Rückkehr der Älteren: „Sonnenscheinmanager sind nicht en vogue“
Personalberater Hagen Schönfeld von Masterpiece über „Resume Botox“, Altersbias – und warum die viel zitierten „alten weißen Männer“ im Management wieder Chancen haben.
Masterpiece: Hagen Schönfeld München, 12.11.2021
Foto: Frank Bauer/Masterpiece GmbH
ingenieur.de: Herr Schönfeld, gerade verlieren viele erfahrene Führungskräfte ihren Job. Haben Ältere aktuell schlechte Karten?
Hagen Schönfeld: Sie haben es schwerer – aber sie sind nicht chancenlos. Viele Unternehmen dünnen gerade die zweite und dritte Führungsebene aus. Diese Positionen sind teuer, die Hierarchien wurden über Jahre aufgebläht. Jetzt wird verschlankt. Wer dort sitzt, ist automatisch im Fokus. Aber gleichzeitig passiert etwas anderes: In der Krise verschieben sich die Anforderungen.
„China-Speed“ treibt die Unternehmen an
ingenieur.de: Was heißt das konkret?
Schönfeld: In guten Zeiten funktioniert Führung anders. Da geht es um Coaching, Enabling, Kulturarbeit. In Krisenzeiten geht es um Entscheidungen, um Restrukturierung, um Tempo. Ich sage es bewusst zugespitzt: Sonnenscheinmanager sind derzeit nicht en vogue. Unternehmen stehen unter massivem Transformationsdruck – Stichwort internationaler Wettbewerb und „China-Speed“. Der internationale Wettbewerb – gerade aus Asien – ist schnell und kompromisslos. Viele Firmen merken, dass sie Tempo aufnehmen müssen. Und dann wird gefragt: Wer bringt uns da durch? Da zählen Menschen, die schon Krisen erlebt haben. Dotcom-Blase, Finanzkrise – wer solche Phasen durchgestanden hat, weiß, was Unsicherheit in Organisationen anrichtet. Diese Erfahrung wird plötzlich wieder wertvoll.
Warum ältere Führungskräfte wieder eingestellt werden
ingenieur.de: Heißt das, ältere Führungskräfte haben wieder bessere Chancen?
Schönfeld: Ja – unter bestimmten Voraussetzungen. Wir besetzen aktuell 58- oder 60-Jährige. Das wäre vor fünf Jahren deutlich schwieriger gewesen.
In der Transformation und Restrukturierung brauchen Unternehmen Führungskräfte, die unbequeme Entscheidungen treffen und Stabilität in unsicheren Zeiten bieten. Erfahrung schafft Orientierung, wenn Organisationen verunsichert sind. Zudem haben viele erfahrene Manager einen Vorteil: Sie sind bereit, zwei oder drei Jahre Vollgas zu geben, um ein Unternehmen neu auszurichten. Diese Flexibilität hinsichtlich eines begrenzten Mandats wird geschätzt. Ganz klar: Das Alter allein entscheidet nicht – die Haltung entscheidet.
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„Resume Botox“ ist keine gute Idee
ingenieur.de: Manche versuchen, ihr Alter im Lebenslauf weniger sichtbar zu machen. „Resume Botox“ – also die Darstellung der letzten 10 bis 15 Jahre und das Weglassen anderer Infos ist im Moment in.
Schönfeld: Ich verstehe die Verunsicherung. In den vergangenen Jahren war das Bild vom „alten weißen Mann“ medial sehr präsent. International lässt man Alter und Foto häufig weg, um Diskriminierung zu vermeiden. Aber bewusst zu verschleiern halte ich für falsch. Unklare Lebensläufe machen Recruiter misstrauisch – und jede KI reagiert sofort auf Lücken. Das Alter lässt sich ohnehin über Abschlussdaten rekonstruieren. Der bessere Weg ist: Die letzten zehn Jahre klar herausstellen. Sie zeigen Entwicklung, Verantwortung und Wirkung. Transparenz schlägt Kosmetik.
Achtung Ingenieure! Ergebnisse sprechen eben nicht für sich
ingenieur.de: Was müssen erfahrene Bewerber anders machen?
Schönfeld: Fachkompetenz ist selbstverständlich. Entscheidend ist das Mindset. Gerade Ingenieure neigen zu Understatement. Sie sagen: „Meine Ergebnisse sprechen für sich.“ Das tun sie nicht. Niemand kennt die internen Erfolge aus Forschung oder Entwicklung. Mein Rat lautet: Tue Gutes – und sprich darüber. Benennen Sie Ihre Erfolge. Erklären Sie Ihren Beitrag. Machen Sie sich erkennbar. Und ganz wichtig: Signalisieren Sie Offenheit. Unternehmen befürchten bei älteren Kandidaten mangelnde Flexibilität. Wer glaubhaft zeigt, dass er neue Technologien annimmt und gestalten will, räumt dieses Vorurteil aus.
Gute Vorbereitung und das Gewesene abschließen
ingenieur.de: Wie wichtig ist die Vorbereitung auf Gespräche?
Schönfeld: Enorm. Schlagfertigkeit ist das, was einem auf dem Heimweg einfällt. Bewerber müssen strukturierte Antworten parat haben: Wie habe ich geführt? Wie habe ich Teams aufgebaut? Welche Ergebnisse habe ich erzielt? Wer unvorbereitet auftritt oder sich nicht verkaufen will, scheitert regelmäßig. Und noch etwas: Man muss innerlich abschließen. Wer nach 20 Jahren im Unternehmen noch im alten System denkt und ständig sagt „So haben wir das früher gemacht“, wird nicht überzeugen.
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Wichtigste Voraussetzung: Offen sein für Neues
ingenieur.de: Gilt das auch für erfahrene Fachkräfte außerhalb des Managements?
Schönfeld: Absolut. Wer signalisiert: „Ich will noch, ich bringe Erfahrung mit und bin offen für Neues“, hat Chancen. Was nicht funktioniert: warten und hoffen. Der Wettbewerb wird härter. Die Geschwindigkeit nimmt zu. Initiative ist gefragt – in jeder Altersklasse. Wer einen klaren Plan entwickelt, aktiv auf Unternehmen zugeht, Gespräche trainiert und aus Rückmeldungen lernt, erhöht seine Chancen erheblich.
ingenieur.de: Ihr Fazit?
Schönfeld: Für nahezu jedes Profil gibt es ein passendes Umfeld. Aber Bewerber müssen ihre Stärken kennen, sie klar formulieren und überzeugend transportieren. Wer glaubt, dass sich die Lage von selbst verbessert, wird enttäuscht werden. Gerade jetzt gilt: Erfahrung ist kein Makel – sondern ein Angebot. Man muss es nur selbstbewusst vertreten.
Masterpiece GmbH – Executive Search Advisors selbstständig machte. Seitdem unterstützt er Unternehmen mit seiner Expertise bei der Suche und Auswahl von Führungskräften. Schönfeld ist Experte für technologische Innovation, Unternehmertum, Fertigungslösungen und Transformation im Lösungsgeschäft. Einen besonderen Fokus legt er auf e-Mobility, Batteriefertigung, Fabrikautomation sowie auf die Besetzung von Positionen im IT-nahem Umfeld.
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