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Flammhemmende Textilien 16.06.2026, 09:00 Uhr

Antimonfrei und recycelt: Diese Hightech-Faser macht Schutzkleidung nachhaltiger

Eine neue flammhemmende Faser kommt ohne Antimon aus und nutzt teilweise recycelte Rohstoffe. Warum das für Schutzkleidung ein wichtiger Schritt ist.

Multinorm-Green-Kollektion von Fristads

Die neue Multinorm-Green-Kollektion von Fristads nutzt erstmals die antimonfreie Faser Protex F. Sie soll denselben Schutz bieten wie herkömmliche flammhemmende Materialien, dabei aber nachhaltiger hergestellt werden.

Foto: Fristads

Schutzkleidung gehört zu den anspruchsvollsten Produkten der Textilindustrie. Sie muss Hitze, Flammen, Schweißspritzern oder elektrischen Lichtbögen standhalten und dabei über Jahre hinweg zuverlässig funktionieren. Gleichzeitig wächst der Druck auf Hersteller, ihre Produkte nachhaltiger zu gestalten. Genau das galt in diesem Bereich lange als nahezu unmöglich.

Nun stellen der schwedische Arbeitsbekleidungshersteller Fristads, der japanische Chemiekonzern Kaneka und der Faserspezialist Waxman Fibres eine Entwicklung vor, die daran etwas ändern könnte. Gemeinsam haben sie eine neue flammhemmende Faser entwickelt, die ohne Antimon auskommt und teilweise auf recycelten Rohstoffen basiert.

Die Innovation trägt den Namen Protex F. Fristads will sie ab September 2026 erstmals in einer neuen Kollektion für Schutzkleidung einsetzen.

Warum Antimon bislang kaum zu ersetzen war

Flammhemmende Arbeitskleidung basiert häufig auf Modacryl-Fasern. Diese synthetischen Fasern besitzen von Natur aus schwer entflammbare Eigenschaften und werden seit Jahrzehnten in Schutzkleidung eingesetzt.

Um die gewünschte Schutzwirkung zu erreichen, kommt dabei häufig Antimontrioxid zum Einsatz. Die Verbindung wirkt als sogenannter Flammschutz-Synergist. Sie unterstützt andere flammhemmende Bestandteile und verbessert die Schutzwirkung des Materials.

Aus technischer Sicht hat sich dieses Konzept bewährt. Allerdings steht Antimontrioxid zunehmend im Fokus von Nachhaltigkeitsdebatten. Gründe sind unter anderem die energieintensive Gewinnung, Umweltaspekte entlang der Lieferkette und die starke Konzentration der weltweiten Förderung auf wenige Länder.

Deshalb suchen Hersteller seit Jahren nach Alternativen. Das Problem: Wer bei Schutzkleidung einen Rohstoff ersetzt, muss nachweisen, dass die Sicherheitsleistung unverändert bleibt. Genau daran scheiterten viele Ansätze.

Fünf Jahre Entwicklungsarbeit

Nach Angaben der beteiligten Unternehmen dauerte die Entwicklung von Protex F rund fünf Jahre. Die neue Faser verzichtet vollständig auf Antimon. Gleichzeitig sollen die flammhemmenden Eigenschaften erhalten bleiben. Darüber hinaus kann ein Teil der eingesetzten Chemikalien aus recycelten Kunststoff- und Textilabfällen gewonnen werden. Dadurch sinkt der Bedarf an neu produzierten Rohstoffen.

Was auf den ersten Blick selbstverständlich klingt, ist bei Schutzkleidung eine technische Herausforderung. Während recycelte Materialien inzwischen in vielen Alltags- und Arbeitstextilien verwendet werden, gelten bei Persönlicher Schutzausrüstung deutlich strengere Anforderungen.

Schutzkleidung muss ihre Eigenschaften auch nach zahlreichen industriellen Waschzyklen behalten. Sie muss mechanischen Belastungen standhalten und ihre Schutzwirkung über die gesamte Nutzungsdauer zuverlässig erfüllen.

Sicherheit bleibt das entscheidende Kriterium

Nach Angaben der Entwickler erfüllt die neue Faser dieselben Anforderungen wie bisherige Lösungen. Konkrete Normen nennen die Unternehmen bislang allerdings nicht.

Für Anwenderinnen und Anwender ist genau dieser Punkt entscheidend. Nachhaltigkeit spielt bei Schutzkleidung zwar eine zunehmend wichtige Rolle. Im Ernstfall zählt jedoch allein die Schutzwirkung.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein technischer Kennwert der Faser. Laut Hersteller erreicht Protex F einen sogenannten Limiting Oxygen Index (LOI) von 43. Dieser Wert beschreibt die Sauerstoffkonzentration, die notwendig ist, damit ein Material weiterbrennt.

Zum Vergleich: Die normale Atmosphäre enthält rund 21 % Sauerstoff. Je höher der LOI-Wert, desto schwerer lässt sich ein Material entzünden beziehungsweise desto schlechter kann sich eine Verbrennung aufrechterhalten.

Allein dieser Wert ersetzt allerdings keine Zertifizierung. Entscheidend bleibt, wie sich die Faser in fertigen Kleidungsstücken und unter realen Einsatzbedingungen verhält.

Erste Kollektion startet im September

Fristads plant, Protex F erstmals in der neuen Multinorm-Green-Kollektion einzusetzen. Die Markteinführung ist für September 2026 vorgesehen.

Multinorm-Kleidung schützt Beschäftigte vor mehreren Gefährdungen gleichzeitig. Typische Einsatzbereiche sind die Energieversorgung, die Metallverarbeitung, die chemische Industrie oder Wartungsarbeiten an elektrischen Anlagen.

Zu den möglichen Schutzfunktionen gehören:

  • Schutz gegen Hitze und Flammen
  • Schutz bei Schweißarbeiten
  • Schutz vor elektrostatischer Aufladung
  • Schutz gegen Lichtbögen

Gerade diese Kombination verschiedener Schutzanforderungen macht die Entwicklung neuer Materialien besonders anspruchsvoll.

Umweltdaten sollen transparent werden

Bemerkenswert ist nicht nur die neue Faser. Fristads will die Kollektion auch mit Umweltproduktdeklarationen, sogenannten Environmental Product Declarations (EPD), ausstatten.

Solche Deklarationen sind in der Bauindustrie längst etabliert. Sie liefern unabhängig überprüfte Daten über die Umweltauswirkungen eines Produkts während seines gesamten Lebenszyklus.

Dazu gehören beispielsweise Angaben zu:

  • Treibhausgasemissionen
  • Energieverbrauch
  • Wasserverbrauch
  • Ressourceneinsatz

In der Arbeitsbekleidungsbranche sind EPDs bislang noch die Ausnahme. Gleichzeitig wächst der Bedarf an solchen Daten. Viele Unternehmen müssen heute ihre indirekten Emissionen entlang der Lieferkette erfassen und dokumentieren. Fachleute sprechen dabei von Scope-3-Emissionen. Je transparenter die Umweltdaten eines Produkts sind, desto einfacher fällt diese Berichterstattung.

Von Dominik Hochwarth