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Das Geschäft mit den Knochen

13. Mai 2011

Knochenbanken sammeln seit Jahren Knochen, Gewebe und Zell-Extrakte. Dieses Material wird bei Operationen genutzt; beispielsweise wenn Prothesen an Knie oder Hüfte ausgewechselt werden oder ein Zahnimplantat nicht richtig halten will. Viele Krankenhäuser unterhalten eine eigene Knochenbank. Kommerzielle Knochenbanken gibt es nur ein halbes Dutzend in Europa. Doch die Nachfrage steigt – dank der demografischen Entwicklung.
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Mehrmals in der Woche fährt ein unauffälliger Lieferwagen vor der „Clinique Edith Cavell“ in Brüssel vor, hält dann an der Brüsseler Universitätsklinik und legt später einen Stopp beim Krankenhaus St. Joseph in Arlon ein, bevor er nach Luxemburg zurückkehrt.

An Bord hat er kühl gelagerte Plastikbehälter, die von den Krankenhäusern abgeholt wurden. In ihnen schwimmt ein besonders kostbares Gut: die Oberschenkelköpfe von Hüftgelenken. „Sie sind in eine Salzlösung eingelegt und werden bei minus sechzig Grad konserviert“, erklärt Luc Alby.

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Der Franzose sitzt in einem schmucklosen Büro im Gewerbegebiet des Luxemburger Städtchens Münsbach. Nichts ist hier spektakulär, auf seinem Schreibtisch stapelt sich Papier. „Wir haben gerade die Transportbedingungen für die Hüftgelenksköpfe verbessert“, freut sich Alby, Geschäftsführer der Luxembourg Bone & Tissue Bank“ (LBTB).

Knochenbanken – das mag makaber klingen. Aber sie haben sich seit Jahrzehnten etabliert. Meist allerdings halten Krankenhäuser selbst Reserven des kostbaren Materials vor. Kommerziell arbeiten nur die wenigsten Knochenbanken – europaweit nur rund ein halbes Dutzend.

Doch ihr Geschäft boomt – nicht zuletzt dank der demografischen Entwicklung. „Die Nachfrage nach Knochen und Gewebe steigt“, erläutert Alby, „weil es immer mehr ältere Menschen gibt, die etwa an der Hüfte, am Knie oder auch am Gebiss operiert werden.“ Alby weiß, wovon der spricht. Er leitet seit 2005 die Luxemburger Knochenbank, eine der wenigen privaten in Europa.

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Um an die Knochen zu kommen, gibt es genaue Vorgaben; nicht zuletzt, um makaberen Anschuldigungen zu begegnen – wie der, dass Knochen von Toten ohne deren vorherige Einwilligung genutzt wurden.

Die Spender müssen leben und ihr Einverständnis zur Gewebespende geben. Ihnen wird das Material in der Regel im Rahmen der Implantation eines künstlichen Hüftgelenks und der damit verbundenen Entfernung des Hüftkopfes entnommen. „Wer beispielsweise ein künstliches Hüftgelenk erhält, kann sein echtes spenden“, erklärt Alby. „Darüber, welches Material sich eignet, entscheidet der operierende Arzt. Das Alter ist dabei nicht unbedingt der wichtigste Faktor.“

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In den Krankenhäusern werden die Oberschenkelköpfe in einer Salzlösung gelagert. Die Behälter stellt die Knochenbank. Sie sammelt das kostbare Material ein und schickt es dann zur Weiterbearbeitung.

Alby lässt die Behandlung und Tests auf eventuelle Krankheiten wie Aids oder Hepatitis vom französischen Unternehmen Biobank nach einem patentierten Verfahren durchführen: „Meine Landsleute sind führend in Europa, vor allem auch, was das Etablieren von Standards und Regeln angeht.“

Hat Biobank ihre Arbeit erledigt, schickt das Unternehmen Alby die trockenen Teile steril verpackt zurück: mal ganze Hüftköpfe, die wie trockene, weiße, faustgroße Schwämme aussehen, mal halbe Hüftgelenksköpfe, mal Knochenwürfel, mal Chips und mal Puder.

Alby verkauft das alles mit wachsendem Erfolg. Seiner Ansicht hat der auch damit zu tun, dass die Vorteile gegenüber synthetischen und keramischen Angeboten, Eigenspenden oder tierischen Knochen immer deutlicher gesehen werden. „Das humane Material wird vom Körper viel besser angenommen. Und wenn das Krankenhaus von uns kauft, erspart sich der Patient zudem schmerzhafte Eingriffe zur Entnahme von Eigenknochen.“

Eingesetzt werden solche Knochensubstanzen in der Traumatologie, der Neurochirurgie, der orthopädischen Chirurgie und im Hals-Nasen-Ohren-Bereich. Schon heute sind sogenannte allogene Knochentransplantationen Standard. Wirbelsäulenversteifung, Knochendefekte nach Tumorentfernung, Auswechseln künstlicher Gelenke und durch Brüche zerstörte Knochen sind typische Anwendungen. Und in dem Maße, in dem die europäischen Gesellschaften altern, steigt die Nachfrage.

Wenn ein älterer Patient beispielsweise schon mehrere Zähne verloren hat, bildet sich der Kiefernknochen langsam zurück. Dann kann der Arzt Knochenchips einsetzen und eine Membran darüberlegen. „Nach ein paar Monaten ist normalerweise alles in körpereigenes Gewebe umgebaut und der Patient kann sogar ein Dental-Implantat erhalten“, erklärt Alby den Prozess.

Neben Knochen vertreibt die LBTB auch Gewebe. Beliebt ist beispielsweise die Haut, die den Oberschenkelmuskel umschließt. Aber auch Bänder und Sehnen sind gefragt. Ebenfalls im Sortiment der Bank: ein Gel, das isolierte Wachstumsfaktoren enthält und bei Operationen verwendet wird.

Mehr als 12 % seines Umsatzes steckt Alby in Forschung und Entwicklung. So kommt es, dass er auch Knochenpaste im Sortiment hat. Sie wird wie eine Art Klebepaste genutzt, um beispielsweise Zahnimplantate zu befestigen. „Das Produkt gibt es noch nicht so lange, aber es wird immer beliebter“, stellt er fest.

Um mit der steigenden Nachfrage Schritt halten zu können, muss Alby nach immer neuen Lieferanten Ausschau halten. So sammelt er nicht nur in Luxemburg und Belgien Knochen, sondern auch in Frankreich und der Schweiz. Kooperierende Krankenhäuser müssen einem genauen Prozedere folgen, erhalten dafür aber günstigere Einkaufspreise.

Aber auch der Absatzmarkt hat sich vergrößert. Seit einem halben Jahr hat Alby eine Filiale in Athen, die Hellas Bone & Tissue Bank. Dafür gibt es zwei Gründe: „Zum einen liegen die Preise fünf bis 15 mal höher als hier, zum anderen wird diese Art von Material viel öfter eingesetzt, weil die griechische Krankenkasse es bezahlt.“

Aber der Markt für die Luxemburger LBTB ist weitaus größer. „Wir arbeiten mit den neuen EU-Ländern sowie Spanien und der Schweiz zusammen.“

Die Gründe für die hohe Nachfrage sieht der Experte zum einen in einer alternden Bevölkerung, in der Hüftoperationen immer häufiger sind. Gleichzeitig steigt in den Schwellenländern die Qualität der Versorgung und damit die Nachfrage nach Knochenmaterial. „Das Prinzip der Vorsicht bringt Chirurgen außerdem zunehmend dazu, sicheres, steriles Material wie das unsere zu verwenden“, ist Alby überzeugt.

Führend sind französische und US-amerikanische Unternehmen. Zwar gibt es eine EU-weite Regelung. „Aber die Deutschen haben zusätzliche Regeln gemacht. Das bewirkt eine Art Protektionismus und fördert die Qualität im Land nicht“, bedauert Alby, der gern auch Knochen und Gewebe in deutschen Krankenhäusern einsammeln würde.

Inzwischen wendet er sich lieber Frankreich zu. 2012 will er dort ebenfalls eine Filiale eröffnen.

Dabei ist es nicht nur die wachsende Zahl alter Menschen, die sein Geschäft boomen lässt. Auch neue Arbeitsweisen in der Chirurgie – vor allem bei Implantaten – verstärken die Nachfrage nach Knochenpuder und -paste. „Das demokratisiert sich“, glaubt Alby und schwärmt von den „kolossalen Märkten in Lateinamerika, Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten.“ Weltweit schätzt er den Markt bis 2015 auf 3,5 Mrd. $ bis 5 Mrd. $.



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