Wasserbedarf messen 01.04.2026, 08:37 Uhr

Elektronisches Tattoo zeigt, wann Pflanzen wirklich Durst haben

Graphen-Sensor erkennt Trockenstress direkt am Blatt. Neue Technik liefert Daten für Ernte, Wasserverbrauch und Waldbrandschutz.

Jean Anne Incorvia, eine der leitenden Forscherinnen der Studie, arbeitet in ihrem Labor mit einem elektronischen Tattoo-Sensor, der an einem Pflanzenblatt befestigt ist

Jean Anne Incorvia, eine der leitenden Forscherinnen der Studie, arbeitet in ihrem Labor mit einem elektronischen Tattoo-Sensor, der an einem Pflanzenblatt befestigt ist und den Wasserbedarf misst.

Foto: The University of Texas at Austin

Hängt das Blatt der Zimmerpflanze nur ein wenig herab oder leidet das Gewächs bereits unter akutem Wassermangel? Was im heimischen Wohnzimmer oft ein Ratespiel ist, stellt für die Land- und Forstwirtschaft ein existenzielles Problem dar.

Bisherige Methoden, um den Wasserhaushalt von Pflanzen präzise zu bestimmen, sind meist aufwendig oder zerstörerisch. Oft müssen Forschende Proben im Labor untersuchen, die sie zuvor mühsam im Feld gesammelt haben. Ein Team der University of Texas at Austin hat nun eine Lösung entwickelt: ein ultradünnes Sensorsystem, das direkt auf dem Blatt misst und kontinuierliche Daten liefert.

Graphen-Sensoren direkt auf dem lebenden Blatt

Die Technologie basiert auf dem Material Graphen. Dieses ist extrem flexibel, robust und leitet Strom sehr gut. Die Forschenden fertigten daraus ein elektronisches Tattoo an, das direkt auf die Oberfläche lebender Blätter aufgebracht wird. Im Gegensatz zu früheren Sensoren schädigt dieses System die Pflanze nicht. Es ermöglicht Messungen über längere Zeiträume hinweg direkt am lebenden Gewebe.

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Jean Anne Incorvia, Professorin an der Cockrell School of Engineering, betont den strategischen Vorteil: „Die Möglichkeit, das lebende Blatt im Laufe der Zeit direkt am Ort der Photosynthese zu messen und zu überwachen, liefert uns mehr Informationen, um den Gesundheitszustand unserer Pflanzenökosysteme zu verstehen, sei es bei einer einzelnen Pflanze oder einem ganzen Wald.“

Warum die Echtzeit-Messung den Unterschied macht

Der Wassergehalt in den Blättern gilt als einer der zuverlässigsten Indikatoren für den Zustand der Vegetation. Besonders für die Vorhersage von Waldbränden ist dieser Wert relevant, da er den Feuchtigkeitsgehalt des „lebenden Brennstoffs“ beschreibt.

Ashley Matheny, Professorin am Department of Earth and Planetary Sciences, erklärt:
„Anstatt zu verschiedenen Tageszeiten Leute losschicken zu müssen, können wir Daten fast augenblicklich in kritischen Zeiträumen wie am frühen Morgen und am späten Nachmittag oder an einem heißen, windigen Tag erfassen.“

Frühere Methoden erforderten oft das Abschneiden von Ästen oder sogar das Abschießen von Proben aus hohen Baumkronen. Das neue Graphen-Tattoo reduziert diesen Aufwand erheblich und ermöglicht erstmals eine kontinuierliche Überwachung direkt im Feld.

Die zentralen Vorteile im Überblick:

  • Direkte Messung: Daten entstehen unmittelbar im Blatt, ohne Zeitverzögerung durch Transport oder Laboranalyse
  • Schonendes Verfahren: Die Pflanze bleibt intakt
  • Skalierbarkeit: Der geringe Energiebedarf erlaubt den Einsatz in großen Netzwerken

Künstliche Intelligenz im Miniaturformat

Die Funktionsweise ist technisch klar definiert: Ein schwacher Stromimpuls regt die Bewegung von Ionen im Blattgewebe an. Abhängig vom Wassergehalt verändert sich die elektrische Leitfähigkeit. Diese Änderung erfasst der Sensor. Die Auswertung erfolgt modellbasiert, sodass sich aus den elektrischen Signalen Rückschlüsse auf den Feuchtigkeitszustand ziehen lassen.

Das Verfahren entspricht einer Form der elektrochemischen Leitfähigkeitsmessung direkt im lebenden Gewebe. Der Wassergehalt wird dabei nicht direkt gemessen, sondern aus den elektrischen Eigenschaften abgeleitet.

Elektronisches Tattoo misst Wasserstress bei Pflanzen in Echtzeit. Foto: The University of Texas at Austin

Besonders auffällig ist der geringe Energiebedarf. Ein Sensor benötigt lediglich 23 Attojoule pro Aktualisierung und rund 0,23 Mikrowatt Leistung zum Auslesen. Damit lassen sich auch große Sensornetzwerke betreiben, etwa über kleine Solarzellen.

Hinzu kommt eine integrierte, speichernde Signalverarbeitung. Die Sensoren zeigen ein sogenanntes synaptisches Verhalten. Sie können Messverläufe lokal speichern und einfache Auswertungen direkt am Messpunkt durchführen. Dieser Ansatz reduziert die Datenübertragung und damit den Energieverbrauch deutlich.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel

Die Entstehung dieser Technik ist einem internen Vernetzungsprogramm der Universität zu verdanken. Ursprünglich arbeiteten die Forschenden an der Messung von Protonenbewegungen in Graphenstrukturen. Die Idee, diese Technik auf Pflanzen zu übertragen, entstand aus einem interdisziplinären Austausch.

Erst durch die Zusammenarbeit zwischen Elektrotechnik und Geowissenschaften entwickelte sich daraus ein System mit konkretem Anwendungsbezug. Künftig sollen die Daten aus den Blattsensoren mit Informationen aus Boden- und Holzmessungen kombiniert werden. Ziel ist ein umfassenderes Verständnis von Wasserflüssen in Ökosystemen.

Matheny fasst zusammen: „Wenn ich etwas über die Blätter weiß, kann ich besser vorhersagen, was mit dem Holz geschieht.“

Wo die Grenzen der Technologie liegen

Trotz des Potenzials befindet sich die Technologie noch im Forschungsstadium. Mehrere Fragen sind offen:

  • Langzeitstabilität: Wie zuverlässig arbeiten die Sensoren unter UV-Strahlung, Regen und Temperaturschwankungen?
  • Haftung: Blätter verändern ihre Oberfläche durch Wachstum und biologische Prozesse
  • Übertragbarkeit: Unterschiedliche Pflanzenarten reagieren unterschiedlich auf Messverfahren
  • Kalibrierung: Modelle müssen für verschiedene Umweltbedingungen angepasst werden

Erst wenn diese Punkte geklärt sind, lässt sich beurteilen, ob sich das System großflächig einsetzen lässt.

In Zeiten zunehmender Dürreperioden und steigender Waldbrandrisiken könnte die Technologie dennoch ein wichtiges Werkzeug werden. Sie liefert Daten, die bislang nur mit hohem Aufwand zugänglich waren – direkt aus dem Blatt heraus.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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