Wenn die Anreise zur Hürde wird 07.01.2026, 12:00 Uhr

Kein Direktflug, kein Wachstum: MIT-Studie zeigt harten Standortnachteil

20% weniger Firmen ohne Direktflug: Eine MIT-Langzeitstudie belegt den harten Zusammenhang zwischen Fluganbindung und wirtschaftlichem Wachstum.

Flugzeug landet

Kein Direktflug, kein Wachstum? Die neue MIT-Studie liefert klare Zahlen zur wirtschaftlichen Bedeutung der Luftverkehrsanbindung.

Foto: Smarterpix / potowizard

Eine neue Langzeitstudie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) belegt: Die Qualität der Fluganbindung ist ein entscheidender Faktor für das Wirtschaftswachstum einer Stadt. Werden Direktverbindungen gestrichen oder fehlen sie völlig, siedeln sich deutlich weniger internationale Unternehmen an. Besonders die Wissensökonomie leidet unter fehlender Erreichbarkeit, da persönliches Vertrauen und direkter Austausch durch digitale Tools allein nicht ersetzt werden können.

Wenn die Anreise zur Hürde wird

Stellen Sie sich vor, Sie müssten entscheiden, wo Sie eine neue Zweigstelle Ihres Unternehmens eröffnen. Würden Sie einen Ort wählen, an dem Ihre Führungskräfte und Fachleute jedes Mal zwei Zwischenstopps einlegen müssen? Wahrscheinlich nicht. Die Forschenden des MIT haben diesen instinktiven Impuls mit beeindruckenden Zahlen untermauert.

Für ihre Studie analysierten sie die Entwicklung von 7,5 Millionen Unternehmen in rund 800 Städten weltweit. Über einen Zeitraum von 30 Jahren – von 1993 bis 2023 – verfolgten sie, wie sich Flugverbindungen auf die Gründung multinationaler Tochtergesellschaften auswirken.

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Ernüchternd für Standorte mit schwacher Infrastruktur

Das Ergebnis ist ernüchternd für alle Standorte mit schwacher Infrastruktur: Städtepaare, die nur mit einem Zwischenstopp erreichbar sind, weisen 20% weniger Tochtergesellschaften auf als Städte mit einer direkten Flugverbindung. Müssen Reisende sogar zweimal umsteigen, liegt die Zahl der Ansiedlungen sogar um 34% niedriger. Umgerechnet bedeutet das: Jede fehlende Direktverbindung sorgt für einen Rückgang der jährlichen Neugründungen um etwa 1,8% bis 3,0%.

„Wir haben festgestellt, wie wichtig es für eine Stadt ist, in das globale Luftverkehrsnetz eingebunden zu sein“, erklärt Ambra Amico, MIT-Forscherin und Mitautorin der Veröffentlichung. Sie ergänzt: „Außerdem betonen wir die Bedeutung dieses Faktors für wissensintensive Wirtschaftszweige.“

Warum das Videomeeting nicht ausreicht

Man könnte nun einwenden, dass wir im Jahr 2026 leben. Wir haben Highspeed-Internet, hochauflösende Videokonferenzen und Tools für die digitale Zusammenarbeit, die fast alles ermöglichen. Doch die Daten der Studie sprechen eine andere Sprache. Der Zusammenhang zwischen Flugverbindungen und Firmenwachstum ist über die gesamten drei Jahrzehnte hinweg stabil geblieben. Weder der Siegeszug von Zoom und Teams noch die Zäsur der Covid-19-Pandemie haben daran etwas geändert.

Woran liegt das? Die Antwort ist zutiefst menschlich: Vertrauen entsteht am besten von Angesicht zu Angesicht. Siqi Zheng, Professor am MIT und Mitautor der Studie, bringt es auf den Punkt: „Wir haben sehr aussagekräftige empirische Ergebnisse über die Beziehung zwischen Mutter- und Tochterunternehmen und die Bedeutung der Konnektivität gefunden. Die wichtige Rolle, die die Konnektivität bei der Erleichterung von persönlichen Interaktionen, dem Aufbau von Vertrauen und dem Abbau von Informationsasymmetrien zwischen solchen Unternehmen spielt, ist von entscheidender Bedeutung.“

Wenn Sie eine wichtige Entscheidung treffen oder eine Krise in einer fernen Niederlassung lösen müssen, wollen Sie Ihren Gegenüber in die Augen schauen. Sie wollen die Stimmung vor Ort spüren, die Produktionshalle mit eigenen Sinnen erleben oder nach dem Meeting noch einen informellen Kaffee trinken. Diese Nuancen der zwischenmenschlichen Kommunikation lassen sich digital nur schwer einfangen. Die Luftverkehrsanbindung ist somit das physische Bindeglied der Globalisierung.

Wissensarbeit braucht Mobilität

Besonders deutlich wird dieser Effekt in Branchen, in denen Wissen das wichtigste Kapital ist. Im Finanzwesen, in der Beratung oder in der High-Tech-Forschung sind Expertinnen und Experten oft mobil. Wenn beispielsweise eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft regelmäßig Teams zu ihren Kunden schickt, spielen Reisezeit und Erreichbarkeit eine massive Rolle für die Kostenrechnung und die Effizienz.

„Wir waren fasziniert von der Heterogenität zwischen den Branchen“, sagt Wen-Chi Liao, Gastprofessor am MIT. Er führt weiter aus: „Die Ergebnisse sind intuitiv, aber es hat uns überrascht, dass das Muster so konsistent ist. Wenn die Natur der Branche persönliche Interaktion erfordert, ist die Fluganbindung wichtiger.“

Im Gegensatz dazu ist die klassische Fertigungsindustrie weniger sensibel für Flugpläne. Hier entscheiden eher die Qualität der Straßen, eine gute Bahnanbindung oder der Zugang zu Überseehäfen über den Standort. Einem Stahlträger ist es egal, ob er umsteigen muss – einer Ingenieurin oder einem Manager nicht.

Es kommt darauf an, wen man kennt

Die Forschenden gingen bei ihrer Analyse sehr detailliert vor. Sie nutzten die Orbis-Datenbank von Moody’s, die Daten von über 469 Millionen Unternehmen weltweit umfasst. Dabei betrachteten sie Firmen im Umkreis von 60 Kilometern um einen Flughafen. Eine zentrale Erkenntnis der Arbeit: Es reicht nicht, einfach nur „irgendwie“ angebunden zu sein.

Die Studie arbeitet mit dem Begriff der „Gradzentralität“. Das klingt technisch, bedeutet aber schlicht: Mit wie vielen anderen Orten ist eine Stadt direkt verbunden? Erhöht eine Stadt diese Zentralität um 10%, steigt die Zahl der dort ansässigen Tochterfirmen im Laufe eines Jahrzehnts um 4,3%.

Wichtig ist, mit welchen Städte man verbunden ist

Doch es gibt noch einen stärkeren Faktor: die Qualität des Netzwerks. Es ist entscheidend, wie gut die Städte vernetzt sind, die man von seinem Heimatflughafen aus erreicht. Wer direkt nach London, Singapur oder New York fliegen kann, profitiert ungleich mehr als jemand, der nur regionale Flugplätze ansteuert.

Fabio Duarte vom MIT Senseable City Lab sagt dazu: „Es kommt nicht nur darauf an, wie viele benachbarte [direkt verbundene] Städte man hat. Es ist auch wichtig, strategisch auszuwählen, mit welchen man verbunden ist. Wenn Sie mir sagen, mit wem Sie verbunden sind, sage ich Ihnen, wie erfolgreich Ihre Stadt sein wird.“

Ein Plädoyer für die Präsenz

Die Ergebnisse dieser Forschung, die heute in Nature Cities veröffentlicht wurden, sind ein Weckruf. In einer Zeit, in der über die Reduzierung von Flugreisen aus Klimaschutzgründen debattiert wird, zeigt die Studie die ökonomische Kehrseite der Medaille. Für die Wirtschaftskraft einer Region ist der Verzicht auf Konnektivität ein teurer Preis.

Dabei geht es nicht um blinden Wachstumsglauben, sondern um das Verständnis menschlicher Zusammenarbeit. Trotz aller geopolitischen Spannungen und technologischen Sprünge bleibt der persönliche Kontakt das Fundament des globalen Handels.

Ohne Flughafen bleiben viele Türen verschlossen

„Ironischerweise denke ich, dass es trotz Handels- und geopolitischer Spannungen immer wichtiger wird, persönliche Interaktionen zu pflegen, um Vertrauen für den globalen Handel und die globale Wirtschaft aufzubauen“, fügt Siqi Zheng hinzu. Man müsse immer noch reisen, um Geschäftspartner zu treffen. Die Fluganbindung sei daher ein Werkzeug, um mit globalen Unsicherheiten umzugehen.

„Es gibt eine Konsistenz über einen Zeitraum von 30 Jahren, die nicht zu unterschätzen ist“, resümiert Ambra Amico. Wir brauchten den persönlichen Austausch vor 30 Jahren und wir brauchen ihn heute. Wer als Stadtplaner oder Politikerin die Attraktivität eines Standorts sichern will, darf den Flughafen nicht nur als Lärmquelle betrachten. Er ist das Tor zur Welt – und ohne dieses Tor bleiben viele Türen für neue Firmenansiedlungen schlicht verschlossen.

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Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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