Vattenfall steuert acht Großbatterien wie einen einzigen 55-MW-Speicher
Acht Großbatterien, ein virtueller Pool: Terralayr stellt Vattenfall 55 MW Flexibilität für Stromhandel und Regelenergie zur Verfügung.
Foto: Smarterpix/malpetr
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Vattenfall und terralayr haben ihren siebenjährigen Vertrag über ein virtuelles Batteriespeicher-Portfolio vollständig hochgefahren. Seit August stehen dem Energieversorger die vereinbarten 55 MW aus acht dezentralen Großbatteriespeichern in Deutschland zur Verfügung. Terralayr bündelt die Anlagen über seine Flexibilitätsplattform LAYR zu einer virtuellen Batterie. Nach Angaben der Unternehmen handelt es sich um den ersten vollständig operativen Multi-Asset-Capacity-Toll dieser Art für Batteriespeicher.
Der Vertrag unterscheidet sich von klassischen Tolling-Modellen, bei denen ein Abnehmer die Nutzungskapazität eines einzelnen, physisch zugeordneten Batteriespeichers übernimmt. Vattenfall greift hingegen auf eine vertraglich definierte Leistung aus mehreren Anlagen zu. Die Speicher bleiben im Bilanzkreis und Regelleistungspool von terralayr. Der Plattformbetreiber übernimmt die technische Aggregation, Einsatzsteuerung sowie die bilanzielle Abwicklung. Vattenfall erhält die wirtschaftlich nutzbare Flexibilität.
Damit liegt das Modell zwischen einem klassischen physischen Toll und rein finanziell strukturierten virtuellen Speicherprodukten. Die Stromflüsse folgen den Abrufsignalen von Vattenfall physisch, müssen aber nicht aus einem vorher festgelegten Einzelasset stammen. Für den Händler verhält sich das Portfolio damit weitgehend wie eine einheitliche Batterie.
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Hochlauf in mehreren Schritten
Der Hochlauf erfolgte in mehreren Schritten. Die ersten 5 MW gingen im Januar 2026 in Betrieb, weitere Tranchen folgten im Juni und Juli. Mit der letzten Stufe erreicht der Vertrag nun die vollständige Leistung von 55 MW. Bereits im Mai 2025 hatten die Unternehmen die siebenjährige Vereinbarung angekündigt. Sie umfasst eine Kapazität aus acht über Deutschland verteilten Großspeichern.
„Das ist der erste operative Multi-Asset-Capacity-Toll für Batteriespeicher in Europa, wenn nicht sogar weltweit – vollständig geliefert und stabil im Betrieb“, sagt Terralayr-Mitgründer und CEO Philipp Man. Speicherflexibilität werde damit standardisiert und skalierbar beschaffbar. Die Einordnung als Branchenpremiere stammt allerdings von den Unternehmen. Branchenmedien bestätigen die ungewöhnliche Vertragsstruktur, verweisen aber auch auf Multi-Site-Tolling-Verträge in anderen Märkten, die sich in der Zuordnung und Vermarktung der Speicherkapazität unterscheiden.
Virtuelle Batterie für Stromhandel und Regelleistung
Vattenfall kann die 55 MW nach Angaben von terralayr sowohl an den Großhandelsmärkten als auch für Primär- und Sekundärregelleistung einsetzen. Ein möglicher Abruf könnte beispielsweise darin bestehen, 25 MW für eine Stunde zum Laden zu nutzen und zugleich 30 MW für Regelleistung vorzuhalten. LAYR verteilt die Signale zusammen mit den Anforderungen anderer Abnehmer automatisiert auf die verfügbaren Anlagen.
Dabei muss die Plattform technische Restriktionen der Speicher berücksichtigen, darunter den Ladezustand, die verfügbare Leistung, andere Vermarktungsverpflichtungen und mögliche Einschränkungen am Netzanschluss. Für die Teilnahme an den deutschen Regelenergiemärkten gelten zudem Präqualifikationsanforderungen der Übertragungsnetzbetreiber. Anlagen können grundsätzlich für mehrere Regelenergieprodukte präqualifiziert werden; die Präqualifikation erfolgt jedoch produktspezifisch.
Auch Pools aus mehreren technischen Einheiten sind grundsätzlich möglich
Das Portfolio soll außerdem das Verfügbarkeitsrisiko einzelner Standorte reduzieren. Ist ein Speicher wegen einer Störung, Wartung oder einer Einschränkung des Netzanschlusses vorübergehend nicht nutzbar, kann die Plattform den Abruf auf andere Assets verteilen. Das kann auch bei flexiblen Netzanschlussvereinbarungen relevant sein, bei denen Betreiber zeitweise Begrenzungen für Bezug oder Einspeisung akzeptieren.
Solche Flexible Connection Agreements, kurz FCA, sollen laut Bundesnetzagentur gerade bei knappen Anschlusskapazitäten einen Netzanschluss mit Einschränkungen ermöglichen. Die zulässige Einspeise- oder Entnahmeleistung kann dabei statisch oder zeitweise begrenzt werden. Ein über mehrere Standorte verteiltes Speicherportfolio kann solche lokalen Einschränkungen zumindest teilweise ausgleichen, sofern an anderen Standorten freie Leistung vorhanden ist.
Degradation wird in Kapazitätsmodell einbezogen
Eine weitere Herausforderung langfristiger Batterie-Tolls ist die Alterung der Speicher. Mit zunehmender Nutzung verändert sich die verfügbare Batteriekapazität. Terralayr will das eigenen Angaben über garantierte Degradationskurven der eingebundenen Anlagen berücksichtigen. Die für Vattenfall verfügbare Leistung soll damit über die Vertragslaufzeit an zugesicherte technische Kennwerte gekoppelt bleiben.
Für Batteriebetreiber können langfristige Tolling-Verträge einen Teil der Erlösrisiken aus dem volatilen Strom- und Regelenergiemarkt reduzieren. Ein Teil der Flexibilität wird über einen längerfristigen Vertrag vergeben und soll so besser kalkulierbare Erlöse schaffen. Das soll auch die Finanzierung neuer Speicherprojekte erleichtern. Vattenfall wiederum erhält Zugriff auf Speicherleistung, ohne die Anlagen selbst errichten oder betreiben zu müssen.
„Für die Vermarktung erneuerbarer Energien wird kurzfristig verfügbare Flexibilität immer wichtiger“, sagt Björn Schneegans, Director Commodity Origination bei Vattenfall. Das virtuelle Batterieportfolio ermögliche es, Speicherkapazität skalierbar in die Handelsprozesse einzubinden. Der Hochlauf auf 55 MW zeige, dass solche Portfolio-Strukturen operativ funktionieren könnten.
Hoher Speicherzubau im In- und Ausland
Gleichzeitig mit der vollständigen Inbetriebnahme zeigt sich ein hoher Speicherzubau im Markt. Nach Angaben des Fraunhofer ISE stieg die Kapazität der Großbatteriespeicher in Deutschland 2025 von 2,3 auf 3,7 GWh, das ist ein Plus von 60 %. Für 2030 zeigen Modellierungen des Instituts je nach Szenario einen Speicherbedarf von 100 bis 170 GWh. Mit dem Hochlauf verändere sich die Funktionsweise des deutschen Stromsystems grundlegend, so die Forschenden.
Auch international beschleunigt sich der Ausbau. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur wurden 2025 weltweit 108 GW neue Batteriespeicherleistung installiert, rund 40 % mehr als im Vorjahr. Die IEA sieht Batteriespeicher zunehmend als Quelle kurzfristiger Flexibilität und weist in diesem Zusammenhang neben Energieverschiebung unter anderem auf Systemdienstleistungen und Engpassmanagement hin.
Dabei sind Speicher nicht automatisch netzdienlich. So warnt etwa das Fraunhofer ISE , dass rein marktgetriebene Lade- und Entladestrategien an einzelnen Standorten lokale Leistungsspitzen auch verschärfen können. Ob ein Großspeicher das Netz entlastet, hängt neben seinem Standort auch von seiner Betriebsstrategie ab.
Terralayr will das virtuelle Tolling-Modell weiter skalieren. Zusätzliche Speicher sollen standardisiert an LAYR angebunden und virtuellen Portfolios zugeschlagen werden können. Das Unternehmen spricht von „One-Click-Tolling“. Auch Betreiber fremder Batteriespeicher sollen freie Kapazitäten über die Plattform vermarkten können.




