So könnten Wearables Leben retten 12.09.2025, 11:02 Uhr

Schwangerschaft überwachen per Fitness-Tracker – bald möglich?

Fitness-Tracker erkennen Muster in Schwangerschaften. Forschung zeigt: Wearables könnten Vorsorge verbessern und Versorgungslücken schließen.

Schwangerschaft

Ein Blick auf den Puls, ein Vergleich mit bekannten Mustern – und schon könnten Wearables Hinweise geben, ob eine Schwangerschaft normal verläuft.

Foto: Smarterpix / IgorVetushko

Ein Fitness-Tracker am Handgelenk misst Schritte, Puls oder Schlafphasen. Millionen Menschen tragen solche Geräte längst im Alltag. Nun zeigt sich: Dieselben Sensoren könnten bald weit mehr leisten – sie könnten Schwangerschaften überwachen.

Forschende von Scripps Research haben Daten ausgewertet, die nahelegen, dass Wearables Veränderungen im Körper von Schwangeren erfassen können. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die über tragbare Sensoren gesammelten Signale den erwarteten Veränderungen des Hormonspiegels folgen und einzigartige Muster erkennen können, die für Lebendgeburten spezifisch sind“, sagt Giorgio Quer, Co-Seniorautor der Studie.

Die Daten stammen nicht von Spezialgeräten, sondern von ganz normalen Modellen: Apple Watch, Fitbit oder Garmin.

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Technik trifft auf Medizin

Herzfrequenz, Aktivität, Schlaf – was Wearables standardmäßig erfassen, könnte sich als wertvolles Werkzeug in der Schwangerschaft herausstellen. Denn diese Werte reagieren auf hormonelle Schwankungen.

Die Forschenden fanden heraus, dass die Herzfrequenz von Teilnehmerinnen in der frühen Schwangerschaft zunächst leicht absank, danach aber kontinuierlich anstieg. Kurz vor der Geburt erreichte sie Spitzenwerte von bis zu 9,4 Schlägen pro Minute über dem Ausgangswert. Nach der Entbindung fiel die Frequenz wieder ab und stabilisierte sich erst nach mehreren Monaten.

Diese Muster decken sich mit bekannten hormonellen Veränderungen, etwa bei Östrogen, Progesteron und hCG. Damit könnten Wearables indirekt anzeigen, wie sich eine Schwangerschaft entwickelt.

Daten aus der Praxis

Um an diese Informationen zu gelangen, nutzte das Team die Plattform PowerMom. Dort gaben über 5600 Schwangere freiwillig Daten weiter, die ihre Tracker ohnehin aufgezeichnet hatten. Für die Auswertung wählten die Forschenden 108 Frauen aus, die ihre Werte über einen besonders langen Zeitraum teilten – von drei Monaten vor der Schwangerschaft bis zu einem halben Jahr nach der Geburt.

Die Datensätze waren äußerst vielfältig: verschiedene Geräte, unterschiedliche Lebensweisen, individuelle Körper. Mit statistischen Verfahren gelang es dennoch, Muster zu identifizieren, die nicht auf Zufall zurückzuführen waren.

Tolúwalàṣẹ Àjàyí, Co-Seniorautor der Studie, betont: „Die Entdeckung des Zusammenhangs zwischen Herzfrequenz und Hormonveränderungen könnte neue Wege eröffnen, um den Beginn einer Schwangerschaft vorherzusagen oder Anzeichen für unerwünschte Folgen wie Schwangerschaftsdiabetes oder Präeklampsie zu erkennen.“

Warum das wichtig ist

Alleine in Deutschland lebten laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 16,5 Millionenn Frauen im gebärfähigen Alter – nicht überall ist die Versorgung mit Ärzten gleich gut. Gerade auf dem Land ist die regelmäßige medizinische Vorsorge nur mit einem gewissen Aufwand möglich. In vielen Ländern auf der Erde ist die Lage noch wesentlich dramatischer. Wearables könnten hier eine Hilfe sein.

Die Geräte sind günstig, mobil und oft schon vorhanden. Sie könnten so zu einem Hilfsmittel für Frauen werden, die weit entfernt von Arztpraxen oder Kliniken wohnen. Auch eine kontinuierliche Überwachung von Risikoschwangerschaften wäre denkbar – ein Bereich, in dem bisher viele Daten fehlen.

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Noch nicht am Ziel

Die Studie liefert erste Hinweise, aber keine endgültigen Antworten. Denn bei Schwangerschaften mit Komplikationen wie Fehl- oder Totgeburten zeigten sich zwar abweichende Muster, doch die Zahl der untersuchten Fälle war zu klein für sichere Schlüsse.

Weitere Studien sollen nun zeigen, wie verlässlich die Methode wirklich ist. Dazu wollen die Forschenden Wearable-Daten mit Blutwerten vergleichen. Nur so lässt sich klären, ob die Messungen am Handgelenk tatsächlich präzise genug sind, um klinische Entscheidungen zu unterstützen.

Gesellschaftlicher Sprengstoff

Neben der Technik wirft die Idee auch gesellschaftliche Fragen auf: Wem gehören die Daten? Wer wertet sie aus? Und wie lässt sich verhindern, dass Frauen mit schwierigen Schwangerschaftsverläufen allein auf eine App verwiesen werden?

Die Forschenden betonen, dass es nicht um einen Ersatz ärztlicher Betreuung geht. Vielmehr soll die Technologie als Ergänzung dienen, um Entwicklungen früh zu erkennen.

Giulia Milan, Doktorandin an der UC San Diego und Erstautorin der Studie, erklärt: „Unser Ziel ist es, festzustellen, ob dieser Ansatz letztendlich zu einer individuelleren Schwangerschaftsvorsorge beitragen könnte.“

Vom Alltagsgadget zum Medizinwerkzeug

Wearables haben schon früher gezeigt, dass sie mehr können als Schritte zählen. Bei COVID-19 lieferten Tracker Hinweise auf Infektionen, bevor Symptome sichtbar wurden. Auch bei Herzrhythmusstörungen kommen sie inzwischen zum Einsatz.

Die Überwachung von Schwangerschaften könnte ein weiteres Kapitel dieser Entwicklung sein. Für die Medizin eröffnet sich damit die Chance, Daten in bisher ungekannter Dichte und Regelmäßigkeit zu erhalten.

Die Forschenden von Scripps Research arbeiten nun daran, Unterschiede zwischen Altersgruppen, Regionen und sozialen Hintergründen zu untersuchen. So soll geklärt werden, ob die Technologie für alle gleich gut funktioniert – oder ob Anpassungen nötig sind.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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