Strom ohne Kabel: Was steckt hinter dem Hype?
In den sozialen Medien kursieren Meldungen über revolutionäre kabellose Stromübertragung aus Finnland. Tatsächlich arbeiten mehrere Forscherteams seit Jahren an der Technologie. Sie erzielen echte Fortschritte, doch bis zur Kommerzialisierung ist es noch ein langer Weg.
Mit speziellen Ladepads lassen sich Smartphones schon heute ohne Kabel laden.
Foto: picture alliance/dpa | Patrick Pleul
„Electricity — without wires“, „Power moving through air without cables“: Solche Schlagzeilen gehen derzeit durch die sozialen Medien. Die Posts vermengen dabei verschiedene Forschungsprojekte aus Finnland zu einer vermeintlichen Revolution.
Tatsächlich gab es in dem nordeuropäischen Land spannende Forschung zum kabellosen Strom, aber von einem echten Durchbruch ist man noch relativ weit entfernt. Was an dem Hype dran ist – und was nicht.
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Was die viralen Posts behaupten
Die meisten Beiträge auf Facebook, Instagram und Co. vermischen mehrere finnische Forschungsprojekte. Oft genannt wird eine Studie, bei der Wissenschaftler elektrische Funken mit Ultraschallwellen durch die Luft lenken, quasi ein „akustischer Draht“. Die Studie erschien im Februar 2025 im Fachjournal Science Advances.
Aber: Die Ultraschall-Studie stammt hauptsächlich von der spanischen Universität Navarra. Die Universität Helsinki war beteiligt, die in den Posts ebenfalls genannte Universität Oulu hingegen gar nicht. Oulu forscht zwar auch an kabelloser Energieübertragung, aber mit Radiowellen, nicht mit Ultraschall.
Was zeigt die Studie tatsächlich?
Die Forscher lenkten Funken von vier Zentimetern Länge um Hindernisse herum: ein spannender Laborversuch, aber keine Alternative zu Stromkabeln. Es geht um die räumliche Steuerung von Entladungen, nicht um die Übertragung elektrischer Leistung.
Professor Ari Salmi von der Universität Helsinki sieht die Anwendung laut Pressemitteilung der Uni eher in Nischen: „Die präzise Kontrolle von Funken ermöglicht ihren Einsatz in der Atmosphärenforschung, bei biologischen Verfahren und der gezielten Stromversorgung von Schaltkreisen.“ Sein Kollege Josu Irisarri von der Universität Navarra, Erstautor der Studie, sprach von einem möglichen kontaktlosen Braille-System für Blinde.
Die praxisnähere Forschung kommt aus Espoo
Deutlich praxisnäher sind die Arbeiten an der Aalto-Universität in Espoo. Dort verfolgen zwei Teams unterschiedliche Ansätze für kabelloses Laden.
Laden auf der gesamten Fläche (2022)
Kabelloses Laden per Qi-Standard ist bei Smartphones längst Alltag. Allerdings muss das Gerät dabei präzise auf dem Ladepad liegen. Das Team um den Postdoktoranden Prasad Jayathurathnage geht einen Schritt weiter: Anfang 2022 stellte es ein System vor, das Geräte unabhängig von ihrer Position laden kann.
Das Konzept: Sendespulen werden in einem Gittermuster angeordnet, wobei benachbarte Spulen den Strom in entgegengesetzte Richtungen leiten. Das erzeugt ein schachbrettartiges Muster wechselnder Feldrichtungen. Ein Empfänger über diesem Gitter fängt den magnetischen Fluss automatisch auf. „Die Schönheit unserer Methode liegt darin, dass sie sehr einfach und doch ausgeklügelt ist“, sagte Jayathurathnage in einer Pressemitteilung der Aalto-Universität. „Wir brauchen keinen Hochleistungsprozessor, um die Sender intelligent zu machen.“
Das System wurde mit dem finnischen Unternehmen Solteq Robotics in kommerziellen Lagerhäusern getestet. Dort laden sich Transportroboter während der Fahrt auf. Die Ergebnisse veröffentlichte das Team im IEEE Journal of Emerging and Selected Topics in Industrial Electronics.
Hohe Effizienz über größere Distanzen (2023)
Im Juli 2023 folgte eine zweite Studie aus Espoo: Das Team um Professor Sergei Tretyakov und den Postdoktoranden Nam Ha-Van präsentierte eine Methode, die auch über größere Abstände hohe Effizienz erreicht.
Bei herkömmlichen Systemen bricht die Effizienz schnell ein, sobald Sender und Empfänger mehr als wenige Zentimeter voneinander entfernt sind. Die Aalto-Forscher lösten das Problem durch sogenannte Strahlungsunterdrückung: Wenn die Ströme in den Antennen gleiche Amplitude, aber entgegengesetzte Phase haben, lassen sich Strahlungsverluste minimieren.
In Tests mit zwei Antennen von je 7,2 cm Durchmesser erreichten sie über 80 % Effizienz. Dies war laut den Forschern selbst bei 18 cm Abstand möglich, also dem Fünffachen des Antennendurchmessers. Die Ergebnisse erschienen in Physical Review Applied.
Die Verbindung beider Ansätze
Prasad Jayathurathnage ist Co-Autor beider Aalto-Studien. Die Teams arbeiten also zusammen: Das eine System ermöglicht positionsunabhängiges Laden auf Flächen, das andere überbrückt größere Distanzen effizient.
Wo steht die Kommerzialisierung?
Die Aalto-Technologie hat das Labor zumindest teilweise verlassen. Jayathurathnage leitet das von Business Finland finanzierte Projekt Parkzia das die Systeme für den Einsatz z.B. in der Industrie marktreif machen soll. Ziel ist es, die Leistung von derzeit rund 1 kW auf 20 kW zu steigern. Damit ließen sich Elektrofahrzeuge während der Fahrt laden.
Für Endverbraucher liegt die Technologie aber noch in weiterer Ferne. Jayathurathnage nannte 2022 die Küche als Vorbild: „Im Moment muss man einen Reiskocher oder Mixer an einen bestimmten Platz stellen. Mit unserer Technologie können wir die gesamte Küchenarbeitsplatte zur Stromquelle machen.“
So schnell wird das Kabel nicht obsolet
Die viralen Posts übertreiben: Die Ultraschall-Experimente aus Helsinki sind Grundlagenforschung und noch keine marktreife Technologie. Von einer kabellosen Stromversorgung für ganze Gebäude oder gar Städte ist die Elektrotechnik noch weit entfernt.
Übrigens arbeitet auch die Raumfahrt an drahtloser Stromübertragung: Die europäische Weltraumagentur ESA untersuchte bis 2024 im Projekt „Solaris“, wie sich mittels Solarkraftwerken im Orbit die Energie per Mikrowellenstrahl zur Erde senden lassen. Photovoltaik-Module sammeln dabei im rund um die Uhr Sonnenlicht im All, ohne durch Wolken behindert zu werden. Der Strom wird dann in Mikrowellenstrahlung umgewandelt und zur Erde gebeamt.
Doch auch das dürfte noch bis mindestens 2040 dauern. Fazit: Eine flächendeckende kabellose Stromversorgung könnte sich über verschiedene Wege realisieren lassen. Bis es soweit ist, bleibt sie erstmal Zukunftsmusik.
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