4 Wochen später: Was nach dem Berliner Stromausfall bleibt
Mehrere Tage ohne Strom, ausgefallene Heizungen und viele Lehren: So sieht es vier Wochen nach dem Brandanschlag in Berlin aus.
Nur der Mond leuchtete Anfang Januar in Teilen von Berlin. Der Blackout hat viele geschockt und nach wie vor ist die Aufarbeitung in vollem Gange.
Foto: picture alliance/dpa | Elisa Schu
Normalerweise ist es ruhig in der Kleingartenkolonie „Zukunft“ am Teltow-Kanal in Berlin-Lichterfelde, vor allem im Winter. Doch am 3. Januar wurde dieser Ort zum Ausgangspunkt eines Ereignisses, das viele Berlinerinnen und Berliner noch lange beschäftigen dürfte. Unbekannte legten an einer Kanalbrücke mit wichtigen Stromkabeln Feuer. Die Ermittler gehen von einem politisch motivierten Brandanschlag aus. Die Wirkung war enorm.
Innerhalb kurzer Zeit fiel im Südwesten Berlins der Strom aus. Rund 100.000 Menschen in etwa 45.000 Haushalten sowie mehr als 2000 Betriebe waren betroffen. Es war kalt, es lag Schnee. Mit dem Strom verschwanden auch Heizung, Internet und Telefon. Bei manchen dauerte es mehr als vier Tage, bis das Licht wieder anging. So lange war Berlin seit dem Krieg nicht mehr von einem Stromausfall betroffen.
Aufarbeitung statt Alltag
Vier Wochen danach ist der Blackout noch immer Thema. Nicht nur an der beschädigten Kabelbrücke wird gearbeitet. Auch bei Behörden, Netzbetreibern, Handwerksbetrieben und sozialen Einrichtungen sind die Listen lang. Was ist schiefgelaufen? Was hat funktioniert? Und was muss sich ändern, damit ein solcher Ausfall künftig weniger Schaden anrichtet?
Der Einsatz war groß. Notunterkünfte entstanden, Wärmestuben öffneten, mobile Stromerzeuger wurden organisiert. Sogar die Bundeswehr unterstützte. Viele Beteiligte sagen heute: Das Krisenmanagement habe insgesamt funktioniert. Aber eben nicht reibungslos.
Wenn Technik im Haus versagt
Besonders sichtbar wurden die Folgen in vielen Ein- und Mehrfamilienhäusern. Heizungen fielen aus, Wasserleitungen froren ein, elektronische Steuerungen nahmen Schaden. Installationsbetriebe arbeiten bis heute am Limit.
„Die Schäden sind da“, sagt Christian Roloff, Inhaber eines Heizungs- und Sanitärbetriebs in Zehlendorf. Gasheizungen und Wärmepumpen seien besonders anfällig gewesen. Teilweise, weil Sicherungen beim Wiederanschalten nicht herausgenommen wurden. Teilweise, weil Menschen versuchten, ihre Anlage mit improvisierten Notstromaggregaten wiederzubeleben. Unsachgemäß.
Die Reparaturen kosten Geld. Oft mehrere Tausend Euro, manchmal deutlich mehr. Vor allem kosten sie Zeit. Roloff rechnet damit, dass sein Team noch Wochen braucht, um alle Fälle abzuarbeiten. Bis dahin helfen sich viele mit Heizlüftern, Ölradiatoren oder Kaminen – wenn sie einen haben.
Strom zurück, aber nicht im Originalzustand
Auch für den Netzbetreiber ist die Arbeit längst nicht abgeschlossen. Zwar gelang es, die Versorgung relativ schnell wiederherzustellen. Das geschah über provisorische Leitungen und eine zusätzliche Verbindung zwischen zwei Umspannwerken. Stabil, aber nicht so, wie das Netz ursprünglich aufgebaut war.
„Jetzt arbeiten wir daran, den originalen Netzzustand wiederherzustellen“, sagt Henrik Beuster, Sprecher von Stromnetz Berlin. An der beschädigten Kabelbrücke müssen zunächst zerstörte Hoch- und Mittelspannungsleitungen geborgen werden. Wie genau der Wiederaufbau aussieht, ist offen. Möglich ist auch eine neue Trasse an anderer Stelle. Klar ist nur: Es wird Monate dauern. Und billig wird es nicht.
Kleine Steckdose, großes Problem
Wie entscheidend Details sein können, zeigte sich in Pflegeeinrichtungen. Im Heinrich- und Margarete-Grüber-Haus in Zehlendorf leben rund 70 pflegebedürftige Seniorinnen und Senioren, viele mit Demenz. Eine Evakuierung konnte vermieden werden. Dennoch fiel nach dem Stromausfall die Heizung aus, ebenso die Abwasserpumpe. Wasser sammelte sich im Keller.
„Wir konnten schnell Notstromaggregate beschaffen und wollten die Anlagen wieder hochfahren“, sagt Michael Blümchen, Geschäftsführer Pflege der Stiftung Evangelisches Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin. „Problem war nur: Die Anschlüsse passten nicht.“ Für den Umbau wäre ein Elektriker nötig gewesen – in dieser Lage kaum zu bekommen. Jetzt sollen passende Anschlüsse fest installiert werden. Eine direkte Lehre aus der Krise.
Politik sieht Handlungsbedarf
Auch der Berliner Senat zieht Konsequenzen. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner spricht von veränderten Bedrohungslagen. Kritische Infrastruktur müsse besser geschützt werden. Kurzfristig sind mehr Videoüberwachung und Wachschutz an sensiblen Punkten des Stromnetzes geplant.
Langfristig soll auch der Katastrophenschutz gestärkt werden. Diskutiert werden ein zentraler Krisenstab, ein besserer Informationsfluss zwischen Behörden und Hilfsorganisationen sowie eine robustere Absicherung der Mobilfunknetze. Mehr Personal und bessere Ausstattung für die Bezirke stehen ebenfalls auf der Agenda. Wie schnell all das umgesetzt wird, ist noch offen.
Was bleibt bei den Menschen hängen?
Der Blackout hat vielen vor Augen geführt, wie abhängig der Alltag von Strom ist. Smartphone, Homeoffice, Online-Banking – plötzlich alles wertlos. Selbst Kochen, Kühlen oder Telefonieren funktionierten nicht mehr.
Hinweise des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe bekommen dadurch neues Gewicht. Ein kleiner Vorrat an Lebensmitteln, Getränken, Batterien oder Powerbanks kann helfen. Auch ein batteriebetriebenes Radio ist sinnvoll, wenn digitale Kanäle ausfallen. Es geht nicht um Angst, sondern um Vorbereitung.
Wenn Nachbarschaft plötzlich zählt
Neben Technik und Politik zeigte der Blackout auch eine soziale Seite. In einer Stadt, in der viele für sich leben, rückte man zusammen. Nachbarn halfen einander. Kirchengemeinden und Vereine boten Essen und Wärme an.
Der Psychologe Peter Walschburger beobachtet solche Effekte seit Jahren. In Krisen entstünden schnell funktionierende Netzwerke. „Sie beruhen auf Vertrauen“, sagt er. Dauerhaft sei das schwer zu erhalten. „Leider verpufft das schnell wieder.“ Trotzdem könne man Zusammenhalt üben – im Alltag, mit kleinen Gesten. (mit Material der dpa)
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