bei gleichzeitigem Erhalt von Wertschöpfung und guter Arbeit zu erreichen. Die Chemieindustrie spielt dabei eine besondere Rolle, weil sie über ihre gesamten, hochkomplexen Wertschöpfungsketten sich selbst transformieren und dabei auch anderen Industriebranchen die Lösungen zur Bewältigung der Transformation an die Hand geben muss
Der Naturschutzbund NABU lenkt mit der Roadmap 2045 den Blick auf die schwierige Lage der deutschen Chemieindustrie und die Notwendigkeit einer langfristig gestaltenden Industriepolitik. Allerdings erwartet der Naturschutzbund von der Chemieindustrie auch ein Commitment zum Standort und zu den Arbeitsplätzen sowie deutliche Investitionen in klimaneutrale Technologien als auch einen fortlaufenden gesellschaftlichen Dialog über den notwendigen Wandel der Chemie, betont Ammermann.
Und es ist nicht hoffnungslos: Trotz der schwierigen Lage sind viele Chemieunternehmen beispielsweise bereit, in Innovationen zu investieren. Das zeigte sich etwa im Mai auf der Chemie2026-Jahrestagung des Handelsblatts.




