Vom Bergbau zum Orbit: NRW will europäische Raumfahrt-Spitzenregion werden
Von Space-Camps bis zu DLR-Laboren: NRW will sich als europäischer Hotspot für Raumfahrt etablieren. Die Landesregierung setzt auf Strategie, Hightech und Nachwuchsförderung.
Raumfahrt in NRW: Industrie, Forschung und Start-ups treiben den Wandel vom Industrieland zum Space-Standort voran.
Foto: picture alliance/dpa | Benjamin Westhoff
Von der Kohle zum Kosmos: Nordrhein-Westfalen (NRW) steht an der Schwelle zu einer neuen industriellen Ära. Während der klassische Industriestandort im Strukturwandel unter Druck steht, entsteht zwischen Köln, Aachen und dem Ruhrgebiet ein neues Wachstumsfeld: die Raumfahrt. Was lange als wissenschaftliche Nische galt, entwickelt sich zunehmend zu einem der härtesten und zugleich chancenreichsten Wirtschaftsmärkte des 21. Jahrhunderts – und zu einer realistischen Option für NRWs künftige industrielle Identität.
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Nordrhein-Westfalen will sich international als führender Raumfahrtstandort positionieren. Das geht aus einem vom schwarz-grünen Landeskabinett verabschiedeten „Chancenpapier Raumfahrt“ hervor, über das zuvor das Portal Table.Briefings berichtet hatte. Die Raumfahrt soll Arbeitsplätze schaffen, Innovationen fördern und Nordrhein-Westfalen als Innovations- und Technologiestandort weiter stärken.
Die unsichtbare Revolution: Raumfahrt als Motor des Alltags
Wenn heute von Raumfahrt die Rede ist, geht es längst nicht mehr nur um Raketenstarts oder ferne Planeten. Raumfahrt ist zu einer strategischen Infrastruktur geworden. Satelliten bilden die Grundlage für Navigation, Kommunikation, Klimabeobachtung, Katastrophenschutz und präzise Wetterdaten – und damit für zentrale Funktionen moderner Gesellschaften.
Der globale Raumfahrtmarkt lässt sich dabei in zwei große Segmente unterteilen, in denen NRW laut Chancenpapier bereits heute eine Schlüsselrolle einnimmt:
- Upstream-Markt: Entwicklung und Bau von Satelliten, Raketen, Komponenten und Explorationssystemen
- Downstream-Markt: Nutzung und Verarbeitung der gewonnenen Daten – von Internetdiensten über Navigation bis hin zur Erdbeobachtung
Gerade der Downstream-Bereich gilt als wirtschaftliches Kraftzentrum der Raumfahrt. „Künftig sollen Produkte aus dem Orbit den Alltag von Verbraucherinnen und Verbrauchern bereichern, so wie dies für die Materialforschung bereits der Fall ist“, heißt es im Papier. In beiden Marktsegmenten seien Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus Nordrhein-Westfalen bereits heute international wettbewerbsfähig aufgestellt.
Der weltweite Raumfahrtmarkt wächst rasant: Von rund 630 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 soll das Marktvolumen bis 2035 auf etwa 1,8 Billionen US-Dollar steigen. NRW deckt dabei nahezu das gesamte Wertschöpfungsnetz ab – von hochspezialisierten Raumfahrtkomponenten bis hin zu datenbasierten Anwendungen für den Alltag.
Resilienz und Sicherheit: Schutz aus dem Orbit
Raumfahrt ist zunehmend auch eine Frage der nationalen und europäischen Sicherheit. In Zeiten geopolitischer Spannungen entscheidet ein unabhängiger Zugang zum All darüber, ob Staaten handlungsfähig bleiben – etwa bei Kommunikation, Aufklärung oder Krisenmanagement.
Nordrhein-Westfalen nimmt hierbei eine zentrale Rolle ein:
- Uedem/Kalkar: Sitz des Weltraumkommandos der Bundeswehr, zuständig für die Überwachung und den Schutz von Satelliten
- Bonn: Standort des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das raumfahrtgestützte Systeme im Krisenfall nutzt
- Ruhrgebiet: Forschungsschwerpunkte im Bereich Cybersicherheit, unter anderem in Bochum, wo Institute an quantensicheren Verschlüsselungstechnologien arbeiten
Diese Kombination aus militärischer, ziviler und technologischer Kompetenz macht NRW zu einem strategischen Ankerpunkt der deutschen Raumfahrtarchitektur.
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Industriestärke als Fundament des Raumfahrtstandorts NRW
Nordrhein-Westfalen zählt zu den führenden Industrieregionen Europas, insbesondere im Bereich Werkstoffe und Materialien. Das Land verfügt über ein nahezu vollständiges industrielles Wertschöpfungsnetz – von der Herstellung grundlegender Werkstoffe über Halbzeuge bis hin zu hochkomplexen Komponenten und spezialisierten Dienstleistungen.
Besonders stark ist NRW bei Leichtbauwerkstoffen wie Aluminium, Titan und Faserverbundmaterialien. Diese sind unverzichtbar für Schlüsselbranchen wie Flugzeugbau, Automobilindustrie, Maschinenbau und Raumfahrt. Unternehmen im Land fertigen unter anderem Aluminiumkomponenten für Elektrofahrzeuge oder entwickeln faserverstärkte Strukturen für den Luft- und Raumfahrtsektor.
Ein wesentlicher Standortvorteil liegt in den kurzen Wegen: räumlich wie organisatorisch. Werkstoffproduzenten, spezialisierte Zulieferer, Forschungseinrichtungen und Dienstleister arbeiten eng zusammen – häufig über Branchengrenzen hinweg. Diese Vernetzung stärkt die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Region.
Forschung, Vernetzung und Wissenstransfer
Getragen wird der Raumfahrtstandort NRW von einer leistungsfähigen Forschungslandschaft. Hochschulen und außeruniversitäre Institute kooperieren eng mit der Industrie und entwickeln neue Materialien, Produktionsverfahren, Antriebstechnologien sowie moderne Design- und Engineering-Lösungen.
Der kontinuierliche Wissenstransfer, der über gemeinsame Projekte, Ausgründungen und qualifizierte Absolventinnen und Absolventen möglich ist, sorgt dafür, dass industrielle Innovationen schnell in marktfähige Anwendungen überführt werden. Nordrhein-Westfalen stärkt so nachhaltig seine Position als Technologie- und Raumfahrtstandort.
Fachkräfte für den Orbit: Wie NRW den Nachwuchs für die Raumfahrt gewinnt
Der globale Boom der Raumfahrtindustrie stößt zunehmend an eine kritische Grenze: den Mangel an hochqualifizierten MINT-Fachkräften. Ingenieur*innen, Informatiker*innen, Naturwissenschaftler*innen und Techniker*innen sind weltweit gefragt – und rar. Nordrhein-Westfalen begegnet dieser Herausforderung mit einer langfristig angelegten Nachwuchsstrategie, die Schule, außerschulische Bildung und Hochschulen systematisch miteinander verzahnt.
Ziel ist es, Begeisterung für Raumfahrt früh zu wecken, Talente gezielt zu fördern und qualifizierte Fachkräfte dauerhaft an den Raumfahrtstandort NRW zu binden. Der Ansatz ist bewusst mehrstufig: vom ersten Kontakt mit Raumfahrtthemen im Klassenzimmer bis hin zur spezialisierten wissenschaftlichen Ausbildung auf internationalem Niveau.
Raumfahrt im Klassenzimmer: Frühe Begeisterung als Schlüssel
Ein zentrales Instrument ist das Bildungsprogramm „Raumfahrt macht Schule“, das sich vor allem an die Sekundarstufe II richtet. Gemeinsam mit der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sollen Schulen gezielte, praxisnahe Angebote erhalten. Geplant sind unter anderem digitale Raumfahrtlabore, Hackathons und strukturierte Lehrerfortbildungen, die moderne Raumfahrttechnologien greifbar machen – angelehnt an erfolgreiche Modelle wie ESERO Germany.
Ergänzt wird das Programm durch Kooperationen mit Planetarien, Sternwarten und außerschulischen Lernorten. In Ferienzeiten sollen landesweite „Space Camps“ entstehen, die naturwissenschaftliche Bildung mit praktischer Projektarbeit verbinden und Raumfahrt als reales Berufsfeld sichtbar machen.
Lernen durch Erleben: DLR_SCHOOL_Labs und SpaceBuzz
Ein Herzstück der Nachwuchsförderung ist das DLR_SCHOOL_Lab Köln, das größte seiner Art in NRW. Seit mehr als zwei Jahrzehnten können Schülerinnen und Schüler hier selbst experimentieren – unter realen Forschungsbedingungen, etwa in einer großen Zentrifugenhalle. Betreut werden sie von Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und Studierenden der Natur- und Ingenieurwissenschaften.
Das DLR stellt dabei bewusst Anlagen zur Verfügung, die im Schulalltag nicht zugänglich sind. Ergänzend ist ein KidsLab geplant, um bereits Grundschulkindern einen frühen Zugang zu Raumfahrtthemen zu ermöglichen.
Auch mobile Bildungsformate spielen eine wichtige Rolle. Mit dem „SpaceBuzz RheinStar“, einer NRW-spezifischen Weiterentwicklung des bundesweiten Programms SpaceBuzz One, sollen immersive Lernerfahrungen geschaffen werden, die Raumfahrt emotional erlebbar machen. Schulen können sich zudem im Rahmen von „Raumfahrt macht Schule“ als „Sternenschule“ qualifizieren – etwa durch eigene Mikro- oder Nanosatellitenprojekte. Diese Schulen erhalten Zugang zu exklusiven Lernangeboten am Spacehub Cologne.
Raumfahrt sichtbar machen: Karrierewege und Öffentlichkeit
Um Raumfahrt als Berufsfeld stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, plant das Land den „Horizonte NRW – Tag der Raumfahrt & Karriere im Kosmos“. Mit einer begleitenden Berufsmesse und einem offiziellen Empfang im Landtag sollen MINT-Berufe, industrielle Raumfahrt und technologische Innovationen sichtbar werden – insbesondere für junge Menschen in der Berufsorientierung.
Auch bestehende Initiativen werden eingebunden: Der landesweit etablierte Roboterwettbewerb der Gemeinschaftsoffensive zdi.NRW steht 2026 unter dem Motto „zdi-Space-Adventures“. zdi.NRW gilt als größtes Netzwerk zur außerschulischen MINT-Förderung in Europa und erreicht jährlich zehntausende Jugendliche.
Hochschulen, Forschung und internationale Qualifikation
Auf akademischer Ebene will Nordrhein-Westfalen Strukturen schaffen, die Forschung, Innovation und gesellschaftliche Wirkung der Raumfahrt bündeln. Gemeinsam mit Partnern wie der DFG, dem DAAD, der Hochschulrektorenkonferenz und dem DLR sollen Schwerpunkte in Bereichen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Sicherheit, Mobilität und moderner Raumfahrtökonomie gesetzt werden.
Geplant sind unter anderem:
- ein Landesgraduiertenkolleg für Raumfahrtwirtschaft und Sicherheitsstudien
- der Ausbau spezialisierter, international ausgerichteter Studiengänge
- enge Kooperationen mit europäischen Partneruniversitäten
Parallel dazu will die Landesregierung bestehende Förderlinien gezielt nutzen, um Transferstrukturen zwischen Hochschulen, Industrie und Kapitalmärkten zu stärken. Ziel ist es, den Raumfahrtstandort NRW nicht nur technologisch, sondern auch ökonomisch breiter und widerstandsfähiger aufzustellen.
Vom Strukturwandel zum Lift-off
Nordrhein-Westfalen hat erkannt, dass Raumfahrt kein Zukunftsthema in ferner Zeit ist, sondern ein konkreter Wachstumstreiber für Industrie, Sicherheit und Innovation. Die Verbindung aus industrieller Basis, exzellenter Forschung, strategischer Infrastruktur und politischer Unterstützung macht das Land zu einem ernstzunehmenden Kandidaten für die Rolle eines europäischen Space-Hubs.
Der Weg führt von der Kohle zu Satelliten, von traditionellen Industrien zu Hightech und Quantentechnologien. Wenn es gelingt, Fachkräfte zu sichern und die internationale Sichtbarkeit weiter zu erhöhen, könnte NRW nicht nur den Strukturwandel meistern – sondern ihn aus dem Orbit mitgestalten.
Mit anderen Worten: NRW ist bereit für den Lift-off.
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