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Wiesloch 1888: Als eine Apotheke das größte Problem des Automobils löste

21. Juni 2026

Bertha Benz und ihre Söhne Eugen und Richard kaufen in der Stadtapotheke in Wiesloch "Zwei Liter Ligroin".
Der Kraftstoff ist alle: Bertha Benz und ihre Söhne Eugen und Richard kaufen in der Stadtapotheke in Wiesloch „Zwei Liter Ligroin“. Foto: picture-alliance/ dpa | Fotoreport Daimler-Benz AG
Die Stadtapotheke in Wiesloch gilt als erste Tankstelle der Welt. Warum der Tankstopp von Bertha Benz 1888 weit mehr war als eine historische Anekdote.
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Wer heute durch die Hauptstraße von Wiesloch (eine kleine Stadt in der Nähe von Heidelberg) geht, läuft an einem Gebäude vorbei, das auf den ersten Blick wenig spektakulär wirkt. Die Stadtapotheke steht dort seit Jahrhunderten. Doch im Sommer 1888 wurde sie Teil einer Geschichte, die die Mobilität der Welt grundlegend verändern sollte. Denn hier kaufte Bertha Benz während ihrer legendären Fahrt von Mannheim nach Pforzheim einige Liter Ligroin für den Benz Patent-Motorwagen. Deshalb gilt die Apotheke bis heute als die erste Tankstelle der Welt.

Für die Ingenieurwelt ist dieser Ort jedoch noch aus einem ganz anderen Grund interessant: Der Tankstopp machte erstmals ein Problem sichtbar, das bis heute jede neue Mobilitätstechnologie lösen muss. Eine gute Maschine allein reicht nicht aus; sie braucht zwingend eine funktionierende Infrastruktur.

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Für mich ist diese Geschichte auch ganz persönlich geprägt. Meine Familie stammt aus Wiesloch, ich habe dort mein Abitur gemacht. Die Stadtapotheke gehört für viele Wieslocherinnen und Wieslocher schon immer selbstverständlich zum täglichen Stadtbild. Erst später wurde mir in meiner beruflichen Praxis bewusst, dass sich hinter dem historischen Gebäude ein echtes Stück Technikgeschichte von weltweiter Bedeutung verbirgt.

Inhaltsverzeichnis

Das Auto war erfunden – doch der praktische Nutzen noch unbewiesen

Als Carl Benz im Jahr 1886 seinen Patent-Motorwagen anmeldete, war die technische Sensation perfekt. Erstmals bewegte sich ein Fahrzeug mithilfe eines Verbrennungsmotors selbstständig über die Straße. Doch die bahnbrechende Erfindung hatte ein massives Akzeptanzproblem: Niemand wusste, ob das Automobil mehr war als eine reine technische Spielerei.

Die Fahrzeuge waren extrem teuer, hochgradig kompliziert und für die breite Masse schlicht unvorstellbar. Pferde dominierten den Verkehr, und Werkstätten oder gar ein Tankstellennetz existierten nicht. Carl Benz hatte zwar ein funktionierendes Fahrzeug entwickelt, doch den Beweis der Alltagstauglichkeit musste erst noch erbracht werden. Diesen entscheidenden Beweis lieferte schließlich seine Frau.

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Bertha Benz startet den ersten Härtetest unter Realbedingungen

Am frühen Morgen des 5. August 1888 machte sich Bertha Benz gemeinsam mit ihren Söhnen Eugen und Richard heimlich und ohne das Wissen ihres Mannes auf den Weg nach Pforzheim. Die Strecke von rund 106 km war für damalige Verhältnisse eine immense Herausforderung. Bertha Benz verfolgte dabei ein klares strategisches Ziel: Sie wollte demonstrieren, dass das Automobil nicht nur auf kurzen, abgesperrten Demonstrationsfahrten funktionierte, sondern im harten Alltag bestehen konnte. Gleichzeitig hoffte sie, potenzielle Käufer von der neuen Technik zu überzeugen.

Aus heutiger Sicht erinnert die Fahrt an einen groß angelegten Feldversuch – Fachleute würden von einem Test unter Realbedingungen sprechen. Schlechte Straßen, steile Steigungen, unvorhergesehene technische Defekte und eine begrenzte Reichweite machten die Reise zu einer echten Bewährungsprobe für Mensch und Maschine.

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Die wahre Schwachstelle lag außerhalb des Motors

Der Benz Patent-Motorwagen Nummer 3 verfügte über einen Einzylinder-Viertaktmotor mit einer Leistung von etwa zwei bis drei PS. Unter günstigen Bedingungen erreichte das Fahrzeug Geschwindigkeiten von bis zu 20 km/h, was für die damalige Zeit durchaus beeindruckend war. Doch bereits nach wenigen Stunden zeigte sich die eigentliche Schwachstelle des neuen Verkehrsmittels: Der Kraftstoff ging zur Neige.

Was heute völlig banal klingt, war 1888 ein logistischer Albtraum. Es gab keine Zapfsäulen, keine Kraftstofflogistik und keine standardisierte Versorgung. Der Motorwagen nutzte Ligroin, ein leicht siedendes Erdöldestillat, das damals vor allem als Reinigungs- und Lösungsmittel (Fleckenwasser) verkauft wurde. Wer Ligroin benötigte, ging daher in die Apotheke. So auch Bertha Benz.

Der historische Tankstopp in der Stadtapotheke Wiesloch

In Wiesloch steuerte sie gezielt die Stadtapotheke an. Der dortige Apotheker, Willy Ockel, verkaufte ihr rund drei Liter des begehrten Ligroins. Bei einem damaligen, enormen Verbrauch von schätzungsweise 10 bis 15 l auf 100 km – bedingt durch die noch in den Kinderschuhen steckende Vergasertechnik – war das zwar kein Volltank, aber genau die nötige Menge Treibstoff, um die nächste Etappe zu sichern.

Aus heutiger Sicht wirkt dieser Zwischenstopp unscheinbar, doch tatsächlich markiert er einen Wendepunkt der Technikgeschichte. Denn erstmals wurde unmissverständlich deutlich, dass die Zukunft des Automobils nicht allein von Motoren, Fahrwerken oder Getrieben abhängen würde. Ebenso entscheidend war die Frage, wie Fahrzeuge unterwegs verlässlich mit Energie versorgt werden können. Die Apotheke wurde erst rückblickend zur „ersten Tankstelle der Welt“, weil dort erstmals Treibstoff für eine Fernfahrt nachgefüllt wurde. Gerade diese Tatsache macht den Ort so faszinierend: Er steht symbolisch für den Moment, in dem aus einer isolierten technischen Erfindung langsam ein echtes Mobilitätssystem wurde.

Ein frühes Lehrstück des Systemengineerings

Aus Sicht moderner Ingenieurwissenschaften und des Systemengineerings lässt sich die Reise der Bertha Benz als Paradebeispiel für Systemdenken verstehen. Ein Fahrzeug funktioniert niemals isoliert. Es benötigt ein ganzes Netz aus Energieversorgung, Wartung, Ersatzteilen, Verkehrswegen und nicht zuletzt Nutzerakzeptanz. Fehlt auch nur einer dieser Bausteine, gerät das gesamte System ins Stocken.

Genau das wurde 1888 in Wiesloch sichtbar. Der Motorwagen war technisch einsatzfähig, doch ohne die spontane Infrastruktur der Apotheke wäre die Reise dort beendet gewesen. Die gleiche Erkenntnis begleitet uns bei neuen Technologien bis heute: Elektrofahrzeuge benötigen flächendeckende Schnellladenetze, Wasserstofffahrzeuge brauchen Tankstellen und autonome Fahrzeuge eine digitale Infrastruktur. Neue Antriebsformen setzen sich erst dann durch, wenn die passende Infrastruktur mitwächst.

Blick auf die Skulptur Bertha Benz, im Hintergrund die historische Stadt-Apotheke in Wiesloch

Wertvolle Erkenntnisse aus dem Feldversuch

Neben der Kraftstofffrage offenbarte die Reise zahlreiche weitere mechanische Herausforderungen. An mehreren Stellen verstopfte die Kraftstoffleitung, die Bertha Benz kurzerhand mit einer Hutnadel reinigte. Probleme an der Zündanlage löste sie mithilfe ihres Strumpfbandes, das als Isoliermaterial diente, und bei steilen Anstiegen mussten die beiden Söhne das Fahrzeug mehrfach anschieben, da eine entsprechende Übersetzung fehlte.

Auch die Bremsen erwiesen sich unter der Dauerbelastung als Schwachpunkt. Unterwegs ließ Bertha Benz daher bei einem Schuster Lederbeläge auf die Bremsbacken nageln – viele Historiker sehen darin den Vorläufer des modernen Bremsbelags. Die Fahrt lieferte somit unschätzbare Daten für die direkte Weiterentwicklung des Fahrzeugs und war ein durchweg erfolgreicher Praxistest.

Warum Wiesloch auch für die Mobilität von morgen relevant bleibt

Mehr als 130 Jahre später wirkt die Geschichte erstaunlich aktuell. Auch heute diskutieren wir in der Verkehrsplanung und in den Ingenieurwissenschaften weniger über die grundsätzliche Funktionsfähigkeit neuer Antriebe, sondern vor allem über die dazugehörige Infrastruktur. Bei der Elektromobilität geht es um Ladenetze und Netzkapazitäten, beim autonomen Fahren um die V2X-Kommunikation.

Die Kernfragen sind exakt dieselben geblieben: Wie kommt die Energie zum Fahrzeug? Wie zuverlässig funktioniert die Versorgung? Und wie alltagstauglich ist das Gesamtsystem? Der Unterschied besteht lediglich darin, dass im Jahr 1888 eine kleine Apotheke in einer badischen Kleinstadt die erste pragmatische Lösung lieferte.

Die Stadtapotheke in Wiesloch ist heute eine beliebte Station auf der Bertha-Benz-Memorial-Route. Doch die eigentliche Geschichte dahinter ist weit größer als das berühmte Schild an der Fassade. Sie erinnert uns Ingenieurinnen und Ingenieure bis heute daran, dass technische Innovationen mehr brauchen als eine brillante Idee – sie benötigen das perfekt abgestimmte Zusammenspiel eines ganzen Systems.



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