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Windkraft im XXL-Format 17.07.2026, 13:30 Uhr

Gicon-Höhenwindturm wächst auf fast 160 Meter

Mit dem Gicon-Höhenwindturm entsteht in Schipkau/Klettwitz eine Anlage, die die Onshore-Windkraft in neue Dimensionen führen soll. Die Anlage soll künftig Wind in deutlich größeren Höhen nutzbar machen und zeigen, ob sich auf begrenzter Fläche erheblich mehr erneuerbarer Strom erzeugen lässt als bisher.

Montage des letzten Turmsegmentes am GICON-Höhenwindturm

Montage des fünften und damit letzten Außenturmsegments des Höhenwindturms.

Foto: picture alliance / imageBROKER | Sylvio Dittrich

In der Lausitz nimmt ein Projekt Gestalt an, das die Grenzen der Onshore-Windkraft erweitern soll. Der Höhenwindturm, den Gicon in Schipkau/Klettwitz errichtet, hat mit der Montage der insgesamt fünf Außenturmsegmente eine Höhe von knapp 160 m erreicht. Damit rückt die Pilotanlage ihrem Ziel Schritt für Schritt näher: Am Ende soll der Turm 365 m hoch sein und damit nach dem Berliner Fernsehturm das zweithöchste Bauwerk Deutschlands werden. Vor allem aber soll er zeigen, ob Windenergie in deutlich größeren Höhen wirtschaftlich nutzbar gemacht werden kann.

Die jüngsten Baufortschritte waren technisch anspruchsvoll. So wurde bereits beim vierten Außenturmsegment ein rund 185 t schweres Segment auf der Baustelle unter hochsommerlichen Bedingungen montiert und in rund 120 m Höhe aufgesetzt. Nach Angaben von Gicon dauerte der Hub etwa vier Stunden. Für das fünfte Segment mussten die Mitarbeiter noch höher klettern – und das bei sehr sommerlichen Temperaturen. Die Konstruktion wuchs damit weiter planmäßig in die Höhe und hat mit dem fünften Segment nur fast 160 m erreicht. Realisiert wird das Projekt von Gicon im Auftrag der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) beziehungsweise deren Tochter Beventum.

Wo der Wind verlässlicher weht

Mit dem Bau des Hohenwindturms will Gicon neue Möglichkeiten erschließen. Das Unternehmen forscht seit mehr als zehn Jahren daran, stärkere und stetigere Winde in größeren Höhen für die Stromerzeugung zu nutzen. Voraussetzung dafür war zunächst eine belastbare Datengrundlage. Deshalb wurde in Schipkau/Klettwitz zunächst ein Höhenwindmessmast errichtet. Er sollte zeigen, wie sich Windgeschwindigkeit, Luftdruck, Temperatur und weitere Parameter in großen Höhen verhalten. Nach Angaben von Gicon bestätigten die Messungen die Annahme, dass der Wind in 300 m Höhe stetiger und stärker weht als in niedrigeren Luftschichten.

Hier setzt der Höhenwindturm an. Während heutige Onshore-Windenergieanlagen meist deutlich niedrigere Nabenhöhen erreichen, soll die Gicon-Anlage Wind in einer Höhe erschließen, in der die Erzeugung gleichmäßiger und ertragreicher ausfallen kann. Gicon geht davon aus, dass sich mit der Technologie deutlich mehr Energie gewinnen lässt als mit herkömmlichen Windkraftanlagen. Auf der Projektseite nennt das Unternehmen eine mögliche Leistungssteigerung von bis zu 220 %. Es soll also mehr erneuerbarer Strom auf begrenzter Fläche erzeugt werden.

Denn Fläche ist in der Windenergie längst ein knappes Gut. Genehmigungen, Abstände, Naturschutz, Akzeptanz und Netzanschlüsse begrenzen den Ausbau an vielen Standorten. Höhere Anlagen könnten hier neue Optionen eröffnen, wenn sie auf bereits energiewirtschaftlich genutzten Flächen deutlich höhere Erträge ermöglichen. In Schipkau wird dieser Gedanke besonders sichtbar. Die Region ist bereits durch Wind- und Solarenergie geprägt. Gicon verbindet die Höhenwindtechnologie mit der Idee einer Mehrfachnutzung: Windkraft in unterschiedlichen Ebenen und Photovoltaik am Boden sollen perspektivisch kombiniert werden. Das Unternehmen spricht von einem Hybridkraftwerk, das den Energieertrag im Vergleich zur alleinigen Solarnutzung deutlich steigern und zugleich eine gleichmäßigere Stromernte über das Jahr ermöglichen könnte.

Höhenwindturm: Technische Herausforderung in großer Höhe

Technisch ist der Weg dorthin anspruchsvoll. Eine Windturbine in 300 m Höhe zu montieren, stellt die Bau- und Montagetechnik vor besondere Herausforderungen. Gicon hat dafür eine Teleskopvorrichtung entwickelt. Sie soll es ermöglichen, die Turbine zunächst in deutlich geringerer Höhe zu montieren und anschließend auf die endgültige Position zu heben. Laut dem Unternehmen ist die Lösung eine Weltneuheit. Gleichzeitig setzt der Turm auf eine Gittermaststruktur aus Stahl. Diese Bauweise soll die erforderliche Höhe ermöglichen und zugleich den Materialeinsatz sowie die Montage beherrschbar halten.

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Dieses Video zeigt die Montage des vierten Außenturmsegments des Gicom-Höhenwindturms. Quelle: GICOM via Youtube

Ob der Höhenwindturm tatsächlich zum Modell für weitere Anlagen stehen kann, entscheidet nicht allein der Baufortschritt. Entscheidend werden die Betriebserfahrungen sein: Wie zuverlässig funktioniert die Konstruktion? Wie hoch fallen Erträge und Verfügbarkeit aus? Welche Wartungsanforderungen entstehen? Und wie lässt sich die Anlage in bestehende Energieparks, Netze und Genehmigungsprozesse einbinden? Da ein Projekt wie das um den Höhenwindturm etwas Neues in der Branche ist, wird es von Expertinnen und Experten genau beobachtet.

Höhenwindturm soll bessere Planbarkeit ermöglichen

Denn nicht nur wegen der hohen Erträge wäre eine solche Anlage nützlich. Stetigere Windverhältnisse könnten helfen, die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen besser planbar zu machen. In Kombination mit Solarenergie, Speichern und flexiblen Verbrauchern könnten Höhenwindanlagen dazu beitragen, regionale Energiesysteme robuster aufzustellen.

Für Industriestandorte in Transformationsregionen wäre das ein wichtiger Faktor. Die Fläche sei die neue Kohle, die Industrie werde der grünen Energie folgen, so die selbstbewusste Aussage von Gicon. Das Unternehmen ist davon überzeugt, dass künftig nicht allein Verkehrsanbindung oder Gewerbeflächen über Standortqualität entscheiden, sondern auch die Verfügbarkeit von lokal erzeugtem, grünem Strom.

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